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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Bei einem Urlaub in der Schweiz lernt er dieses Mal, dass Kellner, die nicht so professionell wie das Wiener Kaffeehauspersonal agieren, durchaus ihre Vorteile haben können.

Wenn diese Kolumne erscheint, senkt sich vielleicht schon der Herbstnebel über Wien – noch bin ich aber die letzten Tage in der hochsommerlichen Schweiz.

Dass die Gastronomie hier ein Problem hat, ist offensichtlich. Zu teuer, schlechte Bedienung, unfreundliches Personal und weit entfernt von der Professionalität und Schlagfertigkeit der, nur als Beispiel, Wiener Kellner (Gast: „Ich möchte bitte einen Kaffee!“ – Kellner: „Einen bestimmten oder soll ich Ihnen einen aussuchen?“).

Dass Unprofessionalität auch etwas Charmantes haben kann, erfuhr ich gestern im Hofbeizli. Ich wusste, dass dem normalen Servierpersonal dort hin und wieder Leute aus diversen Laientheatergruppen unbezahlt zur Seite stehen. Der Gewinn aus dem Betrieb nämlich geht in die sogenannte Klibühni, eine kleine Bühne für die freie Szene aus Chur und Umgebung, die sich im gleichen Haus befindet.

Wir waren schon mal dort gewesen, aber an diesem Abend wurden wir besonders freundlich empfangen. Die Belegschaft war eine ganz andere, bis auf einen jungen Barkeeper waren es ausschließlich ältere Männer. Es fiel uns gleich auf, dass derjenige, der für unseren Tisch verantwortlich war, unsere Bestellung extrem langsam auf einen kleinen Block notierte, in winziger, nahezu unleserlicher Schrift. Den Namen des Weines (Adriano Ramos Pinto Duos Quintas Reserva 2006) schrieb er zu unserer nicht geringen Verwunderung zur Gänze von der Speisekarte ab. Dann kam er lange nicht mehr, stand irgendwo, lächelte freundlich vor sich hin und begrüßte die Neuankömmlinge. Das tat auch ein großer Dicker mit Glatze, den die meisten Gäste zu kennen schienen. Der kam gar nicht dazu, Bestellungen aufzunehmen, weil er unentwegt in ein Gespräch verwickelt wurde. „Ich tippe darauf, dass das der Chef der Laientheatergruppe ist!“, sagte ich. „Der andere dort mit den Brillen spielt sicher die Pfarrer und der Schielende ist der Komiker der Truppe!“ Tatsächlich schielte einer der Kellner stark. Jedes Mal, wenn er mit den Bestellungen an uns vorbeikam, legte er eine Konzentrationspause ein, bevor er mutig mit seinem vollbeladenen Tablett die Treppen hinauf stürmte.

Die Vorspeise kam und sie war falsch. Überaus freundlich entfernte man sie wieder. Der Wein war immer noch nicht da. Auf unser Nachfragen hin beugten sich etliche Köpfe über die unleserlichen Notizen unseres Kellners und schüttelten den Kopf. In der Folge ging dieser dazu über, alles, was er aufgenommen hatte, nochmal ins Reine zu schreiben. Als der Wein dann endlich kam, war es doppelt so viel wie wir geordert hatten. Der junge Barkeeper, der für das Eingießen in die Karaffen zuständig war, winkte uns von der Ferne zu, bis wir merkten, dass er gar nicht uns meinte, sondern eine Person außerhalb unseres Gesichtsfeldes, mit der er sich lebhaft nonverbal verständigte. Da war aber niemand. (Später erfuhr ich, dass das Hofbeizli es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen mit Behinderung in den Betrieb zu integrieren.) Die Hauptspeise war auch falsch, da sagten wir aber schon nichts mehr.

Am Schluss stellte sich heraus, dass an diesem einen Abend ein Ingenieursbüro – unentgeltlich – für den gesamten Betrieb zuständig war. Keiner von ihnen hatte jemals im Service gearbeitet und nach einem Crashkurs kurz vor Öffnung des Lokals wurden sie unverzüglich auf die Gäste losgelassen. So etwas kann ich mir in Wien nicht vorstellen. Schade eigentlich.