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Wir haben im Spielplan vertretene Autor/innen im Gedenkjahr 2018 um Texte zum Artikel Eins der österreichischen Verfassung gebeten, für welche 1918 die Grundlagen geschaffen wurden: „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“ Karin Peschka („Watschenmann“) über das Überdauern und Verwittern von Ideen.

Papier ist geduldig, und Stein ist es auch, sogar ein Baum lässt das hineingeschnitzte Herz über sich ergehen in stoischer Gelassenheit. Nun, Sie werden sagen, was soll er tun, wegrennen? Die Wurzeln aus dem Boden ziehen und den Wald verlassen? Er wird’s nicht, keine Sorge, aber und allerdings: Ritzt man ihm das Herz zu früh ins Fleisch, hat sich das Kambium noch nicht gefestigt beim Ansetzen des Taschenfeitls, dann geht er zugrunde, der Baum, und mit ihm die auf ewig geschworene Liebe.

Papier ist geduldig, Daten können gelöscht werden, Ordner verbrannt, Archive zerstört, Gebäude gesprengt, zerbombt. Ein einzelnes Gehirn stirbt schnell, verwehrt man ihm den Sauerstoff, und kollektives Gedächtnis lässt sich übertünchen, überlagern, überzeugen, dazu braucht es nicht viel. Ein wenig Werbung, ein wenig Buntheit, Prominente zum Bewundern, Prinzessinnen mit Schwangerbauch, edle Upperclass mit Milliarden und feinen Jachten, weiß gewandet, hochgezüchtet und uneigennützig. Man füttert Stiftungen zum Wohle der Menschheit mit dem Zinsüberschuss spekulativer Börsenspielerei.

Papier ist geduldig, dem können Sie alles sagen und es wird Ihnen antworten. Sie beruhigen, laut Kontoauszug und per Definition dürfen Sie sich zur Mittelschicht zählen, zur oberen oder unteren muss hier nicht verraten werden. Sie können den wahren Zustand Ihrer finanziellen Befindlichkeit hinter hochgezogenen Fassaden verbergen. Es hilft dabei die Mode sehr, aktuell schick ist der Verzicht, man wohnt – Sie auch? – in kühler Sterilität mit hingetupften Akzenten, wie zufällig erworben, da ein Stück Kunst und dort ein Stück Antik, es braucht nicht viel zu sein, dafür hochwertig und nachhaltig und achtsam. Glas, Beton, dunkles Holz, der schwere Esstisch aus Familienbesitz verankert im Zentrum der Welt.

Papier ist geduldig, aber Worte sind es nicht. Sie zwingen den Blick. Wer A sagt, muss B sagen, wer Mittelschicht sagt – und dieser Begriff ist gefallen, er neigt dazu, es ständig zu tun –, der kommt auch bei Ober- und Unterschicht nicht ins Stottern, der legt bereitwillig den Kopf in den Nacken, um hochzuschauen. Dem ältelt sich das Doppelkinn beim Blick hinunter auf jene, die, wie Hofmannsthal wusste, freilich drunten sterben müssen, bei den schweren Rudern der Schiffe. Während man selbst zwar nicht grad beim Steuer droben sitzt und den Vogelflug bewundern kann, aber sich am Zwischendeck gut gepolstert und gepanzert gegen Unbill und Leid einer Zukunft entgegen fahren lässt.

Papier ist geduldig. Ihm ist einerlei, ob es mit Sinn oder Unsinn bedruckt, ein Manifest, eine Regierungsvorlage, ein Prospekt, ein Witzblatt oder eine Zeitung wird, der Zeitung wiederum ist es egal, ob man sie liest oder ihr, in kleine Stücke gerissen und mit Kleister vermischt, als Pappmaché-Maske neues Leben einhaucht, in den gängigen Farben bemalt zur allfälligen Verwendung griffbereit an den Nagel gehängt. Man weiß ja nie, woher der Wind weht, vor wem man sich beugen muss, um mittreten zu dürfen. Der Wirtschaft beim Wachsen helfen. Ist man sehr leise, hört man sie knistern.

Wir waren beim Papier, das geduldig ist, und Worten, die zwingen. Kommt eins zum anderen, werden Worte auf Papier gezwungen, heißt das nicht, sie hätten Bestand. Sie sind, wie der eingangs erwähnte Baum, sorgsam zu behandeln. Die Herzform an sich erfordert kein Ritzen. Das Hineinwandern in den Forst oder Park oder Garten in romantischer Stimmung, das Beschädigen der Rinde zwecks Zusicherung vorhandener Emotion. Das Hinauswandern aus Forst, Park oder Garten mit dem Vorsatz, zum zehnjährigen Jahrestag Nachschau zu halten, auf welcher Höhe des Stammes sich das Zeichen befinden wird. Es geigen und weinen die Engel. Man stößt an mit Prosecco und vergisst. Papier ist geduldig, ich bleibe dabei. Man kann es auf ein Brett kleben und dieses – vorsichtig – an den Baum heften, als weiteres Werkzeug der Wahl sei ein Bleistift empfohlen, tragen Sie einen bei sich? Es lassen sich damit wunderbare Herzen malen. Die, um Bestand zu haben, immer und immer wieder nachgezogen werden müssen. Am besten, wir einigen uns darauf, abwechselnd nach dem Baum zu sehen, ob das Brett noch hängt, ob die Inschrift noch erkennbar ist, und um mit dem Stift die Linien zu erneuern, wenn Sonne, Wind, Regen oder ein Eichhörnchen
sich daran vergangen haben.

Karin Peschka, geboren 1967, aufgewachsen in Oberösterreich, lebt seit 2000 in Wien. Für ihren Debütroman Watschenmann hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Bérénice Hebenstreit wird den viel beachteten Roman für die Bühne adaptieren (Uraufführung am 31. Jänner 2019 im Volx/Margareten).

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