Menü
 

Die Schauspieler/innen Katharina Klar und Kaspar Locher über Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“, das am Sonntag Premiere hat, über die Frage nach der Schuld und warum sie sich für die Inszenierung auch körperlich auf Vordermann bringen mussten.

Veronika Maurer: In Rechnitz (Der Würgeengel) geht es um ein Massaker an 180 Juden, das im März 1945 von Gästen eines NS-Gefolgschaftsfest begangen worden ist. Aber das ist nicht das alleinige Thema des Textes. Um was geht es?

Katharina Klar: Erst einmal geht es um die österreichische Vergangenheitsbewältigung – oder Nicht-Vergangenheitsbewältigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Rechnitz ja auch ein Symbol für das Verdrängen und das Schweigen geworden. Es geht um das faschistische Potential, das es in diesem Land immer gibt. Es geht um Ungenauigkeit im Denken oder Sprechen. Und wie sich das Verdrängte dann gerade darin offenbart. Unlängst hat eine ältere Dame zu mir gesagt, man könne ja nicht mehr ins Theater gehen, ohne mit „Judentum und Nazismus“ konfrontiert zu werden. Das finde ich bezeichnend, also die Wortwahl, dass sie nicht „Holocaust“ gesagt hat.

Kaspar Locher: Manchmal werden auch Themen eingesetzt, um andere Themen zu verschleiern. Man spricht über etwas, um über das Eigentliche nicht zu sprechen. So zum Beispiel das Thema der Gräfin [1]: Sie wird in dem Text oft ausführlich beschrieben, aber es ist zu hinterfragen, ob es so einfach ist, das Böse zu personifizieren. Man könnte auch einfach erzählen, was an diesem Abend in Rechnitz genau passiert ist, man könnte versuchen, die Schuldigen zu benennen, man könnte die Leute aufzählen, die auf diesem Fest waren – also alles, was historisch verbürgt ist. Man könnte da viel genauer und trockener sein. Stattdessen berichten wir zum Beispiel von ihren Liebhabern. Wir lenken ab. Jelinek benutzt das Thema der Gräfin, um uns heute unseren Umgang mit den Verbrechen der Vergangenheit bewusst werden zu lassen. Es wäre eben schön, wenn es so einfach wäre, dass man die Schuld ganz klar auf eine Person schieben könnte. Das wäre eine Erleichterung.

Klar: Man sucht den Grund für diese Geschehnisse damals darin, dass es eine unfassbar böse oder dämonische Person gab. Während es ja eigentlich mehr um ein dämonisches System geht, in dem es okay ist, 180 Menschen abzuknallen, die übrig geblieben sind und weg müssen.

Locher: Das ist ja immer die große Frage: Wie konnte es soweit kommen, dass das geduldet wird – dieses Massaker, aber dahinter natürlich die ganze Vernichtungsmaschinerie. Und gleichzeitig blitzt in dem Text auch immer wieder die Frage auf: Kann es nochmal passieren? Wo stehen wir heute? Und wie ehrlich sind wir zu uns selbst? Was würden wir tun, wenn das politische Klima wieder in eine bestimmte Richtung geht? Denn man merkt ja auch, dass in den letzten Jahren plötzlich gewisse Dinge wieder möglich geworden sind, dass man gewisse Dinge wieder sagen, dass man Menschen fertig machen und abstempeln kann – was noch vor fünf Jahren nicht so einfach war, weil es einen größeren Aufschrei gegeben hätte.

Klar: Und Jelinek spricht in dem Text auch immer wieder von der Verwicklung von Kapital und einigen Familien: Schuld kann nicht weitervererbt werden, Geld aber sehr wohl. Und wo ist das ganze Geld heute?

Thomas Frank, Claudia Sabitzer, Steffi Krautz, Katharina Klar, Birgit Stöger, Sebastian Klein, Jasmin Avissar © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Claudia Sabitzer, Steffi Krautz, Katharina Klar, Birgit Stöger, Sebastian Klein, Jasmin Avissar © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wie nähert man sich einem so vielschichtigen Text an?

Locher: Ich finde Jelinek eine unglaublich wunderbare Schriftstellerin! Es macht wahnsinnig Spaß, sich mit so einem Text zu beschäftigen. Mein erster Impuls ist, dass ich ihn laut lese, schon beim ersten Lesen, weil ich sonst mehr als die Hälfte nicht mitbekomme oder abschweife. Und dann gehe ich erst mal rhythmisch an die Sache ran, weil der Text so musikalisch ist; ich behandele ihn wie eine Partitur und spiele das Schlagzeug. Dann folge ich meiner ersten Intuition und beobachte, wo mich der Text hintreibt, was ich damit machen will. Der zweite Schritt ist, zu versuchen, all die Querverweise zu finden und zu verstehen: Von was redet sie, welche Sekundärtexte hat sie in den Text mit aufgenommen? Der dritte Schritt: Was möchte ich damit sagen, was möchte ich mitteilen, und was möchte ich damit beim Publikum auslösen? Und schließlich versuche ich, diese drei Schritte zusammen in den Fluss zu bekommen.

Klar: Zu Beginn der Proben haben wir gemeinsam die Dokumentation Totschweigen von Eduard Erne und Margareta Heinrich angeschaut, was sehr hilfreich war, weil Jelinek teilweise wörtlich aus dem Film zitiert.

Locher: Wenn man den Film sieht, begreift man oft nicht, wie diese Leute diese Sätze sagen können, die sie sagen. Die haben schon ein Potential für die Bühne.

Klar: Und wir haben The Act of killing [2] angeschaut. Der Film gibt den Tätern sehr viel Raum. Wir waren darüber in der Gruppe sehr verschiedener Auffassung. Aber man könnte sagen, dass Jelinek das mit ihrer Sprache auch macht: Sie gibt der Sprache der Täter oder der Sprache der Verdränger Raum. Der Film lässt die Täter sich selber vorführen. Und Jelinek lässt die Sprache sich selber vorführen, zum einen in ihrer Plattitüdenhaftigkeit, aber auch direkt in der entwürdigenden Weise, wie über Opfer, wie über Menschen gesprochen wird. Ich finde das aber einen adäquaten Umgang. Mich erreicht das mehr, als wenn man versucht, mich direkt mit den Opfern mitfühlen zu lassen. So etwas Ähnliches findet sich auch heute, wenn über „Flüchtlingsströme“ geredet wird, oder über  eine „Welle“, die uns „überrollt“. Diese Verdinglichung von Menschen, und dass man Menschen überhaupt zu einer Masse zusammenfasst und nicht als Individuen sieht, erinnert mich oft an den Rechnitz-Text, in dem die Opfer wie eine Art Restposten beschrieben werden, der noch schnell erledigt werden muss, bevor „der Russe“ kommt.

Elfriede Jelinek schreibt in der Regieanweisung des Stücks, dass der Text von Boten gesprochen wird. Was heißt das für euch, wer seid ihr auf der Bühne?

Klar: Ich finde das sehr angenehm, wie sie das geschrieben hat, weil wir ja als Bot/innen auch Schauspieler/innen sind. Wir sind Leute, die Texte aufsagen.

Locher: Wir sind auch Bot/innen von Frau Jelinek – damit spielt sie in dem Text immer wieder, dass sie uns ja Sachen in den Mund legt.

An vielen Stellen macht sie die Zuschauer/innen glauben, dass wir Bot/innen 1945 vielleicht wirklich dabei waren. Wir sagen zwar einerseits immer wieder: „Nein, nein, wir waren nicht dabei“, andererseits aber auch: „Doch, wir haben das gesehen, wir waren dabei“.

Klar: Wir sagen manchmal sogar: „Wir schießen.“ – Aber was „wir“ bedeutet, wechselt manchmal sogar innerhalb eines Satzes.

Locher: Es herrscht ja ein großes Schweigen rund um das Massaker in Rechnitz. Die Leichen sind bislang noch nicht gefunden worden, man hat offenbar keine Ahnung, wo sie begraben sind, die Zeugen sind umgebracht worden, und man hat keine Chance mehr, die Täter dranzubekommen. Mittlerweile sind sie wahrscheinlich größtenteils auch schon gestorben. Und da macht Jelinek diese Setzung, dass wir Bot/innen sind, die etwas wissen. Dadurch können wir aber auch erzählen, was wir wollen, weil es ja keine wirklichen Bot/innen, keine Zeitzeug/innen mehr gibt. Wir haben das Monopol.

Die Inszenierung von Miloš Lolić hat eine starke musikalische und eine starke physische Komponente. Was hieß das für euch konkret in der Probenzeit und welche Wechselwirkungen ergeben sich für den Umgang mit dem Text?

Locher: Erst mal bedeutete das natürlich, dass wir uns körperlich wieder auf Vordermann bringen mussten. Wir haben gleich am Anfang der Probenzeit angefangen jeden Tag mit unserer tollen und sehr geduldigen Choreographin Jasmin Avissar zu trainieren und Choreos einzustudieren. Wenn man den Körper so stark benutzt, dass man auch müde wird, kann man freier werden für den Umgang mit dem Text. Es entsteht eine große Lockerheit.

Klar: Ich glaube, als Zuschauer/in stellt man immer Verbindungen her zwischen den Songtexten und den Bildern von den Musikvideos und dem, was wir sagen, auch wenn die nicht unbedingt alle beabsichtigt sind. Ich finde es interessant, dass das im Kopf automatisch passiert, wenn Elemente nebeneinander gesetzt werden. Die Choreographien und Musikvideos sind oft auch ein Hindernis, sie können ablenken, und es kann anstrengend sein, sich auf den Text zu konzentrieren. Aber ich finde das gut. Ich hoffe, dass man sich dadurch mehr auf den Text konzentrieren will, als wenn man ihn so einfach serviert bekommt, ohne Hindernis.

Locher: Ich finde, es ergibt sich ein Mehrwert daraus, die Musik und Choreographien dort, wo sie ein Hindernis sind, als solches zu benutzen. Außerdem fügen diese Elemente dem ganzen Abend eine zusätzliche Ebene hinzu. Es wurden Musikvideos von schwarzen Sängerinnen ausgewählt, es beginnt mit Videos von heute, danach folgen immer ältere.

Klar: Ich glaube, das tut dem Text besser als etwas, das illustrativ wäre.

Locher: In dem Stück geht es ja immer wieder um diese Gräfin und ihre beiden Liebhaber und um die Party – da ergibt sich eine nicht nur assoziative, sondern auch direkte Verbindung zum Motiv von Frauen, die tanzen oder von Männern angetanzt werden, die eine große Party feiern. Außerdem thematisiert die Abfolge der Musikvideos, was das Kapital mit der Musik macht, dass die Musik nur mehr dem Kapital dient.

Klar: Es ist schon erschreckend, wenn man die Videos in dieser Reihenfolge ansieht, also von heute aus zeitlich rückwärts, wie kommerzialisiert das Musikbusiness geworden ist. Und man bekommt das Gefühl, dass man überhaupt nicht von einem Fortschritt in der Emanzipation reden kann. Es geht nur um sexualisierte, kommerzialisierte Körper. Jedenfalls in den Mainstream-Videos.

 

[1] Margit von Batthyány, Schlossherrin in Rechnitz, Gastgeberin des Gefolgschaftsfests
[2] Dokumentarfilm von Joshua Oppenheimer, in dem Täter, die an dem 1965/66 begangenen Massenmord an mindestens einer halben Million Menschen in Indonesien beteiligt waren, ihre Taten reenacten