Menü
 

Zwischen Schaffensdrang und Selbstzweifel: Susanne Graf, Dramaturgiehospitantin bei der Produktion "Medea", über die wechselvolle Entstehungsgeschichte von Franz Grillparzers Trilogie "Das goldene Vließ".

Wir waren in Baden angekommen, indes unser Gepäck noch zurück war. Das mir bestimmte Zimmer war von dem Sohne der Hauswirtin, einem Studenten bewohnt worden. Da meine Bücher noch nicht angekommen waren, ergriff ich einen von ihm zurückgelassenen Schweinslederband. Es war Hederichs Mythologisches Lexikon. Darin herumblätternd, fiel ich auf den Artikel Medea. Nun wußte ich, wie natürlich, die Geschichte dieser berüchtigten Zauberin sehr wohl, hatte aber die einzelnen Ereignisse in solcher Nähe auf einmal nie vor mir gehabt. Mit derselben Plötzlichkeit wie bei meinen früheren Stoffen, gliederte sich mir auch dieser ungeheure, eigentlich größte, den je ein Dichter behandelt.

Ein Kuraufenthalt in Baden im Spätsommer 1818 und ein zurückgelassenes Exemplar des Mythologischen Lexikons Benjamin Hederichs. Als hätte das Schicksal bei so viel Zufälligkeit seine Finger im Spiel gehabt, so schildert Franz Grillparzer den Beginn seiner Arbeit am goldenen Vließ. Aber es war wohl kein wirklicher Zufall, dass Grillparzer nach der Fertigstellung der Sappho, einem Drama über die gleichnamige antike Dichterin, zu dem Medea-Stoff griff. Große deutsche Dichter wie Goethe, Kleist und Hölderlin hatten im ausgehenden 18. Jahrhundert im Zuge ihrer Beschäftigung mit der griechischen Mythologie Werke wie Iphigenie auf Tauris, Penthesilea und Der Tod des Empedokles verfasst, und so wandte sich auch Grillparzer in Österreich der Antike zu. Besonders die Figur der Medea hatte sich als ein Faszinosum für den Zeitgeist etabliert. Schon zuvor waren Versionen des Mythos von Julius von Soden und Friedrich Wilhelm Gotter, 1814 und 1817, am Wiener Hofburgtheater zu sehen gewesen, und Luigi Cherubinis Medea-Oper war bereits 1802 in Wien auf die Bühne gekommen. Ebenso wenig zufällig war Grillparzers Lektüre Hederichs, war es doch das zeitgenössische Standard-Nachschlagewerk, aus dem auch Goethe und seine Dichterkollegen ihr Material bezogen. Innerhalb weniger Tage hatte Grillparzer ein Konzept der Trilogie und eine Skizze des ersten Teils, Der Gastfreund, zu Papier gebracht. So natürlich und überwältigend dieser Anfang war, [n]ie habe ich an etwas mit so viel Lust gearbeitet, umso schwieriger gestaltete sich alles Nachfolgende. Grillparzer war sich selbst stets der strengste Kritiker, und auch die Arbeit am Vließ stürzte ihn in tiefe künstlerische Selbstzweifel.

Genau zu jener Zeit ereigneten sich außerdem gravierende private Krisen, die Grillparzers weiteres Leben bestimmen sollten. Nach dem Selbstmord seines jüngeren Bruders 1817 wählte auch seine geliebte Mutter, die bis dato seinen Lebensmittelpunkt dargestellt hatte, 1819 den Freitod, was Grillparzer in eine schwere Depression stürzte. Er entschied sich für eine ausgiebige Reise nach Italien. Doch die für so viele Zeitgenossen belebende Wirkung im Angesicht der antiken Bauwerke blieb für Grillparzer aus. Meine italienische Reise sollte wie eine Pandorenbüchse ein neues Unglück gebären. Was folgte, war das Gedicht an die Ruinen des Campo Vaccino, in dem Grillparzer den mit der antiken Kultur betriebenen Missbrauch durch die Kirche beklagte. Zurück in Österreich löste er einen öffentlichen Skandal aus. Alle bereits gedruckten Exemplare des Gedichts wurden wieder eingezogen und eingestampft und Grillparzer hatte mit Anfeindungen von allen Seiten, darunter einem strengen Verweis durch Kaiser Franz I., zu kämpfen. Grillparzer, der den größten Teil seines Lebens als Beamter im Dienst der Monarchie stand, kapitulierte. Im Konversationsheft mit Beethoven heißt es daher 1823: Wenn Sie erst so geplagt würden wie ich! Ich bin sogar Beamter!

Gábor Biedermann, Michael Köhler &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann, Michael Köhler © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vor dem Hintergrund dieser traumatischen Ereignisse, die die Arbeit am Vließ für ein Jahr vollkommen zum Erliegen brachten, ist es nicht verwunderlich, dass die später wieder aufgenommene Beschäftigung mit Medea und Jason, Kolchis und Korinth sich quälend gestaltete. Die Idee, die vormals so deutliche Vision seines dramatischen Gedichtes, war wie weggewischt. Wieder scheint es wie eine Laune des Schicksals, wenn Grillparzer in seiner Selbstbiographie schreibt: Während ich in meiner Erinnerung fruchtlos suchte, stellte sich etwas Wunderliches ein. Ich hatte in der letzten Zeit mit meiner Mutter häufig Kompositionen großer Meister, für das Klavier eingerichtet, vierhändig gespielt. Bei all diesen Symphonien Haydns, Mozarts, Beethovens dachte ich fortwährend auf mein goldenes Vließ und die Gedanken-Embryonen verschwammen mit den Tönen in ein ununterscheidbares Ganzes. […] Nun hatte ich schon früher die Bekanntschaft der Schriftstellerin Karoline Pichler gemacht und setzte sie auch jetzt fort. Ihre Tochter war eine gute Klavierspielerin und nach Tische setzten wir uns manchmal ans Instrument und spielten zu vier Händen. Da ereignete sich nun, daß, wie wir auf jene Symphonien gerieten, die ich mit meiner Mutter gespielt hatte, mir alle Gedanken wieder daraus zurückkamen, die ich bei jenem ersten Spielen halb unbewußt hineingelegt hatte. Ich wußte auf einmal wieder, was ich wollte.

Grillparzer betrieb intensive, fast wissenschaftliche Quellenstudien der antiken Texte, aus denen er einzelne Passagen übersetzte und exzerpierte, darunter Euripides, die Argonautica des Apollonius von Rhodos, Ovids Heroidenbriefe und Metamorphosen und Seneca. Was ihn aber mehr als alles andere interessierte, war der Charakter der Medea und die Art und Weise […], wie sie zu der für eine neuere Anschauungsweise abscheulichen Katastrophe geführt wird. Diese Art und Weise, die letztlich die Psychologisierung des Mythos bedeutete, legte den Grundstein für die vielen darauffolgenden Medea-Versionen des 20. Jahrhunderts. Bereits Hugo von Hofmannsthal lobte diese so moderne Dimension des Vließes: Das ‚Goldene Vließ‘ […] knüpft wohl an Euripides und auch an Schillers Stil an, verbindet aber in einer ganz neuen Weise das Mythische mit einer Zergliederung der Seelen, die ganz der neuen Zeit angehört.

Dieser psychologisierende Ansatz machte die Form der Trilogie, die die Ereignisse vor der Katastrophe erzählt, zwingend, auch wenn diese Entscheidung Grillparzer nicht leicht fiel. Einmal ist die Trilogie, oder überhaupt die Behandlung eines dramatischen Stoffes in mehreren Teilen für sich eine schlechte Form. Das Drama ist eine Gegenwart, es muß alles, was zur Handlung gehört, in sich enthalten. Die Beziehung eines Teiles auf den anderen gibt dem Ganzen etwas Episches, wodurch es vielleicht an Großartigkeit gewinnt, aber an Wirklichkeit und Prägnanz verliert. Das epische Ausmaß der Dichtung und der hierfür benötigte lange Atem stellten ihn vor Herausforderungen, die seiner Persönlichkeit – seinen wechselnden Gemütsverfassungen und Selbstzweifeln – entgegenstanden. Wenn ich mir recht überlege, warum mir nur Arbeiten, die sich rasch in einem Zuge vollenden lassen, gelingen, hingegen andere, von größter Ausdehnung, zu deren Zustandebringung ein längerer Zeitverlauf erforderlich ist, so leicht mißrathen, so finde ich den Grund in dem ewigen Wechsel der Empfindungen, dem mich mein reizbares, unstättes Wesen aussetzt. […] [E]rmattet [meine Phantasie] bei der Länge des Weges nur für einen Augenblick, so fasst die Hypochondrie Posto, und zerstört mit ihrer Selbstkritik alles Gewonnene wieder. […] So gieng es mir mit dem goldenen Vließ. Ich muß es für ein verunglüktes Werk halten.

Michael Abendroth &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth © www.lupispuma.com / Volkstheater

Grillparzer grübelte lange über die Symbolik und Funktion des goldenen Vlieses nach. Im Gegensatz zu den schicksalhaften Begebenheiten in Grillparzers persönlicher Hinwendung zum Stoff, sollte Das goldene Vließ, anders als Die Ahnfrau, seinem ersten Stück, das zwar ein sensationeller Publikumserfolg war, in der Kritik jedoch durchfiel, keine Schicksalstragödie werden. Halte dir immer gegenwärtig, daß das Stück eigentlich nichts ist als eine Ausführung des Satzes: Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, böses muß gebären. Dieser Satz ist so wichtig als irgend einer in der Welt. Das Vließ ist nur ein sinnliches Zeichen dieses Satzes. Es ist da nicht von Schicksal die Rede. Ein Unrecht hat ohne Nötigung das andre zur Folge und das Vließ begleitet sinnbildlich die Begebenheiten ohne sie zu bewirken. Grillparzer war es wichtig, das Vlies nicht als Symbol eines unvermeidlichen Schicksals, sondern als ein sinnliches Zeichen des Wünschenswerthen, des mit Begierde Gesuchten, mit Unrecht Erworbenem zu etablieren.

So heißt denn auch das aus Rousseaus Confessions entnommene Motto zum Vließ, das sich Grillparzer nach der Fertigstellung notierte: L’on a remarqué que la plupart des hommes sont dans le cours de leur vie souvent dissemblables à eux mêmes, et semblent se transformer en des hommes tout différens. – Man hat beobachtet, dass die meisten Menschen sich selbst im Laufe ihres Lebens unähnlich werden und sich in ganz andere Menschen zu verwandeln scheinen. Diese Selbstentfremdung aller Figuren untereinander und zu sich selbst ist zentral. Ein Motiv, das letztlich auch in Medeas Kindermord zum Ausdruck gebracht wird. Im Sinne einer psychologischen Deutung des Mythos motiviert Grillparzer Medeas Entscheidung zur blutigen Tat mit einer Auswahl an Gefühlen: Medeas Gefühl gegen ihre Kinder muß gemischt sein aus Haß gegen den Vater, Jason, von dem sie weiß, daß er die Kinder liebt und ihr Tod ihm schmerzlich sein wird; aus Grimm gegen die Kinder, die sie flohen und ihren Feinden den schmerzlichsten Triumph über sie verschafften; aus Liebe gegen eben diese Kinder, die sie nicht mutterlos unter Fremden zurück lassen will; aus Stolz, ihre Kinder nicht in der Gewalt ihrer Feinde zu lassen.

Phillip Bauer, Nikolaus Baumgartner, Stefanie Reinsperger &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Phillip Bauer, Nikolaus Baumgartner, Stefanie Reinsperger © www.lupispuma.com / Volkstheater

Trotz aller Vorbehalte und Selbstzweifel reichte Grillparzer das Vließ am 20. November 1820 am Hofburgtheater ein. Besonders wichtig war ihm, dass die drei Teile als Gesamtkunstwerk auf die Bühne gelangten, eine Bedingung, die er in einem Brief an die Hoftheaterdirektion zum Ausdruck brachte: Dieses ist durchaus notwendig, damit das Gedicht als ein Ganzes erfasst werde, und weil die beiden Abteilungen sich wechselseitig bedingen und erklären. Unter der Intendanz seines guten Freundes und Förderers Joseph Schreyvogel fanden die Uraufführungen am 26. und 27. März 1821 am Hofburgtheater statt. Der eher bescheidene Erfolg führte dazu, dass Das goldene Vließ bereits 1822 im Druck erschien. Für Grillparzer war es ein Misserfolg. Die Griechen, die Spanier, Ariost und Shakespeare waren die Freunde meiner Einsamkeit, und ihre Darstellungsweise mit der Auffassung der neuern Zeit in Einklang zu bringen mein halb unbewußtes Streben. […] Gegenüber dem, was sonst in unseren Tagen ist, kenne ich meine Vorzüge sehr gut. Man könnte aber sehr gut der beste Dichter einer gegebenen Zeit und noch immer ein höchst unbedeutendes Licht sein. Grillparzers Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. Das goldene Vließ und vor allem Medea zählen zu den bedeutendsten künstlerischen Rezeptionen und Variationen des blutrünstigen antiken Mythos – bis heute.

Susanne Graf ist Dramaturgiehospitantin bei der Produktion Medea und studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaften und Vergleichende Literaturwissenschaft.

 

Quellen:

Die Grillparzer-Zitate wurden aus folgenden Quellen entnommen:

Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Abt. 1. Bd. 17. Apparat zur Ahnfrau, zur Sappho und zum Goldenen Vließ. Hg. v. A. Sauer, R. Bachmann. Wien 1931

Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Abt. 2. Bd. 7. Tagebücher und literarische Skizzenhefte: T. 1. 1808 – 1821. Hg. v.  A. Sauer, R. Bachmann. Wien 1914

Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Abt. 2. Bd. 8. Tagebücher und literarische Skizzenhefte: T. 2. 1822 bis Mitte 1830. Hg. v. A. Sauer, R. Bachmann. Wien 1916

Franz Grillparzer: Grillparzers Werke. In zwei Bänden. Band 1. Hg. v. F. Schreyvogl. Salzburg 1958.