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Am 23. September feierte Johann Nestroys "Höllenangst" mit aktualisierten Couplets von "Willkommen-Österreich"-Autor Peter Klien (Text) und Clemens Wenger (Musik) Premiere. Dramaturgin Andrea Zaiser hat mit den beiden Künstlern in einer Probenpause über Nestroy, Museumsstücke und Patentrezepte gesprochen.

Peter, steht Nestroy in deiner Hausbibliothek?

Peter Klien: Selbstverständlich. Seit langem. Leider nicht komplett, aber doch recht viele Stücke.

Als die Anfrage kam, die Couplets von Höllenangst zu aktualisieren – hat dich das sofort interessiert?

PK: Sofortest!

Clemens, du hast schon einige Arbeiten am Theater gemacht. War Höllenangst deine erste Nestroy-Arbeit oder gab es in der Vergangenheit schon Berührungspunkte mit dem Autor?

Clemens Wenger: Nestroy ist für mich eine Premiere. Der letzte Berührungspunkt war zur Schulzeit. Ich habe mich wahnsinnig darauf gefreut, das endlich machen zu können. Ich bin schon seit jeher theateraffin und wollte immer schon Programmmusik machen, unbedingt mit Bühne und Bild und Text arbeiten.

Karl Ferdinand Kratzl gab mal auf die Frage, wie Nestroy heute zu spielen sei, folgende Empfehlung ab: „Ich empfehle, rücksichtslos zu streichen und Fremdzitate einzubauen. Im Dialog und nicht in den verhatschten Couplets. Die Couplets sind aus dem Museum und dort auch gut.“ Was ist eure Meinung dazu?

CW: Das sehe ich überhaupt nicht so. Gerade mit meinem beruflichen Hintergrund – wir machen ja im weitesten Sinne ein Wiener Lied mit 5/8erl in Ehr´n. Wien ist eine musikalische Stadt, hat eine musikalische Seele. Darum hat Nestroy auch Couplets eingebaut. Wenn man in Wien Nestroy am Theater spielt, dann muss ein Schauspieler, der Nestroy spielt, auch die Wiener Seele mitsingen. Für die 5/8erl in Ehr´n sind Fragen wie Was passiert hier heute in der Stadt? Was machen unsere Politiker? Was machen unsere Mitmenschen? Inspirationsquellen. Beim Nestroy sind diese Themen genauso noch immer brisant – in Höllenangst gibt es die Europafrage, was gibt es bitte Aktuelleres? Warum soll ich das raushauen?

PK: Wer ist Karl Ferdinand Kratzl?

Clemens, Regisseur Felix Hafner und du habt eng zusammengearbeitet. Wie kann man sich den Entstehungsprozess von Musik und Sounddesign vorstellen?

CW: Ich habe Felix Hafner erst vor der Produktion kennen gelernt und war sehr überrascht, wie musikalisch er ist. In der Vergangenheit war das gemeinsame Arbeiten ein eher abstrakteres Reden über Musik, aber mit Felix kann man ganz schön fachsimpeln. Er hat mir das Stück aus seiner Sicht erklärt, ich habe es gelesen, und dann habe ich aus dem Bauch heraus ein paar Kompositionslayouts geschickt, ohne Szenen gesehen zu haben. Wir haben uns geeinigt, eine Hitchcock-Bernard-Hermann-Kollaboration zu versuchen: Ich habe einen Soundtrack geschrieben und mit Felix‘ Feedback Elemente weiter zu der Theatermusik und zum Sounddesign verarbeitet.

Peter, wie war deine Herangehensweise beim Aktualisieren der Couplettexte?

PK: Die Vorbereitung bestand in einer eingehenden Wiederlektüre des gesamten Textes, einer Ergründung der inhaltlichen Möglichkeiten sowie aus Diskussionen mit Regisseur, Dramaturginnen und Komponist zu Zielen der Inszenierung allgemein sowie zu Konzeption, Themen und Versmaß der einzelnen Couplets. Ich habe jeweils verschiedene Ideen und Varianten angeboten, die Festlegung der endgültigen Inhalte erfolgte dann in enger Abstimmung mit dem Regisseur. An Versmaß und Rhythmus feilte ich gemeinsam mit Clemens. Insgesamt habe ich ein Couplet original belassen und die beiden anderen neu gestaltet. Aber selbst bei den neuen Couplets habe ich immer wieder Versatzstücke aus dem Originaltext einfließen lassen. Die Sprach- und Gedankenwelt Nestroys mit heutigen Inhalten zu verbinden, schien mir eine reizvolle Angelegenheit.

In Wien weiß jeder, wie man Nestroy inszeniert. Habt ihr ein Patentrezept?

PK: Lustig und wienerisch. Das finde ich gut!

CW: Gott sei Dank nicht, sonst wäre ich hier Regisseur und nicht der Komponist, aber eine gute Antwort fände ich, auch wenn das eine Redensart ist: Wie der erste Mensch. Man soll das Stück lesen, schauen, welche Themen drinnen stecken, und wenn es einen anspringt, soll man es machen. Sonst Finger weg davon.

Könnt ihr uns schon etwas über eure kommenden Projekte verraten?

PK: Ich arbeite derzeit an meinem vierten Kabarettprogramm. Es heißt Reporter ohne Grenzen und wird am 15. November im Rabenhof Theater Premiere feiern. Dort packe ich schonungslos aus: Wie geht es hinter den Kulissen von Österreichs Politik und Medien zu? Ich liefere Hintergrundberichte zum Dreh, Anekdoten von der Begegnung mit Prominenten sowie Kommentare zum tagesaktuellen Geschehen. Natürlich darf auch eine Auswahl meiner besten Filme im Director’s Cut nicht fehlen – samt ungesendetem Material, das entweder in den viel zu kurzen Beiträgen keinen Platz gefunden hat oder, noch schlimmer, der Zensur zum Opfer fallen musste.

CW: 5/8erl in Ehr´n ist ein großer Teil meines Lebens, wir arbeiten ständig an neuen Liedern und neuem Material. Wir spielen laufend Konzerte, Ende November wird es im Porgy & Bess ein Abschlusskonzert für dieses Jahr geben. Dann machen wir erst mal Weihnachtsferien und starten im neuen Jahr wieder voll los.