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Eine Zwischenbilanz in Zahlen

Die Schadenfreude ist so alt wie die Menschheit. Nichts schafft mehr Vergnügen, als dem anderen beim Scheitern zuzusehen. Zumal, wenn der Betreffende sich über das Normalmaß erhebt und nach dem Höhenflug tief abstürzt. Das ist der Stoff, aus dem viele Komödien gemacht werden. Den Kampf der Protagonisten mit der Tücke des Objekts zu beobachten, aus dem sicheren Dunkel des Zuschauersaals, nennt man Unterhaltung.

Ob Komödienstoffe zum Lachen taugen oder nicht, hängt von den Ingredienzen ab. Viele Faktoren müssen zusammen kommen.  Ist die Grundidee tragfähig? Stimmen die Pointen? Passt die Besetzung? Verhält sich das Energielevel der Szene proportional zum verhandelten Betrag? Pulsiert das Blut der Schauspieler/innen im Rhythmus der sich anbahnenden Katastrophen? Manövrieren sich die Akteure mit vollem Körpereinsatz durch das Schlachtfeld? Und behalten bzw. verlieren sie ihre Nerven?

Kann der Regisseur den Prozess der zunehmenden Entgleisungen und Kollisionen führen und verstehen er und seine gegen die Dunkelheit ankämpfenden „Dschungelkrieger“ ihr Handwerk? Denn um Handwerk geht es bei der Kunst der Komödie, zweifellos. Oft mehr als in anderen Genres. Die Ausgangslage lässt hoffen, oder, um mit der Figur des Militärs Colonel Melkett zu sprechen, G.K.B. Gute Kampfbedingung. Peter Shaffer versammelt ein kontroverses Figurenarsenal um seinen Haupthelden Brindsley, einen leichtlebigen Künstlerbohemien. Zwei höchst unterschiedliche Frauen stehen ihm nahe, ohne voneinander zu wissen. Die eine, Carol Melkett, will ihn heiraten und arrangiert ein Treffen mit dem gestrengen Daddy, ein Militär von straffem Zuschnitt (Strafff mit drei „F“!) Um dem Schwiegervater in spe zu imponieren, begeht Brindsley einen folgenschweren Fehler: Er will sich und seinen Status für diese schicksalhafte Begegnung aufpimpen. Und das bewerkstelligt er mit höchst unlauteren Mitteln. In der trügerischen Hoffnung, der Milliarden schwere Kunstmäzen Godunow, der sein Kommen angekündigt hat, würde seine finanzielle Misere nachhaltig beenden, räumt er dem so wohlhabenden wie stilsicheren Nachbarn die Wohnung leer. Der in seinen ästhetischen Ansprüchen kompromisslose Antikhändler Harold und eine so gottesfürchtige wie verführbare Nachbarin sowie der Mann vom E-Werk komplettieren den Cast.

Das Volkstheater hat einige seiner stärksten Komödiant/innen aufgeboten: Steffi Krautz, Nadine Quittner, Stefan Suske, Birgit Stöger, Sebastian Pass, Sebastian Klein. Thomas Frank spielt den „Hochstapler wider Willen“, Brindsley Miller. Ob sich das Publikum mit dem Helden, dessen Kampf gegen die selbstgeschaffene Unbill im besten Falle heroische und zugleich erbarmungswürdige Züge aufweist, emotional verbinden kann, wird sich erst während der Vorstellung, im Moment des Ereignisses, erweisen.

Erste Proben von der Härte des Gefechts bekommt das Regieteam auf der Probe. Die Produktionshospitanten haben, zwei Wochen vor der Premiere, gezählt:

  • 26 Mal gerät jemand ins Stolpern, ein Telefon fällt drei Mal.
  • In den Tiefen der dunklen Behausung läuft fünf Mal jemand, von der Situation überfordert, gegen die Wand.
  • Drei Mal werden diverse Kabel dem zur Falle, der sich bewegt. Reisetaschen, die unglücklicherweise mit Henkeln und Schlaufen ausgestattet sind, heben vier Mal den Cortisolspiegel eines ahnungslosen Flaneurs, und die architektonische Finesse eines auf zwei Etagen angelegten Künstlerlofts mit Treppe fordert ihren schmerzhaften Preis.
  • Im Eifer des Gefechtes, zumal im Dunkeln, gelangen sechs Mal platzierte Schläge nicht an ihren Bestimmungsort, elf Mal kommt es zur Verwechslung des Gegenübers.
  • Neun Mal kollidiert menschlicher Körper mit Materie von größerer Dichte; der Schmerz ist die Folge.
  • Zehn Mal landen Hände dort, wo sie nicht hingehören.
  • Zwei Mal gerät ein Nervenbündel in den Zustand der Hyperventilation.

Die Anzahl der blauen Flecken auf Gesäß und anderen Körperteilen der Schauspieler/innen als Ausdruck intensiver Probenarbeit sei hier verschwiegen. 😉

Die Stimmung in der Truppe ist, ungeachtet aller Anstrengungen, bestens. Dem kann selbst Colonel Melkett nicht widersprechen.

Nur so viel noch: Der Regisseur ist jederzeit im Bilde und ganz Herr der Lage. Er hat bereits viele erfolgreiche Inszenierungen mit Stoffen des heiteren Genres an großen deutschsprachigen Schauspielbühnen und an Musiktheatern heraus gebracht.

Der Countdown läuft. Am 11. April geht Brindsleys Manöver über die Bühne – Das Volkstheater lädt ein zur Komödie im Dunkeln.