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Christine Hartenthaler leitet den Chor aus Arbeitslosen im Stück „Der Marienthaler Dachs“. Mit Andrea Heinz sprach sie über die beglückenden Momente ihrer Arbeit, aber auch darüber, wie sich ihr Blick auf Arbeitslosigkeit verändert hat.

Zusätzlich zum Ensemble tritt im Marienthaler Dachs auch ein Chor aus Wiener Arbeitslosen auf, den Du leitest. Welche Funktion hat der Chor innerhalb des Stückes?

Der Sprechchor ist erzählerisches Mittel. Wir haben Interviews mit den Chorist/innen geführt und so ihre individuellen Geschichten über Arbeitslosigkeit erfahren und aufgeschrieben. Diese Texte sollen Arbeitslosigkeit so authentisch wie möglich erfahrbar machen. Der Chor spricht alle diese Texte, jeder spricht für sich ebenso wie für die Anderen. Mit diesem großangelegten, kollektiven Erfahrungsbericht wollen wir Antworten finden auf die Frage: Wie geht es Arbeitslosen in unserer heutigen Zeit?

Was leisten die Texte der Chorist/innen, was der Ursprungstext von Ulf Schmidt nicht leisten kann?

Authentizität, in all ihrer berührenden Unmittelbarkeit und Angreifbarkeit. Die Chor-Texte sind sehr divers und wurden unredigiert übernommen. Sie kommen von unterschiedlichen Menschen, mit unterschiedlichen Erfahrungshorizonten. Sie sind auch Ausdruck ihrer nachvollziehbaren Suche nach der Antworten auf die Frage, wer oder was für ihre Situation verantwortlich ist. Wer erträgt schon, immer sich selbst die Schuld am Unglück geben zu müssen? Die Antworten auf die Schuldfrage fallen entsprechend unterschiedlich aus, können auch extrem sein. Sie kommen nicht wohlformuliert und schon gar nicht „ausgewogen“ daher. Schließlich geht’s ja nicht um Klugheit, sondern um Selbstschutz. Und das heißt Schutz der letzten verbliebenen Würde.

Wie kann man sich das Arbeiten in einem, mit einem Chor vorstellen?

Die Arbeit beginnt zu Hause, wo die Texte vorbereitet werden. Ich nehme den Text und zerlege die Sprache in ihre Einzelteile, verwandle sie in eine rhythmische Partitur. Die Semantik, die Bedeutung hinter den Worten wird erst durch das genaue, ja präzise Partitur-Sprechen im Chor in aller inhaltlichen Tiefe hörbar. Das ist ein sehr anstrengender, körperlicher sowie durchaus musikalischer Vorgang. Man kann sich das vorstellen wie bei einer Orchesterprobe.

Geht es dabei um mehr als nur das gemeinsame, chorische Sprechen?

Natürlich – diese Arbeit spielt sich gleichzeitig auf vielen verschiedenen Ebenen ab … Wir studieren die Partitur gemeinsam ein, dahinter eröffnen sich Geschichten, Biographien. Wachsamkeit und Zuwendung werden geschärft. Wenn man so will, ist das eine große Sensibilisierung, eine gemeinschaftliche Erinnerung an verschüttete Fähigkeiten. Daneben geht es um die sprachliche Irritation: Ein Chor tendiert immer dazu, in einem naheliegenden, an den Alltag angelehnten Rhythmus zu sprechen. Aber  es geht im Gegenteil genau darum, sich auf Arhythmie, Überraschung oder Störung einzulassen. Von den gruppendynamischen Prozessen ganz zu schweigen: Das ist keine homogene Gruppe, die Menschen kommen aus ganz verschiedenen Wirklichkeiten. Und dann gelingt es, über alle Individualität, über alles Trennende hinweg eine Brücke gemeinschaftlichen Ausdrucks, gemeinschaftlicher Leistung zu schlagen. Ich empfinde das als sehr beglückende Arbeit.

Wie erlebst Du die Chormitglieder? Wie verändern sie sich jeder für sich, wie verändert sich ihr Miteinander?

Es handelt sich um Arbeitslose – und es ist nun einmal so, dass viele von uns sich sehr stark über die Arbeit definieren. Wenn dieser Teil wegfällt, wenn man plötzlich keine regelmäßige Arbeit mehr hat, passiert es sehr leicht, dass man sich abgewertet fühlt, seine Würde verliert oder zumindest bedroht sieht. Diese gemeinsame Theaterarbeit auf einen Zielpunkt, nämlich die Premiere hin, ändert in so einer Situation natürlich vieles. Arbeitslosigkeit macht auch einsam. Es gibt einige Menschen, die aus einer längeren Phase der Einsamkeit, des Nicht-Verbunden-Seins in die Gruppe gekommen sind. Und auf einmal sind sie in diesem 20-köpfigen Chor. Da ist es laut, man hat oft keine oder nur sehr wenige Ruhephasen – das ist richtig viel Arbeit, aber man ist eben auch wieder Teil von etwas. Und: Der Tag ist in eine klare Struktur geteilt. Die Strukturlosigkeit ist ja ein verbreitetes Problem in der Arbeitslosigkeit.

Lernt man im Chor, mehr aufeinander zu achten?

Das ist ein Programm, das ständig und parallel abläuft. Natürlich ist man immer Individuum, hat seinen persönlichen Zugang zum Text und bringt seine Vorschläge ein. Aber im Endeffekt agiert man als Gemeinschaft. Man muss seine Poren öffnen, die Ohren nach vorne und nach hinten richten: Wie wird geatmet, wie schnell wir geatmet? Man muss hören, hören, hören – alle Kraft mobilisieren, Impuls geben, sich zur Verfügung stellen und in der Form bleiben. Das ist ein gemeinsamer Herzschlag.

Hat die Arbeit mit dem Chor deine Vorstellung von Arbeitslosigkeit verändert?

Man hat immer so Klischee-Bilder im Kopf: Wir wissen, dass es nicht lustig ist, arbeitslos zu sein. Aber wie sehr das an die Substanz geht, wie traumatisierend eine solche Lebensphase sein kann, das hat mich doch sehr betroffen gemacht. Die Menschen leiden teilweise sehr unter der Abwertung, ziehen sich zurück und schämen sich für etwas, für das sie gar nichts können. Da sind so kreative, lebenslustige Menschen in dieser Gruppe, mit so viel Energie und Ideen – mich wundert, dass der Arbeitsmarkt auf solche Menschen verzichten kann und will. Es gibt natürlich auch jene, die sich nicht runterziehen lassen, die sich selbst nicht als Arbeitslose wahrnehmen und den Zustand gar nicht als solchen reflektieren. Aber es gab Geschichten, die mir sehr ans Herz gegangen sind in ihrer Hoffnungslosigkeit. Wenn man sich einmal so als Ausschuss der Gesellschaft begreift, dann ist es schwer, wieder hochzukommen.

© privat

Christine Hartenthaler © privat