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"Niemandsland" erzählt unter anderem vom Leben nach dem Krieg und dem Umgang mit seelischen Verwundungen. Stückdramaturgin Veronika Maurer im Gespräch mit Dr. Barbara Preitler, Psychotherapeutin bei HEMAYAT – Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende.

Veronika Maurer: Hemayat wurde 1995 gegründet. Woher kamen die ersten Klient/innen?

Barbara Preitler: Interessanterweise hatten wir am Anfang sehr wenige Klient/innen aus dem ehemaligen Jugoslawien – obwohl die Kriege ja ganz aktuell waren. Das lag vermutlich daran, dass die Betroffenen versucht haben, nur nach vorne und nicht zurück zu schauen, und weil damals die Integration doch besser gelungen ist. Sie kamen dann erst ab 2005.

Viele der Klient/innen aus der Anfangszeit kamen aus dem Iran, möglicherweise, weil ein Kollege selbst aus dem Iran kommt und damit von Anfang an eine Vertrauensbasis gegeben war. Viele Klient/innen kamen auch aus verschiedenen Regionen Afrikas, andere aus dem Irak. Es war anfangs viel durchmischter. Wir haben oft medizinische Versorgung ohne Krankenschein angeboten, was daran lag, dass viele Asylwerber/innen nicht in der Grundversorgung und damit nicht krankenversichert waren. Das ist inzwischen dank Grundversorgung viel besser geworden. Heute kommen die meisten unserer Klient/innen aus Tschetschenien und Afghanistan und zunehmend mehr aus Syrien und dem Irak.

Weswegen nehmen Geflüchtete die Hilfe von Hemayat in Anspruch?

Wir sind ein Behandlungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende, wir arbeiten hauptsächlich mit schwersttraumatisierten Menschen, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen geworden sind. Die Traumatisierungen unserer Klient/innen rühren nie von einer einzelnen traumatischen Situation her. Diese Menschen haben alle vielfache und extreme Situationen erlebt, in denen immer auch die Möglichkeit, sie vielleicht nicht zu überleben und vollkommen hilflos ausgeliefert zu sein, mit eine Rolle gespielt hat.

In der Fluchtbewegung vom Herbst 2015 kam außerdem das Erleben von Entindividualisierung hinzu. Nicht mehr als Person gesehen zu werden, sondern als eine/r von 3.000, die heute an der Grenze von x nach y stehen, als eine/r von 200, die gerade da oder dort sind. Es war, als wären die Menschen keine Individuen mehr, sondern Pakete, die transportiert werden mussten; eine Situation, in der es schwierig war, eigene Bedürftigkeit zu benennen. Das hat große Angst gemacht und durchaus auch zu psychischen Verletzungen geführt. Es stellt sich aber die Frage, ob man überhaupt von posttraumatisch reden kann, solange die Asylverfahren noch am Laufen sind, oder, was wir vielfach erleben, dass Syrer/innen zwar anerkannt sind, aber ihre Familien in den Kriegsgebieten festsitzen. Da muss man ja nur die Nachrichten verfolgen, um zu verstehen, was für eine enorme Belastung das für die Menschen darstellt. Insofern sprechen wir oft gar nicht von posttraumatisch, weil die Traumata nicht post-, also vergangen- sind, sondern weiter wirken.

Es ist bestimmt nicht leicht, nach traumatisierenden Erfahrungen in einem fremden Land eine Gesprächstherapie zu beginnen.

Unser Angebot ist nicht ganz niederschwellig; die Leute müssen zu uns kommen, wir machen keine aufsuchenden Therapieangebote. Das hat natürlich auch den Sinn, diesen speziellen, geschützten Raum in der Betreuungsstelle zu erhalten. Wir haben Klient/innen, die von Freiwilligen begleitet werden, weil sie es allein nicht schaffen würden, hierher zu kommen. Oft kommen bei den ersten Terminen auch Vertrauenspersonen mit, manchmal auch die ersten Minuten mit in den Therapieraum, weil die Angst vor dieser neuen Situation oft groß ist. Andere wiederum würden gern Therapie machen, aber wollen nicht schon wieder erzählen müssen. Dem halten wir entgegen, dass bei uns niemand irgendwas erzählen muss. Wir sind keine Behörde, das heißt, bei uns darf man erzählen, aber man muss nicht. Es gibt durchaus Therapieprozesse, in denen es zwei Jahre lang um Stabilisierung geht, weil die Traumata einfach nicht gut ansprechbar sind. Aber das ist individuell sehr verschieden. Als Therapeutin gehe ich mit dem/der Patient/in in seinem/ihrem Tempo, und wenn es Zeit ist, etwas auszusprechen, wird eingeladen, es zu tun, und es wird Verschwiegenheit zugesichert.

Brauchen Therapeut/innen Kenntnisse über die politische Situation in den Herkunftsländern?

Ja. Über die politischen Hintergründe im Heimatland, auf den Fluchtwegen, aber auch hier in Österreich. Wir müssen Bescheid wissen. Wenn jemand verzweifelt mit irgendeinem Papier kommt, das er/sie gekriegt hat, muss ich die therapeutische Haltung verlassen und klären, was das ist und ob Handlungsbedarf besteht. Es ist uns wichtig, an der Seite der Menschen zu sein. Wir machen keine parteipolitischen Statements, aber dass eine Menschenrechtsverletzung falsch ist, und dass wir sie in ihren Menschenrechten unterstützen, das wird den Menschen sehr wohl zugesichert.

Wieviele Frauen und Männer kommen zu Hemayat?

Ungefähr gleich viele.

Gehen Frauen mit Traumata anders um als Männer?

Ja, Frauen fällt es leichter, zu verbalisieren, Hilfe zu suchen, Emotionen auszudrücken. Es arbeiten zwar viel mehr Frauen als Therapeutinnen mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen, aber wir sind sehr froh um unsere männlichen Kollegen. Viele Klient/innen, sowohl Frauen wie Männer, haben Angst, zum Beispiel heißt es: “Männer haben mir das angetan” – und dann wird generalisiert auf alle Männer. Zu uns kommen durchaus auch Männer, die sagen: “Ich will zu einer Frau, weil ich mich da sicherer fühle.”

Wir bieten Frauen natürlich ein rein weibliches Setting an – also, wenn nötig, auch mit Dolmetscherin – aber es kann für die Betroffenen sehr hilfreich sein, wenn irgendwann auch ein Mann mit ins Team kommt, um die angstfreie Erfahrung zu machen, dass bei weitem nicht alle Männer Täter sind, und dass auch mit einem Mann eine gute, sichere therapeutische Beziehung möglich ist.

Inwieweit ist eine Heilung der Traumata möglich?

Ich glaube, in unserem Bereich der Psychotherapie erleben wir viel mehr Erfolgsgeschichten als z.B. Kolleg/innen, die sich auf Depression oder Psychosen spezialisiert haben, weil Traumata einfach Verletzungen sind. Sie sind natürlich extrem verschieden in Bezug darauf, was genau passiert ist, wie es passiert ist und vor allem wie lange es gedauert hat, aber dennoch erleben wir sehr oft, dass Menschen ihr Leben wieder sehr gut in den Griff bekommen. Natürlich wird die Trauer um das, was passiert ist, nie ganz verschwinden; und auch die Verstorbenen werden nicht mehr lebendig, auch nicht durch die beste psychotherapeutische Intervention. Es geht bei der Behandlung posttraumatischer Belastungen darum, die Zeitdimensionen richtig zu stellen: Das heißt, dass das, was vergangen ist, auch vergangen sein darf, dass die Gegenwart als Gegenwart gelebt werden kann, und dass auch Zukunftsperspektiven möglich sind. Viele kommen und sagen: “Ich will nur vergessen.” – Aber das geht einfach nicht. Es wird immer Teil der Biographie sein, aber es darf vergangen sein.

Bei der Figur Azra in Niemandsland bricht das Trauma aus dem Krieg erst nach langer Zeit auf.

Wir hatten bis ungefähr 2005 überhaupt keine Klient/innen aus dem ehemaligen Jugoslawien, und dann kamen sie auf einmal – sehr oft über die Orthopädie. So als würde diese Last der Vergangenheit tatsächlich auf den Schultern liegen. Die Symptome betrafen die typischen Stellen: Schultern, Wirbelsäule, Knie. Aber sie waren physisch-orthopädisch zu wenig behandelbar. Wir kennen aus der Psychotraumatologie die Latenzzeit, das heißt, dass man nach traumatischen Erlebnissen eine Zeitlang ein Stück weit frei von dieser Vergangenheit ist. Aber nach einiger Zeit kommt dann das, was in der Vergangenheit passiert ist, doch hoch. Diese Latenzzeit kann auch 40 Jahre, ein ganzes Arbeitsleben lang dauern. Aber sie kann eben auch einige Jahre betragen. Oftmals haben die Betroffenen in Österreich sofort zu arbeiten begonnen – bis es plötzlich körperlich nicht mehr ging, oder ein anderes einschneidendes Erlebnis, das objektiv gar nicht so groß sein muss, zum Zurückfallen in die Kriegssituation führte. Voriges Jahr geschah etwas Ähnliches, als die Bilder von den Flüchtlingen durch die Medien gingen: Wieder sind durch den Balkan Karawanen von Flüchtlingen gezogen. Das holte Erinnerungen herauf: “Das sieht aus, wie es damals ausgesehen hat, als wir vor 20 Jahren unterwegs waren. Das haben wir auch erlebt.”

Wie ist die Situation von Hemayat?

Unser größtes Problem ist die ewig lange Warteliste. Ich glaube, zur Zeit warten 400 Menschen auf einen Therapieplatz. Das quält uns sehr. Das ist mit ein Grund, warum Therapie auf Krankenschein sehr wichtig wäre. Und natürlich bräuchten wir eine bessere Ausstattung. Ich glaube, dass wir in diesen 20 Jahren ein nicht mehr wegzudenkender Baustein im Gesundheitssystem dieser Stadt geworden sind, aber unsere Finanzierung läuft noch immer so, als würde man unser Hobby finanzieren. Wir bräuchten Mittel, damit wir sowohl mehr Klient/innen betreuen könnten, aber auch um die Mitarbeiter/innensicherheit und -zufriedenheit zu gewährleisten. Die Zusatzmittel, die wir bekommen haben, wurden alle eingesetzt, um mehr Menschen dieses Angebot zu ermöglichen.

Welchen Wunsch hören Sie von Ihren Klient/innen am häufigsten?

Als Mensch gesehen zu werden. Es gibt oft eine enorme Dankbarkeit gegenüber Österreich, aber auch den Wunsch: “Gebt mir eine Chance, gebt mir eine Möglichkeit, zu leben.”

Von Dr. Barbara Preitler erschien soeben:  An ihrer Seite sein. Psychosoziale Betreuung von traumatisierten Flüchtlingen, Studienverlag 2016.

Mehr Informationen über die Arbeit von HEMAYAT finden Sie hier.

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