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Von 9. bis 12. März findet das Festival Neues Wiener Volkstheater statt – und zeigt unter anderem die Uraufführung von Gornayas "Nanjing. The Future" (Regie Simon Dworaczek), das sich mit dem aktuellen Diskurs über die Auswirkungen der Globalisierung beschäftigt. Andrea Heinz sprach mit der Schweizer Autorin Gornaya über zeitgenössisches Volkstheater und die Frage nach Verantwortung in einer globalisierten Welt.

Andrea Heinz: Mit Nanjing. The Future wird bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals Neues Wiener Volkstheater das Werk einer Schweizerin uraufgeführt – ist das nicht ein Widerspruch?

Gornaya: Als ich erfuhr, dass mein Stück ausgewählt wurde, habe ich mich erst mal sehr gefreut. Natürlich habe ich mich gefragt, warum sie ausgerechnet mich ausgewählt haben – aber eigentlich haben sie ja nicht mich, die Autorin, sondern mein Stück ausgewählt! Ich sehe mich in erster Linie als die Frau, die das geschrieben hat. Und zumindest war ich jetzt ja ein halbes Jahr in Wien. Zumindest ein kleines Teilchen von mir ist Wienerin.

Was macht Nanjing. The Future zu einem Volkstheater-Stück?

Gute Frage. Und auch eine schwierige Frage. Ich denke, es ist insofern „Volkstheater“, als es keinen Stoff behandelt, der uns fremd wäre oder besondere Voraussetzungen bräuchte, um verstanden zu werden. Ich halte es für ein Thema, das vielen sehr nahe ist, entweder aus eigener Erfahrung oder weil sie sich darüber schon mal Gedanken gemacht haben. Wenn ich schreibe, dann möchte ich vor allem, dass es die Menschen berührt. Natürlich soll es auch zum Nachdenken anregen – aber letztlich ist mir wichtig, dass es die Zuschauer/innen bewegt. Und zwar nicht nur eine ganz kleine Schicht von Leuten, Menschen mit speziellen Erfahrungen – sondern ein breites Publikum.

Du sagst, deine Texte sollen einen berühren – seit ich dein Stück gelesen habe, muss ich immer wieder an die Ereignisse in Nanking denken. Das berührt und beschäftigt mich nach wie vor. Woher kam die Idee, die Auswirkungen der Globalisierung mit den Kriegsverbrechen der japanischen Besatzer im chinesischen Nanking zu verklammern?

Hier kommt vieles zusammen. Das Schreiben ist eine Mischung aus Inspiration, Handwerk, Konstruktion – eine sehr komplexe Mischung. Ich hatte zuerst den Ort Nanking, habe mich mit diesem Massaker beschäftigt. Dann hatte ich die Figur Res, die sehr viel Gewalt erlebt – und so kam beides zusammen: Gewalt in der Familie, historische Gewalt. Dann kam die Frage auf: Wir ziehen heute, aus beruflichen oder privaten Gründen, hierhin und dorthin. Aber wo sind wir bereit, auch Verantwortung zu übernehmen für das, was dort geschehen ist? Wo verankern wir uns noch, wenn wir ständig in Bewegung sind?

Das ist ja Volkstheater im reinsten Sinne – stellt es doch die Frage: Wenn wir überall sein können, an welchem Ort verstehen wir uns überhaupt noch als Volk?

Wir leben in einem globalen Rauschen, lesen, hören und sehen, was überall auf der Welt passiert. Und immer wird uns suggeriert, dass wir damit etwas zu tun hätten. Umso dringender wird die Frage: Was geht uns wirklich an, wo können wir uns engagieren, wo ist überhaupt unser Einflussbereich? Diese Spannung zwischen dem Lokalen und dem großen Ganzen, dem man sich gar nicht mehr entziehen kann – das ist für mich Volkstheater.

Sind wir denn überhaupt dazu in der Lage, das Volk dieser globalisierten Welt zu sein?

Das ist extrem schwierig. In der Schweiz erlebe ich dieses Gefühl, wenn es um die zahlreichen Volksabstimmungen geht. Wir Schweizer sollen über alle möglichen Themen abstimmen und oft frage ich mich: Woher soll ich wissen, was bei diesem oder jenem Thema richtig ist? Ich vertraue auf die Empfehlung des Bundesrates und lese die Argumente für und wider – aber letztlich gibt es dennoch Bereiche, in denen ich mich einfach nicht ausreichend kompetent fühle. Wenn es um das Schreiben geht, dazu kann ich eine Aussage machen. Würdest du mich aber jetzt fragen: „Was hältst du von der aktuellen Syrien-Politik?“, dann müsste ich antworten: Da wissen andere besser Bescheid.

Wie kann das Theater mit dieser globalen Überforderung umgehen?

Es braucht Stoffe, bei denen man sagen kann: Das geht mich etwas an, dazu finde ich einen Zugang. Ein Theaterabend kann mir ermöglichen, mich inmitten dieses globalen Rauschens mit einer Geschichte zu konfrontieren, die zwar vieles transportiert, dabei aber dennoch fassbar bleibt. Einen Roman liest man im Allgemeinen, und damit ist es auch genug. Ein Theatertext aber sollte ja eine Aufforderung sein, etwas umzusetzen in Sprechhandlungen, und in diesem Handeln werden einem die Dinge buchstäblich nachvollziehbar. Was sehe ich, was zeigt sich in den Gesichtern, wie stehen die Personen zueinander? Das macht es für mich aus. Man sieht die Figuren, ihre Ängste, ihre Sehnsüchte – und plötzlich wird das Globale, das Zeitungsrauschen das Eigene.

Gornaya © privat

Die Autorin von “Nanjing. The Future” Gornaya © privat