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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Sarah Pritchard-Smith hat den "Marienthaler Dachs" gesehen und findet: Jede/r sollte sich mit Arbeitslosigkeit beschäftigen.

Wie gehen die Menschen mit Arbeitslosigkeit um? Welche Rolle spielt das Medium dabei? Was ist der Dachs und soll man ihm opfern? Ein Stück voller Symbolik, die nicht immer leicht verständlich aber sicher sehr tiefsinnig ist, bietet zu diesen Themen das Stück Der Marienthaler Dachs vom deutschen Regisseur Volker Lösch im Volkstheater. Mit einer Drehbühne und rosanem Hintergrund erzählt es die Geschichte vom Dorf Marienthal, in dem der Großteil der Bevölkerung arbeitslos wird. Zwar habe ich zu diesem Thema Erfahrungen (meine Mutter war eine Zeit lang arbeitslos), aber ich habe mich damals nie wirklich gefragt, wieso es das gibt, habe nie darüber nachgedacht, dass es auch viele andere Menschen gibt, denen das passiert. Als würde man in einem riesigen Fluss nur den einen Tropfen wahrnehmen, weil er einen so beschäftigt.

Es herrscht Verzweiflung und Müdigkeit im Dorf Marienthal, bis ein seltsamer Mann in Gelb auftaucht (wortwörtlich: aus dem Bühnenboden!) und verkündet, dass der „Dachs“ der einzige ist, der den Dorfbewohner/innen den richtigen Weg weisen kann – wenn das Dorf ihm genug opfert und ihn nicht ärgert. Ich denke, der Dachs ist eine Aktienfirma oder so, aber ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls geht es nicht um irgendeine Sekte, die ein armes Tier eingefangen hat und es nun anbetet. Als Bote des Dachses, den niemand zu Gesicht bekommen darf, verkündet das Medium seine Antworten für ihn. Das führt bald zu sehr erschreckenden Szenen, in denen mehr Lebewesen geschadet wird als nur den armen Haustieren, die im Kochtopf landen … Die Dorfbewohner hetzen sich gegeneinander auf und sind ständig aggressiv und launisch. Ja, und wenn dann erst ein Fremder ins Dorf kommt, gar ein Josefsthaler, wird die Situation noch schlimmer. Ich denke, das soll ein Symbol für Flüchtlinge sein und dafür, dass Menschen, denen es schlecht geht, viel leichter fremdenfeindlich werden. Und sie werden auch untereinander aggressiv – was aber nicht unbedingt heißt, dass jede/r Rassist/in selbst arm ist.

Hoffnungslosigkeit und Müdigkeit, das war bei meiner Mutter auch so. Allerdings hat es nicht so lange angehalten, dass sie fremdenfeindlich geworden wäre – und ich glaube auch nicht, dass das passieren hätte können. Der Marienthaler Dachs spiegelt die Gesellschaft von heute in einer Weise, die großen Eindruck auf einen macht und sehr klar die Konsequenzen von Armut und Untätigkeit vor Augen führt. Ein gutes und mit Energie gespieltes Stück, nicht nur von den Schauspieler/innen, sondern auch von einem Chor aus echten Wiener Arbeitslosen. Mich hat es verwirrt, fasziniert und schockiert. Besonders junge Menschen werden danach viele Fragen haben. Aber ich glaube, es ist wichtig für alle, auch für Jugendliche, sich damit zu beschäftigen, was es heißt, arbeitslos zu sein. Allerdings sind manche Szenen sehr gewalttätig, daher empfehle ich es erst ab zwölf Jahren. Ich empfehle es allen, die Arbeitslosigkeit verstehen wollen und ein Stück zum Diskutieren und Interpretieren suchen.

 

Sarah Pritchard-Smith (14) ist eine der 15 Kinder und Jugendlichen, die in Ausblick nach oben auf der Bühne des Volx/Margareten stehen.

Das Format Sichtweisen wird ab sofort in unregelmäßigen Abständen erscheinen. Wenn Du auch mitmachen willst, wende dich an das Junge Volkstheater unter junges@volkstheater.at.