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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Dieses Mal lernt er im Truksitz am Yppenplatz von sozialdemokratischen Frauen, wie gelebte Solidarität mit Griechenland geht.

Als Jugendlicher war ich selten in Ottakring und schon gar nicht auf dem damals recht hässlichen Brunnenmarkt. Integrationsbemühung und Multikulti waren Fremdworte, und es war schwer vorstellbar, dass sich ausgerechnet dieser Flecken Wiens in eines der angesagtesten und hippsten Stadtviertel mit einer tatsächlich geglückten Aus- und Inländerpolitik verwandeln sollte.

Im Sommer war ich – nach einer Probe – noch im Truksitz, einem Lokal am Yppenplatz.

Ich saß drinnen mit Blick auf den Eingang, draußen war kein Platz mehr frei, weil die SPÖ Ottakring da war. An die 20 trinkfeste Männer und Frauen, die entweder etwas zu feiern hatten (nach den jüngsten Wahlschlappen im Burgenland und der Steiermark eher unwahrscheinlich) oder eine Sitzung in einer lauen Sommernacht ausklingen ließen (wahrscheinlicher).

Plötzlich tauchte ein Straßenmusiker auf (dunkler Teint, schönes Gesicht, Bart, mittleres Alter) und sang griechische Lieder zur Gitarre. Er stand so, dass ich ihn gut sehen konnte: die Eingangstüre umrahmte ihn.

Die Aufmerksamkeit der sozialdemokratischen Zuhörer/innen war durch die griechische Krise spürbar gesteigert, vor allem die Damen übten sich in gelebter Solidarität mit dem griechischen Elend und begannen, sich um den Sänger zu gruppieren. Von meinem Platz aus sah ich, wie eine sozialdemokratische Hand dem Sänger einen Geldschein zusteckte, dann kam noch eine und noch eine und noch eine, die vierte Hand drängte ihm sogar ein Gläschen Weißwein auf. Der Mann war sichtlich bewegt und überrascht von so viel Zuneigung (und Geld) und trank den gemischten Satz ex. Auf dem Höhepunkt der Sympathiewelle wurde er plötzlich nach seiner Herkunft befragt, und ich meine, gehört zu haben: „Ich komme aus Bulgarien.“ Das tat einer weiteren Zuneigungsbezeugung der schon ziemlich angeheiterten Frauenabteilung der SPÖ Ottakring aber keinen Abbruch. Sie antworteten sinngemäß: „Aber das macht doch nichts!“, entlockten seiner Kehle noch ein paar griechische Lieder (spätestens bei Griechischer Wein grölten alle mit) und entließen ihn schließlich nach vielen Umarmungen (eine Frau konnte gar nicht aufhören damit) in die schöne, laue Sommernacht.