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Am 8. Mai besuchte eine Gruppe jüdischer, muslimischer und christlicher Zuschauer/innen eine Vorstellung von "Nathan der Weise" und diskutierte im Anschluss mit dem Team über das Stück. Miriam und Samuel Laster berichten hier über einen geglückten Abend.

Am 8. Mai wird der Sieg über Hitler-Deutschland gefeiert. 38 Jüdinnen und Juden, Muslima und Muslime, Christinnen und Christen sahen sich an diesem Tag die aktuelle Inszenierung des Lessing-Stückes Nathan der Weise im Volkstheater an – gefolgt von einer Diskussion mit Heike Müller-Merten, der stückbegleitenden Dramaturgin und zugleich leitenden Dramaturgin des Volkstheaters, welche den Teilnehmer/innen ihren Zugang zum Stück erläuterte. Der Darsteller des Nathan, Günter Franzmeier, und der des Saladin, Gábor Biedermann, ergänzten die Runde.

Viele von uns hatten Lessings Nathan der Weise in der Schule als Lektüre nahegebracht bekommen. Tote, die mit Leichentüchern bedeckt sind, lassen die religiösen Unterschiede obsolet erscheinen. So beginnt Nathan der Weise im Volkstheater.

Die Gefühle, die durch die sehr originalgetreue Inszenierung auf der Bühne – visualisiert durch jeweils eine muslimische, christliche und jüdische Figur – ausgelöst wurden, spiegelten sich in der Publikumsreaktion wieder. „Einzeln werden die Ringe nicht leuchten, nur gemeinsam. Legt man sie übereinander, erstrahlen sie zu vollem Glanz“, sagte eine der Diskussionsteilnehmerinnen. Sofern man sie übereinanderläge, würde sich die Ringparabel auch heute noch erfüllen.

Entgegen den Schlagzeilen diverser Medien spricht Lessing nicht vom Terror im Namen der Religion, von Hass und Zwietracht zwischen den religiösen Gruppen, sondern vom Lösungsansatz, welchen er in Form der Ringparabel anbietet. Die Toleranz, die er als Ziel und Auftrag im Sinn hatte, erscheint heute so nah und doch so fern.

Das Projekt Dibur/Sochba [Aus dem Hebräischen und Arabischen: Gespräch] – veranstaltet vom Verein die Jüdische – ist eine Möglichkeit und ein Versprechen für Toleranz und eine offene Gesellschaft, wie Lessing selbst sich diese gewünscht hatte.

Seit Oktober 2016 treffen sich die Teilnehmer/innen des Projekts monatlich, um das Verhältnis zur Gesellschaft und zu den Medien zu erkunden. Bei einer Reise nach Bratislava mussten sie erfahren, welche Hindernisse Muslimen in Europa anno 2017 im Weg stehen und wie sich diese im „christlich-jüdisch“ konnotierten Abendland darbieten. Im Dreiecksverhältnis der Religionen ist Nathan der Weise für Diskussionen wie geschaffen.

Das Volkstheater ist ein Ort, an dem diese nun endlich näher geführt werden können. Im Zuge dessen ist die Kooperation und das Interesse des Hauses für den Fortbestand des Projekts Auftrag und Ermunterung zugleich. Fortsetzung folgt garantiert.

Nathan der Weise als Gesprächsbasis

Im Stück Lessings kommen die Städte Ashkelon und Gaza vor. Letztere – welche von der Hamas regiert wird – feuerte in den letzten Jahren Kassam-Raketen Richtung Israel, welches sich ebenfalls angriffslustig gezeigt hatte. Dieser Konflikt zog sich über Jahre, bis auch das Militär involviert wurde und zeigt keine Zeichen der Lösbarkeit, bietet aber dennoch die Möglichkeit, eine Gesprächsebene aufzubauen. Wenn ein junger Afghane im Volkstheater Wien sich im Zuge der Dorothea-Neff–Preis-Verleihung dafür bedankt, dass er am Leben ist und nicht zum Terror der Taliban abgeschoben wird, wissen wir genau, wie der humanistische Ansatz Lessings in die Jetztzeit übertragen werden kann. In diesem Falle ist ein großes, weltoffenes Volktheater die richtige „Homebase“ zum Erreichen der Menschen.

Doch auch zu mehr als nur Letzterem bietet sich das Stück Nathan der Weise an – nicht nur wird die Absurdität der jetzigen Situation angeschnitten, auch ihre Ursprünge werden kritisiert. So gilt im Stück keine der drei Religionen – die jüdische, die christliche und die islamische – als unterlegen, alle drei werden in ihrer Existenz akzeptiert. Alle diese drei Religionen beten denselben Gott an – inwiefern gestaltet sich die Wahl einer “wichtigsten Religion“ dann noch als relevant? Genau an dieser Stelle setzt die Inszenierung an – und erreicht so erfolgreich die Zuschauer/innen.

Samuel Laster und Günter Franzmeier © Miriam Laster

Samuel Laster und Günter Franzmeier © Miriam Laster