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Seit zehn Jahren arbeitet Dramaturgin Anna Veress mit dem Regisseur Victor Bodo zusammen. Andrea Heinz sprach mit ihr über ihre jüngste gemeinsame Arbeit „Klein Zaches – Operation Zinnober“ und darüber, warum ihr die Zusammenarbeit mit Victor Bodo so viel Spaß macht.

Andrea Heinz: Ihr habt euch mit Klein Zaches – Operation Zinnober die Bearbeitung eines Kunstmärchens von 1819 vorgenommen, das neben märchenhaften durchaus auch sehr satirische Aspekte hat. Was ist euch an diesem Stoff besonders wichtig?

Anna Veress: Uns hat die Geschichte gewissermaßen eingeholt. Als wir die Idee hatten, dieses Stück zu machen, sah die Welt noch nicht so aus, wie sie es heute tut. Durch die jüngsten Ereignisse, vor allem in den USA, hat es eine brennende und eigentlich fürchterliche Aktualität gewonnen. Bei uns steht die politische Satire im Vordergrund. Seine Ironie hat uns mehr begeistert, als jene Seite, für die er eigentlich berühmt ist: Das Fantastische, Gespenstische.

Gibt uns das Stück auch eine Handreichung, wie wir der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation begegnen können?

Durch den Protagonisten Balthasar, der bei Hoffmann als eine Art Identifikationsfigur gestaltet ist, können wir erleben, wie es zu genau diesem Zustand kommt, in dem sich momentan nahezu die ganze Welt befindet. Und wir können die Fassungslosigkeit nachfühlen, mit der Balthasar feststellt, dass das alles wirklich passieren kann! Wir Ungarn kennen dieses Gefühl natürlich schon seit einigen Jahren, aber da hat uns die Welt ganz, ganz schnell eingeholt. Das ist spannend für uns – und gleichzeitig sehr schmerzhaft.

Eine wichtige Rolle in eurer Inszenierung spielt auch Videotechnik. Warum habt ihr euch entschlossen, Video einzubinden?

Die ganze Vorstellung ist mit einem Live-Video begleitet. Zwar steht die Satire im Vordergrund bei uns, aber dahinter gibt es eine generelle Situation, die für Hoffmanns Erzählungen typisch ist: Es existieren zwei Welten, die ineinander übergehen und sich wechselseitig beeinflussen. In unserer Inszenierung werden diese beiden Welten in der Doppelung von Video und Bühnengeschehen erscheinen. Daraus ergeben sich sehr spannende Parallelitäten und Reibungen.

Du bist in Personalunion nicht nur Dramaturgin bei den Arbeiten Victor Bodos, sondern auch seine Übersetzerin – sozusagen sein Sprachrohr. Diese Zusammenarbeit besteht ja schon sehr lange…

Stell dir vor, wir haben vor drei Tagen unseren zehnten Jahrestag gefeiert! Vor genau zehn Jahren, am 18. Januar, war unsere erste gemeinsame Premiere am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Das Schöne und Berührende dabei ist, dass auch Gábor Biedermann, der nun die Hauptrolle des Klein Zaches spielt, damals dabei war. Wir sind also schon ein eingespieltes Team.

© www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Veress und Victor Bodo bei den Proben zu “Klein Zaches. Operation Zinnober” © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eure Zusammenarbeit ist durchaus ungewöhnlich. Wie empfindest du diese Art zu arbeiten?

Ich mag es unheimlich gerne. Für mich als Dramaturgin ist das eine wunderbare Sache: Dramaturg/innen arbeiten normalerweise parallel an vielen verschiedenen Dingen, erstellen neben ihren aktuellen Produktionen Spielpläne oder haben organisatorische Aufgaben zu erfüllen. Für mich ist es ein großes Geschenk, dass ich mich auf eine einzige Sache konzentrieren darf – ja, sogar muss! Denn ich muss ja die ganze Zeit neben dem Regisseur stehen und übersetzen. Daraus folgt auch, dass ich alles weiß. Das macht nicht nur unheimlich viel Spaß – es ist auch sehr lehrreich. Es ist aber nicht damit getan, Victors Äußerung einfach nur zu übersetzen, es braucht daneben auch meine spezielle, fachliche Qualifikation: Ich muss die Situation und die verschiedenen Absichten einschätzen, um Victors oft sehr wortkarge Anweisungen richtig zu interpretieren.

Als ihr anfingt, gemeinsam zu arbeiten, war Victor Bodo 28 Jahre alt, nun ist er 38. Du hast ihn in einer wichtigen Phase seines Schaffens aus nächster Nähe erlebt. Hat sich seine Art zu arbeiten in dieser Zeit verändert?

Victor denkt sehr bildlich. An Text war er früher vergleichsweise wenig interessiert, aber das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Bei Iwanow zum Beispiel hat er sich sehr gründlich mit dem Text beschäftigt. Victor war in seinen Ideen immer schon sehr maßlos, er hat Unmengen an Einfällen und will alle gleichzeitig einbauen – aber manchmal geht das nicht. Er ist reifer und ernster geworden und merkt mittlerweile selbst, was möglich ist und was nicht. Aber den Spaß hat er noch lange nicht verloren! Er spielt mit seinem Spielzeug „Theater“ immer noch mit der Selbstvergessenheit und überbordende Fantasie eines Kindes.