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In Yael Ronens „Niemandsland“ spielt das israelisch-palästinensische Paar Jasmin und Osama sich selbst: Nach ihrer Hochzeit suchten die beiden nach einem Ort, an dem sie zusammen leben konnten, und fanden ihn schließlich in Wien. Ihre Grenzen überwindende Liebesgeschichte inspirierte die Regisseurin Yael Ronen und ihr Ensemble zu "Niemandsland", das ab 25. September im Volkstheater zu sehen ist. Im Gespräch erzählen Jasmin Avissar und Osama Zatar von ihrem Neuanfang in Wien.

Veronika Maurer: Ihr wohnt nun seit einigen Jahren in Wien. Wie geht es euch?

Jasmin Avissar: Mittlerweile haben wir ganz normale Probleme, wie jeder Mensch. Nicht mehr so wie am Anfang, in dem Teil unserer Geschichte, der in Niemandsland zu sehen ist. Damals war noch nicht klar, ob wir es schaffen würden, hier zusammen leben zu können. Jetzt leben und arbeiten wir hier in Wien, unsere Tochter Laila wird größer und geht schon in die Schule – jetzt läuft alles eher normal.

Osama Zatar: In unserem Alltagsleben spielt es keine so große Rolle mehr, woher wir kommen, aber unser Freundeskreis hier ist sehr gemischt. Das hat wohl mit unserer Herkunft zu tun.

Jasmin Avissar: Seit ich meinen deutschen Pass bekommen habe, ist alles viel einfacher geworden. Davor war es schwierig, denn wir mussten jedes Jahr bei der Ausländerbehörde unser Visum verlängern. Seit zwei oder drei Jahren habe ich jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft.

Osama Zatar: Ich habe eine Aufenthaltsgenehmigung bis 2019, danach kann ich auch die Staatsbürgerschaft bekommen.

Besucht ihr Israel und Palästina noch regelmäßig?

Osama Zatar: Ich habe meine Heimat seit 2007 nicht mehr gesehen. Ich würde gerne hinfahren, aber vor kurzem sagte mir ein Anwalt, dass ich zwar vielleicht ein Visum für die Einreise bekommen könnte, er aber nicht sagen könne, ob ich es schaffen würde, wieder auszureisen.

Jasmin Avissar: Es gibt drei Möglichkeiten, an der Grenze Probleme zu bekommen: mit Jordanien, mit den palästinensischen Autoritäten und mit Israel. Letztes Mal wurde Osama von den palästinensischen Autoritäten festgenommen, als er die jordanische Grenze überqueren wollte. Man kann vorher nicht wissen, ob das passiert. Es kann leicht geschehen, dass Israel deinen Namen auf die schwarze Liste setzt – und dann darfst du nicht mehr ausreisen. Man kann sich nicht dagegen wehren, denn es wird gesagt, dass es aus Sicherheitsgründen passiert. Osama kann dieses Risiko nicht eingehen. Er ist nicht sehr beliebt dort, weil er nicht an Nationalismus glaubt.

Osama Zatar: Niemand würde für mich kämpfen.

Jasmin Avissar: Er hat ein loses Mundwerk, er macht zu viele Leute wütend. Und die süße Rache wäre, dass sie ihn nicht mehr ausreisen lassen würden. Osama hat seine Familie in Amerika besucht, aber er war nicht mehr in Palästina.

Osama Zatar: Als ich hier in Wien mein Studium abgeschlossen habe, ging ich zur palästinensischen Botschaft, um einen Stempel für mein Diplom zu bekommen. Ich erzählte, dass ich vorhätte, zurückzugehen. Da wurde mir gesagt, dass ich das besser nicht tun solle. Dass ich, wenn überhaupt, mit einem anderen Pass, aber nicht mit dem palästinensischen einreisen solle.

Wird es mit einem deutschen Pass einfacher?

Osama Zatar: Es bleibt kompliziert, denn solange ich auch die palästinensische Staatsbürgerschaft habe, werde ich immer als Palästinenser gelten, jedenfalls in den Augen der Israelis.

Jasmin Avissar: Aber du könntest zumindest ausreisen.

Osama Zatar: Weil jemand für mich kämpfen würde. Wenn ich einen anderen Pass hätte, könnte sich die entsprechende Botschaft nach mir erkundigen.

Jasmin Avissar: Und Osama hätte einen Ort, wohin er im Notfall gehen könnte. Wenn morgen etwas passieren würde, würde er in der Luft hängen.

Osama Zatar: In Palästina haben alle zumindest große Familien, aber ich habe nur noch einen Bruder und eine Schwester dort. Für mich kann also wirklich niemand mehr kämpfen. Mein Bruder ist außerdem Polizist, der würde ohnehin den Gesetzen gehorchen.

Jasmin Avissar: Ich besuche mit Laila jedes Jahr meine und Osamas Familien. Wir halten Kontakt. Von meiner Familie lebt aber nur noch ein kleiner Teil in Israel, der Rest ist über die Welt verstreut. Mein Vater ist jetzt auch hier in Wien und braucht ein Visum. Also sind wir wieder in der Ausländerbehörde. Er musste einen Deutschtest machen, Level A1. Er ist 74 Jahre alt. Ich fragte ihn: „Ernsthaft?“ Er könnte zum Gesundheitszentrum gehen und eine Bescheinigung bekommen, dass er „unfähig“ ist. Aber er ist nicht dumm, er ist 74! Er fuhr in den 10. Bezirk, um seine Prüfung abzulegen. Sogar die Frau, die dort den Test durchführte, fragte: „Wirklich, Sie sind hierher geschickt worden, um die Prüfung zu machen?“ Er spricht sehr gut Deutsch, aber er hat nie geschrieben. Jetzt hat er sich zum ersten Mal mit deutscher Grammatik beschäftigt. Er hat bestanden und sucht nun um ein Visum an. Es ist möglich, dass er es bekommt, man muss nur sehr viele Papiere bringen. Und alles kostet Geld – dieses Papier 15 Euro, jenes 50. Ich habe schon vergessen, wie es ist, drei Stunden in der Ausländerbehörde zu warten. Früher war das unser Leben. Jeden Monat irgendwas. In Niemandsland geht es um unsere Vergangenheit. Jetzt sind wir einfach nur Immigrant/innen. Das ist beschissen genug – mitten im Leben nochmal bei null anzufangen. Wir haben das, glaube ich, vier Mal getan. Aber hier in Wien bleiben wir nun länger. Unsere Tochter ist jetzt in der Schule, sie spricht österreichisch.

Osama Zatar: Laila, woher kommst du?

Laila: Wien. Aber jetzt lass mich in Ruhe spielen.

Verfolgt ihr die politischen Entwicklungen in Israel und Palästina?

Jasmin Avissar: Ja, es ist alles viel schlimmer geworden als es damals war, als wir weggingen. Es ist hoffnungslos. Als sie Netanjahu wiedergewählt haben, dachte ich: Wisst ihr was, wenn ihr den vier Mal hintereinander gewählt habt, verdient ihr es. Und jetzt haben wir ja auch hier genügend Probleme…

Osama Zatar: Ich halte Kontakt zu meinen Freund/innen dort, aber die politische Situation verfolge ich kaum. Das Konzept von Staaten kann ich nicht ernst nehmen, das ist Blödsinn.

Jasmin Avissar: Uns ist das Hier viel wichtiger geworden als das Dort, weil wir nicht vorhaben, zurückzugehen. Wahrscheinlich könnten wir auch gar nicht, selbst wenn wir wollten.

Osama Zatar: Ich würde gerne dort hingehen, um Projekte zu machen, ich habe noch einige Träume, einige Ideen, was ich dort gerne tun würde. Aber im Augenblick geht es nicht. Vor zwei oder drei Jahren ist mir klar geworden, dass ich jetzt längerfristig hier bin, und deshalb habe ich beschlossen, hier aktiv zu sein.

Ihr seid beide Künstler/innen. Osama, du bist unter anderem Botschafter der OneState Embassy.

Osama Zatar: Ja, das war ein performatives Projekt mit dem israelischen Künstler Tal Adler. Wir haben hier in Wien eine Botschaft des OneState – also eines gemeinsamen israelisch-palästinensischen Staates – gegründet. Wir wollten der Vorstellung der Zwei-Staaten-Lösung als einzigem Weg zum Frieden etwas entgegenhalten und darauf hinweisen, dass keine wie auch immer geartete Grenze zwischen Israel und Palästina dem kulturellen Reichtum und der Durchmischung dort gerecht werden könnte. Gleichzeitig strebt dieser OneState auch die Auflösung seiner Außengrenzen an.

Vor kurzem habt ihr beide das Conflict Zone Arts Asylum gegründet.

Jasmin Avissar: Ja, es basiert auf einem Projekt, an dem Osama gemeinsam mit Michael Ronen, dem Bruder von Yael Ronen, in Berlin beteiligt war. Wir haben beschlossen, eine Wiener Zweigstelle zu eröffnen. Die Idee dahinter ist, Künstler/innen, die aus Konfliktgebieten kommen oder sich in ihrer Arbeit mit Konflikten – praktischen ebenso wie theoretischen – beschäftigen, eine Plattform anzubieten, um den Umgang mit Konflikten als Treibstoff für künstlerische Prozesse zu nutzen. Wir wollen Künstler/innen verschiedener Herkunft einladen, diese Konflikte zu reflektieren und zu nutzen. Denn das ist es, was uns selbst in unserem Leben und in unserer künstlerischen Arbeit antreibt. Und das wollen wir weiterhin verfolgen.

Osama Zatar: Ich will das Conflict Zone Arts Asylum auch mit PROSA (Projekt Schule für alle) in Verbindung bringen, wo ich aktiv bin. Im Moment ist PROSA am Jugendcollege, einem Kursprogramm für Jugendliche mit migrantischem bzw. Fluchthintergrund beteiligt, und ich unterrichte dort „Kreativität und Gestaltung“. Ich habe vor, gemeinsam mit den Jugendlichen große Skulpturen, die kostenlosen Strom und Wireless für öffentliche Plätze bereitstellen, anzufertigen.

Jasmin Avissar: Ich plane ein Tanzfestival mit Choreograph/innen verschiedener Konfliktparteien. Ich will sie einladen zusammenzukommen, um an einem gemeinsamen Thema zu arbeiten, es aus ihrer jeweiligen Perspektive zu beleuchten und mit Tänzer/innen daran zu arbeiten. Ich glaube, wir verbinden in unserer Arbeit das, woher wir kommen, mit dem, wo wir jetzt sind.

Osama Zatar: Als ich hier studiert habe, war ich mit dem Kopf oft noch in Palästina und habe daran gedacht, was ich dort noch gerne tun würde. Jetzt überlege ich, wie sich diese Ideen hierher transferieren lassen. Seit die Flüchtlinge hier ankommen, habe ich das Gefühl, dass mein Land hierher kommt. Ich muss nicht mehr zurückgehen. Sie kommen hierher und bringen meine Kultur mit. Alles, was ich dort tun wollte, kann ich jetzt auch hier machen.