Menü
 

Diese Woche hat die Bezirke-Tour von "Der Lechner Edi schaut ins Paradies" begonnen. Dramaturgin Veronika Maurer hat mit dem Hauptdarsteller Thomas Frank über Arbeit, Nichts-tun, das Waldviertel und Simmering gesprochen.

Veronika Maurer: Du hast zuletzt den Wendelin in Höllenangst gespielt, einen Schustersohn …

Thomas Frank: Ah, so weit holen wir aus?

… der zuerst in einer Fabrik und danach als Gefängniswärter gearbeitet hat …

… und der dann arbeitslos ist. Er musste untertauchen, weil er einen Wohltäter, der seiner Familie geholfen hat, aus dem Gefängnis befreit hat.

Und jetzt spielst du den Lechner Edi. Der Lechner Edi schaut ins Paradies wurde knapp 90 Jahre später geschrieben als Höllenangst und spielt auch in Wien. Edi hat in einer Schuhfabrik gearbeitet …

Ich bin also in die Fußstapfen meines Vaters aus Höllenangst getreten.

… und hat diesen Job verloren.

Ich war selbst schon mal arbeitslos, aber nur kurz. Ich habe Anlagenmonteur gelernt und war anschließend beim Bundesheer. Als ich danach nach Wien gezogen bin, hatte ich keinen Job. Aber meine Einstellung war: Ich nehme, was ich kriege, und so habe ich begonnen, Botendienst zu fahren, obwohl ich mich Nüsse ausgekannt habe in Wien. Es war die Hölle. Ich bin immer zu spät gekommen, überall waren Staus. Einmal bin ich sogar mit einer Bim zusammengestoßen, aber der Bimfahrer war schuld. Glaube ich jedenfalls.
Dann habe ich zum Glück einen Anruf von einer Leasing-Firma bekommen. Die florieren ja noch immer, weil sich die Arbeitgeber sehr viel Aufwand ersparen. Man nimmt einen Leiharbeiter und erspart sich das Administrative. Ich glaube, man kann auch arbeitsrechtliche Dinge übergehen, also Kündigungsschutz, solche Sachen. Wenn einer nicht passt, gibt man ihn wieder zurück, dann ist er weg. Für den Arbeitgeber ist das einfacher.

Wie lange warst du bei dieser Leasing-Firma?

Ungefähr drei Jahre. In der Firma, an die wir verleast waren, sagte man uns, dass wir unsere Überstunden schwarz aufschreiben sollen; wir würden sie dann schon bezahlt kriegen. Das wurde dann immer weiter verschoben, verschoben, verschoben, bis die Firma in Konkurs gegangen ist und ich natürlich auf den ganzen schwarzen Stunden sitzen geblieben bin. Dann hat mir die Gewerkschaft geholfen, dass ich wenigstens die normalen 40 Stunden ausgezahlt bekam.

Und was hast du alles montiert?

Angefangen hat es im Stahlbau mit dem Aufstellen von Hochregalen. Dann hat diese Leasing-Firma einen eigenen Montagezweig aufgebaut und wir haben für Möbelhäuser, am Flughafen und für eine Speditionsfirma Montagen und Wartungen von Brandrauch-Entlüftungen, Brandschutz-Toren, normalen Rolltoren usw. durchgeführt.
Normalerweise, also bei einer seriösen Firma, würde man eine Einschulung in die Brandschutzrichtlinien kriegen. Damit hat sich bei uns keiner wirklich ausgekannt.

Wie bist du dann auf die Idee gekommen Schauspieler zu werden?

Das kommt aus meiner Kindheit! Meine Mutter hat Laientheater gespielt. Als Kind bin ich immer dabei gewesen und habe später angefangen selber zu spielen, bin immer älter geworden, habe immer mehr gespielt. Eigentlich bis kurz vor der Schauspielschule. Damals war gerade diese Leasing-Firma in Konkurs gegangen und ich habe bei einer anderen angefangen, wo es besser war. Aber ein Freund aus der Laientheatertruppe sagte zu mir: „Du spielst doch so gern. Mach doch mal eine Aufnahmeprüfung bei einer Schule.“ Und obwohl ich mich damals auch schon anderweitig umgesehen hatte, nach Montage-Arbeiten im Ausland, dachte ich: Ja, warum eigentlich nicht.
Als ich mich dann am Max Reinhardt Seminar beworben habe, bin ich gleich in der ersten Runde rausgeflogen. Aber ich dachte: Einmal probiere ich’s noch. Und es hat funktioniert.

Als Schauspieler hat sich dein Arbeitsalltag dann sicher sehr verändert, oder?

Ja natürlich, der Alltag damals hieß, um sieben Uhr auf der Baustelle zu sein und dann bis um vier oder fünf, oder mit Überstunden bis um sechs oder sieben zu arbeiten. Teilweise haben wir auch Überstunden bis um zwölf oder eins in der Nacht gemacht, und am nächsten Tag waren wir um sechs Uhr schon wieder auf der Baustelle. Absurde Geschichten. Du denkst, dass du zumindest den Abend frei hast, aber da machst du nicht mehr viel. Du bist hundskaputt, isst was, legst du dich vor den Fernseher und um zehn oder elf schläfst du.

Kannst du den Edi verstehen, der seinem Job nachtrauert?

Nein, nicht so wirklich. Obwohl, andererseits kann ich das schon verstehen: Er hat keine Aufgabe mehr, und jeder Mensch will schließlich das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Zu etwas nützlich sein auf dieser Welt. Das führt mich zu meiner These: Wenn der Mensch kapieren würde, dass er keine höhere Aufgabe im Leben zu erfüllen hat, wäre vieles einfacher auf der Welt. Dann wären die Leute entspannter unterwegs.

Wie meinst du das?

Es hat ja niemand dem Menschen gesagt: Hey, du musst das Rad erfinden oder die Atomkraft. Es würde ja eigentlich genügen, irgendwo in einem Wald zu leben und Essen zu organisieren.

Du kommst aus dem Waldviertel, wo die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist. Wie wird damit umgegangen?

Es gibt einige Projekte, bei denen versucht wird, auch Langzeit-Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber die Wirtschaft im Waldviertel wandert ab, weil Tschechien so nahe ist, wo es natürlich billiger ist, zu produzieren. Und es gibt leider keine Ressourcen im Waldviertel, die für Firmen interessant wären. Steine gibt es viele und Wald gibt es viel. Und überall ist eine Karpfenzucht. Aber davon alleine kann man nicht leben. Es wird schon auch versucht, Tourismus zu betreiben, aber es gibt eben nur unsere Teiche, die auch nicht so attraktiv sind wie die Seen im Salzkammergut. Dann versucht man es anders: Bei uns in Heidenreichstein zum Beispiel wurde ein Erlebnispark aufgebaut, die „Anders-Welt“. Das ist großartig in die Hose gegangen, obwohl ich den Gedanken dahinter super fand: dass man zusammen etwas schafft.

Das heißt, dass es für eine Gegend wie das Waldviertel viel bedeuten würde, wenn die materielle Versorgung nicht mehr nur an Lohnarbeit gekoppelt wäre, wenn es zum Beispiel ein Grundeinkommen gäbe.

Auf jeden Fall. Die Menschen müssten nicht mehr der Arbeit hinterher wandern und wegziehen. Es gibt auch viele junge Leute, die im Waldviertel leben und weite Strecken zur Arbeit pendeln. Das muss man auch erst mal schaffen. Aber wenn man über ein Grundeinkommen sprechen will, muss man das genauer erklären, weil die Leute teilweise engstirnig denken. Sie sagen: Das geht doch nicht, das ist eine faule Sau, der will nur nicht arbeiten und bekommt trotzdem Geld, oder wie?

Denn es gilt: Egal, was du tust und wie sinnlos das ist, Hauptsache du arbeitest fleißig und verdienst dein Geld. Dabei gibt es viele sinnvolle Dinge zu tun, die nur nicht immer mit Lohn verbunden sind.

Es wird einem von der Kindheit an eingeimpft, dass man immer etwas machen muss. Leute, die eh schon 40 Stunden in der Woche arbeiten, bauen daneben noch ein Haus und haben angefangen zu schnitzen und fahren Motorrad. Und ich denke mir: Kannst du auch mal dein Leben genießen? Man muss ja nicht ständig wo umeinanderbohrdln. Das ist ja furchtbar. Ich glaube, man wird dadurch so unaufmerksam den anderen Menschen und der Welt gegenüber. Man lebt in seinem eigenen Kosmos und denkt: Alles ist gut, weil keiner schlecht über mich redet, weil ich ja ein Fleißiger bin.
Und wenn man dann stirbt, wird gesagt: Ja, er hat ja immer viel gearbeitet, ist ja klar, dass er mit 50 oder 60 gestorben ist.

Nie in der ganzen Geschichte bis zur Neuzeit waren die Menschen so besessen vom Arbeiten. Nicht mal die Sklaven im alten Rom haben so viel gearbeitet wie wir heute.

Auch in mir ist der Gedanke tief verwurzelt: Irgendwas muss man ja machen. Aber Theater spiele ich einfach gern. Ich könnte es nicht, wenn ich es müsste. Gleichzeitig denke ich, wenn man etwas verändern oder den Menschen wirklich helfen möchte, geht man doch besser zu einer Hilfsorganisation. Das Theater gilt doch eher als Unterhaltungsmedium.

Für Jura Soyfer war es das auch, aber er hatte als Theatermacher ganz klar politische Ziele. Der Schluss des Stücks Der Lechner Edi schaut ins Paradies, das „Auf uns kommt’s an“ – das war ein politischer Aufruf.

Ja, aber es kommen ja auch immer Leute ins Theater, die ohnehin über bestimmte Sachen nachdenken und das kulturelle Angebot im Stadtzentrum wahrnehmen.

Ihr kommt mit dem Lechner Edi auch nach Simmering.

Da habe ich mal gewohnt, in Simmering. Ich bin immer mit dem 71er gefahren, am Zentralfriedhof vorbei. Damals war ich noch nicht so etabliert in Wien, deshalb bin ich nicht oft in die Stadt reingefahren zum Fortgehen. Und wenn, dann bin ich mit der U3 dreimal im Kreis gefahren, weil ich eingeschlafen bin. Ich habe damals in einem Neubau-Wohnkomplex gelebt. Es gab eine Tankstelle und einen Baumarkt um die Ecke, es war also alles da.

Dann ist es also eine Heimkehr für dich, wenn ihr jetzt mit der Tour nach Simmering kommt?

In die SIMM-City, ja. Da waren wir früher öfter beim Mäci, oder Einkaufen oder Kaffee trinken. Und in Meidling war das Büro der Leasing-Firma. Floridsdorf ist mir auch sehr vertraut. Die Wohnung meiner Tante stand einmal leer, dann habe ich dort ein bisschen gehaust. Meine Mutter ist Wienerin, deswegen habe ich hier Oma, Opa, Tante, Onkel. Die werden alle zur Vorstellung in Floridsdorf kommen.

 

Man muss ja nicht ständig wo umeinanderbohrdln.: Man muss ja nicht ständig irgendwo herumgraben, d.h. ununterbrochen tätig sein.