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Am 29. April feiert "Keine Angst. Eine Heimgartenrevue" Wiener Premiere. Aber wovon träumen die Wiener Kleingärtner/innen, wovor haben sie Angst, was denken sie über Europa und wie wird mit Konflikten umgegangen? Auszüge aus Interviews, die Dramaturgin Mona Schwitzer mit Wiener Kleingärter/innen führte.

Paradies

Wenn ich im Garten bin, bin ich glücklich und das ist das Paradies, ja. Und das sehen viele Leute so, also das ist nicht wirklich ein Einzelfall, sondern viele meiner Kollegen und der anderen Kleingartler, für die ist es das ganz persönliche Paradies und das merkt man auch daran, dass jeder seine eigenen kleinen Blödheiten macht. Da gibt’s ja die kuriosesten Geschichten. Da gibt’s ja Leute, die haben tatsächlich verschiedene Messbecher, wo sie den Regen messen, wie viel Regen in verschiedenen Winkeln im Garten gefallen ist. Also da gibt’s schon seltsame Konstellationen manches Mal. Das fällt für mich alles unter Paradies. Wo jeder seine Blödheit auslebt, ohne dass er seinen Nachbarn stört, dann ist das Paradies perfekt.“

Tradition

„Das traditionelle Gärtnern ist, glaub ich, vorbei. So wie es einmal war. Die Gärten, die man früher gehabt hat, waren eben dazu ausgelegt, dass man was an‘pflanzt hat, Gemüse, Obst, alles Mögliche. Das ist vergessen, das ist vorbei. Man will heute einen Garten haben mit Hecke, mit Swimming Pool und man will sich erholen, man will seine Freude an seinem Stück haben. Also, ich glaube, die traditionelle Gärtnerei ist vorbei. Vielleicht kommt’s wieder.“

Konflikt

„Es gibt Konflikte, die kurios sind, die man dann nicht einmal bekämpfen kann. Weil sie sind so abstrus, dass das auch in keinem Gesetz erfasst ist. Es gibt zum Beispiel einen Streit zwischen zwei Nachbarinnen, geschürt von den beiden Ehemännern. Das wird dann so ausgetragen, dass sich angeblich der eine justament ein Dachflächenfenster auf der Seite macht, wo die Nachbarn ihr Badezimmer haben. Und der hat dann immer im Sommer sein Fenster offen und hat da einen Lachsack stehen und wenn die anderen im Bad sind, dann schaltet er den Lachsack ein, dass der immer lacht.“

Europa

„Ja, also vielleicht ist der Kleingarten auch ein Spiegel Europas oder – ich würde es allgemeiner formulieren – eben der Gesellschaft. Ich sehe viele Haltungen in Symbolen und Handlungen im Kleingarten, die ich auch in größeren gesellschaftlichen Entwicklungen sehe, angefangen vom Schüren der Ängste durch die populistischen Parteien, die in Europa zunehmend an Boden gewinnen, Wahlen gewinnen, in der öffentlichen Wahrnehmung vorrücken, und gleichzeitig wieder diese Konzentration, das Einengen auf das Eigene. Grenzen werden wieder hochgezogen, diesmal von der anderen Seite mit anderen Begründungen, aber mit ähnlichen Wirkungen, dass es einfach wieder für alle enger wird.“

Grenze

„Ich bin eher eine Grenzgängerin und Grenzen mag ich gar nicht. Ich bin immer schon ein sehr, sehr freiheitsliebender Mensch gewesen und für mich sind Grenzen etwas Beengendes, etwas Beängstigendes. Wenn ich in Grenzen gesetzt werde, fühle ich mich nicht wohl. Ich brauche eine gewisse Weite. Ich brauche, um es kurz zu sagen, Luft zum Atmen. Ich bin nicht dafür, dass man Staatsgrenzen zumacht. Wir haben, jetzt setz ich mich wahrscheinlich irgendwo in die Nesseln, wir sind so ein glückliches Land und haben einen sehr hohen Lebensstandard. Uns geht’s gut, wir haben alles, was wir brauchen; wir haben Frieden, wir haben Arbeit, wir haben ein Sozialwesen und wir haben auch viel Geld. Und ich glaub, man sollte Menschen, die Hilfe brauchen, auch helfen. Wir haben immer noch, glaube ich, sehr hohe Kapazität, um Leute aufzunehmen. Es ist halt momentan nicht üblich, das zu sagen, aber ich sag’s trotzdem. Grenzen tun mich sehr beengen.“

Ordnung

„Ich erlebe tendenziell in der Gesellschaft einen Drang, alles in Ordnung zu bringen, alles einzuordnen, zuzuordnen. Viele glauben, in Ordnung auch Stabilität in unruhigeren Zeiten zu finden. Ordnung soll Unsicherheit beseitigen. Daher sind gerade sehr ängstliche Systeme meistens sehr hierarchische Systeme, Systeme, die sehr geordnet werden. Gleichzeitig ist ein Merkmal von Ordnung Kontrolle, Ordnungsbedürfnis. Es werden immer wieder Protokolle angefertigt, es werden immer wieder Dinge festgemacht, scheinbar in Ordnung gebracht. Das hängt auch damit zusammen, dass einzelne vielleicht mit Unordnung oder Unsicherheit schwer umgehen können. Wenn ich in diesen Ankündigungskasten vom Verein schaue, nehme ich ein zunehmendes Bedürfnis nach Kontrolle wahr: Wann wird die Gartentür zugesperrt, wann wird sie wieder aufgesperrt. Wann ist sie im Winter zugesperrt, wann ist sie im Sommer zugesperrt. Wann werden welche Spritzmittel verwendet. Also die Reglementierungen greifen um sich.“

Soziale Netzwerke

„Ich glaube, wenn man in einer Gartenbewegung ist, ergibt es sich zwangsläufig, dass man teilweise füreinander da ist. Nimmer mehr so, wie es früher einmal war, die Zeit ist vorbei. Viele haben heute nicht mehr ganz so das Bedürfnis, frei zu liegen, wie es früher mal war. Früher hat man sich in seinen Garten gelegt und hat mit dem, der fünf oder sechs Gärten weiter auch einen Garten hat, über die Gärten hinweg noch diskutieren oder reden oder plaudern oder was auch immer können. Das ist heute eher nicht der Fall, wenn man überhaupt noch mit dem Nachbar Kontakt hat, wenn man nicht zufällig eine große Thujenwand stehen hat. Also es hat sich schon ein bissel verändert. Aber es ist noch immer so, dass der Verein als soziales Netzwerk funktioniert.“

Traum

„Also mein Traum war allerweil ein doppelt so großer Garten und tatsächlich ein Schwimmteich. Das hätte sich auch verwirklichen lassen, nur meine Frau hätte mich davongejagt. Aber es gibt sehr viele Leute, die erfüllen sich Träume im Garten. Die seltensten Pflanzen existieren in den Gärten, wo man sagt, das gibt’s ja gar nicht, das wächst bei uns? Das fängt an bei Kiwis über – wie heißen diese gelben Früchte, kommen irgendwo aus Afrika oder sonst irgendwo daher – Kakis, genau. Da gibt’s schon ganz kuriose Dinge und das sind die kleinen Träume, die sich die Leute erfüllen. Große Träume gibt’s eher nichts. Ich hab mir zum Beispiel einen Traum erfüllt, ich wollte allerweil so eine Art Strandliege aus Sri Lanka oder so, komplett aus Bambus, mit einer Auflage und so. Wo ich mich mittags zurückziehen kann hinter meine Hecke, in ein schattiges Platzerl. Aber ansonsten keine Träume.“

 

Keine Angst. Eine Heimgartenrevue ab 29. April im Volx/Margareten.