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Komisch nur in der grotesken Bösartigkeit ist das Großbritannien, von dem Martin McDonagh in seiner Komödie „Hangmen (Die Henker)“ erzählt. Ensemblemitglied Lukas Holzhausen bringt das Stück auf die Bühne des Volx/Margareten – und spielt zugleich den Henker Harry Wade. Dramaturg Roland Koberg über einen vielfach Talentierten.

Die Verkörperung einer abendfüllenden Titelrolle wird nicht einfacher, wenn man gleichzeitig zwölf Kollegen inszeniert, sich selbst eingeschlossen. Wenn man dabei auch noch, wie es sich für einen verantwortungsvollen Regisseur gehört, mit jeder Schraube im Bühnenbild auf du und du ist, bei Haarlängen und Flüssigkeitsreserven den Überblick behalten möchte und schließlich mit seiner Arbeit eine Aussage treffen will über die Welt, in der wir leben, dann lässt sich das in sportlicher Hinsicht nur mit der olympischen Disziplin Zehnkampf vergleichen.

Wie gut, dass Lukas Holzhausen früher Zehnkämpfer war. In den 80ern wurde er Schweizer Landesmeister in der Juniorenklasse. Jetzt ist er in der Volx-Klasse angekommen, und was Martin McDonaghs schwarze Krimi-Komödie Hangmen angeht, so darf man sagen: bei den Männern. Eine Arbeit nach dem schönen Shakespeare-Motto: Lasst mich den Löwen, den ich spiele, auch noch inszenieren.

Viele Schauspieler beginnen zu inszenieren, weil sie den Regisseuren, mit denen sie zu tun haben, nicht mehr trauen. Bei Lukas Holzhausen scheint mir der Wunsch zu inszenieren, dem er als Ensemblemitglied des Volkstheaters nun regelmäßig nachgehen kann, eine Art äußerliche Konsequenz eines inneren Zustands zu sein: Auch als Schauspieler auf der Bühne ist er jemand, der nichts um sich herum unbeobachtet lässt. Wenn er spielt, dann wissen seine Kollegen: er sieht sie. Er sieht alles, auch die Zuschauer im zweiten Rang. Er hat das, was man bei Schauspielern das dritte Auge nennt, eine Art Kontrollfunktion, mit der er nicht nur den anderen, sondern auch dem Publikum und letztlich sich selbst immer zusieht.

Vielleicht ist das gar nicht angenehm (jedenfalls stellt man sich das als Nicht-Schauspieler so vor), wenn man auf der Bühne in einer Figur mehr wahrnimmt als vielleicht nötig. Aber, ob angenehm oder nicht, Lukas Holzhausen macht als Schauspieler etwas daraus. Seine Figuren haben häufig einen gewissen Überdruck, gepaart mit körperlicher Anspannung, es platzt ihnen gleich der Kragen, die Hose oder der Schädel, und der Versuch sich unter Kontrolle zu halten, führt in schwindelerregende Höhen. Bei seinem Menschenfeind Alceste, den er seit Oktober am Volkstheater spielt (bezeichnenderweise zum zweiten Mal, er verkörperte die Rolle auch vor Jahren in Frankfurt), ist die Anspannung Programm. Es ist der Clou der Inszenierung von Felix Hafner, dass Alceste uns nicht mit einer einfachen, irgendwie beruhigenden Botschaft entlässt (er tut ja doch alles nur aus Liebe zu einer Frau), sondern dass er noch im Geständnis seiner Liebe auf seinem Alleinstellungsmerkmal Egomanie, das auch ein Auf-Sich-Allein-Gestellt-Seins-Merkmal ist, beharrt; auf seinem Herrschafts- und Deutungshoheitsanspruch, die in die Einsamkeit führen.

Lukas Holzhausen, Evi Kehrstephan &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Lukas Holzhausen und Evi Kehrstephan in Der Menschenfeind © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Charakterglatzkopf mit Dickschädel kann Lukas Holzhausen „Hochstatus“, wie das im Theaterjargon heißt, wenn eine Figur sich über anderen sieht und die Wahrheit oder wenigstens die Macht auf ihrer Seite weiß. Umso berührender, wenn seine hart angelegten Figuren auf der Bühne Risse bekommen, wie in den zwei Inszenierungen, die Dušan David Pařízek mit ihm am Volkstheater gemacht hat. Sein Musikphilosoph Reger in Alte Meister – Bernhards Wiener Bruder von Molières Menschenfeind – rührt einen zu Tränen, sobald er sich in die Waagrechte zurückzieht und, zusammengekauert auf der schmalen Museumsbank, all die Dinge hervorstammelt, die ihn in der Einsamkeit seiner Wohnung umgeben. Sein jüdischer Devotionalienhändler Julius Löwenthal im Narrenschiff (die Rolle wurde im Film von Heinz Rühmann versüßt) hat ein Problem mit seiner Außenseiterrolle erst, als ein anderer sie ihm streitig macht. In Löwenthals überschäumender Hassrede zu dem vom Kapitänstisch verwiesenen Goj, der sich anmaßte eine Jüdin zu heiraten, zeigt sich mehr Verletzlichkeit als die demutsvolle Darstellung eines Ausgegrenzten es je leisten könnte.

Lukas Holzhausen &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Lukas Holzhausen in Alte Meister © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lukas Holzhausen hat damit zu leben gelernt, auf der Bühne nicht für das Angenehme zuständig zu sein. Wenn ich ihn früher in Köln als Polonius, am Schauspielhaus Hamburg als Präsident in Kabale und Liebe, als Robespierre und als Cheruskerfürst Hermann, in Zürich als König Artus, als Stauffacher und als Gantenbein gesehen habe (meistens in Inszenierungen von Dušan David Pařízek), dann blieb immer ein Mann in Erinnerung, der es niemandem schuldig ist, zu gefallen.

Er ist ein Schauspieler, bei dem man immer versteht, was er meint (was nicht so selbstverständlich ist, wie es sich anhört). Auch diese Eigenschaft hat Lukas Holzhausen in seinen Zweit-Beruf als Regisseur hinübergerettet. Seine Rede ist ja ja und nein nein und seine Argumente sind Argumente in der Sache. Das macht es im speziellen Fall Hangmen für die Mitwirkenden einfacher, damit umzugehen, dass ein Kollege sie inszeniert, der mit ihnen auf der Bühne steht und sich eigentlich artig begaffen lassen sollte wie alle anderen auch. Der anweisende Mann in der Hauptrolle ist nur an der Sache interessiert und an der Mechanik, die diesem präzise gebauten Stück innewohnt wie einer Taschenuhr. Lukas Holzhausen müsste gar nicht Schweizer sein, damit man ihm zutraut zu wissen, an welchem Rädchen als nächstes zu drehen ist.

Auf Hangmen und seinen halben Titelhelden Harry Wade – die andere Titelheldhälfte meint seinen größten Rivalen Albert Pierrepoint – ist Lukas Holzhausen wohl auch deshalb angesprungen, weil in diesem Stück niemand gefallen will, oder wenn, dann nur auf höchst unvorteilhafte Weise, die schnell ins Gegenteil umschlägt. Lauter kleine Rechthaber sind bei McDonagh unterwegs, nichts Schlimmeres könnte ihnen zustoßen als nachgeben zu müssen. Als Regisseur, unterstützt von Calle Fuhr als Regie-Mitarbeiter, kümmert sich Lukas Holzhausen darum, dass man nichtsdestotrotz mit diesen Typen mitgehen und ihnen folgen möchte – im Wissen darum, dass die angenehmen Leute selten die interessantesten sind und schon gar nicht die witzigsten. Immer rein ins Schlammassel, in dem Harry Wade am Schluss auch selber sitzt. Lukas Holzhausen, der über ein Kamera-Gedächtnis für Filme verfügt, vor allem für diejenigen von Quentin Tarantino, sägt als Regisseur mit böser Freude an dem Ast, auf dem seine Figur sitzt. Allein für diese Übung aus der Abteilung Stabhochsprung wird sich sein neuerlicher Fachwechsel gelohnt haben.