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Am 4. Februar ist Sebastian Klein in der Roten Bar in Lot Vekemans "Judas" zu sehen. Gedanken über moralische Schuld, ökonomische Schulden und wie sich die beiden in unserem Denken und Handeln immer wieder verwirren.

Ein monologisierender Mann steht auf der Bühne. Es ist Judas, der über 2000 Jahre hinweg zum Sinnbild des Schuldigen wurde. Er bietet seinen Namen zum Tausch, versucht, die überlieferte Geschichte von einer anderen Seite zu betrachten. Es geht um Jesus Christus, den Erlöser, der für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben sein soll und seine Beziehung zum Apostel Judas, dem in Lot Vekemans Stück Judas die Stimme gehört.

„Wenn hier jemand für eure Sünden gestorben ist, dann bin ich das – ich ja“, kehrt er die Geschichte um. Nun reklamiert also Judas die Sündenbefreiung für sich. Jene Figur, die sich laut den Evangelien nach der Kreuzigung Jesus erhängt haben soll. Ein schieres Hirngespinst oder eine weitere Unklarheit in der Geschichte des stigmatisierten Judas? Judas soll Jesus den Hohepriestern ausgeliefert haben, indem er ihn küsste, motiviert von 30 Silberstücken – und ging dadurch als Verräter in die Geschichte ein. Durch diese Erzählung fand zum einen eine antijüdische Haltung Einzug in das biblische Gedankengut, zum anderen drängte sie mögliche andere Versionen der Geschichte in den Schatten. Dabei stimmen nicht alle TheologInnen und andere DenkerInnen in dieses so breitgetretene Narrativ ein, lenken vielmehr das Auge auf alternative Erzählweisen: Judas als Jesus treuester Apostel, der ihm am längsten nahestand und noch die Hoffnung auf den Messias schürte, als dieser schon kurz vor der Kreuzigung stand. Oder Judas als derjenige, der Jesus zum Erlösertod verhalf, durch den Jesus erst zur Auferstehung und somit zum zentralen Akt christlichen Glaubens kommen konnte.

Was uns diese alternativen Lesarten zeigen: dass man Judas sehr wohl als die Person erkennen kann, die Schuld auf sich genommen hat, um Jesus als Erlöser in die Geschichte eingehen zu lassen, indem er durch seinen Verrat stirbt – und dadurch die Menschen von ihren Sünden befreit. Doch ist es tatsächlich ausschließlich dies, was Vekemans uns zeigen will?

Schuld(en) – Ein unheimliches Verhältnis

In seinem anfänglich mäandernden Kreisen meint die Figur Judas: „Aber die Kassiererin hat mir gerade gesagt, dass jemand in diesem Saal noch nicht bezahlt hat“ – soll heißen: Jemand steht noch in Schuld, einer monetären in diesem Fall. Damit wird der siamesische Zwilling der moralischen Schuld, von welcher in der Bibel größtenteils die Rede ist, in die Stückwelt gesetzt.

Das Thema des Geldes spielt, sobald Judas Name auch nur auf der Zungenkuppe liegt, schon eine Rolle: treffen sich doch in ihm neben dem Verrat als geschwisterliche Unterkategorien der Schuld auch das Geld (die 30 Silberstücke) und der Selbstmord (als religiöses Vergehen). Dass der Götzendienst im Allgemeinen und der am Geld im Speziellen ein Vergehen innerhalb der abrahamitischen Religionen ist, ist allseits bekannt und wird uns nicht zuletzt durch Papst Franziskus stets erneut vor Augen gehalten. Aber die enge Beziehung von Schuld und Geld ist auch in der deutschen Etymologie zu finden. Seit dem Germanischen pflanzte sich eine unheimliche Nähe zwischen der Schuld (Moral) und den Schulden (Ökonomie) in die Sprache ein, über deren grausame Auswüchse als einer der bekanntesten und ersten auch Friedrich Nietzsche schrieb.

Das religiöse „gläubig sein“ spinnt sich fort zum Gläubiger, zu dem der Schuldiger in einer hierarchisch unzweideutigen Relation steht. Im Unterschied zu anderen Sprachen begann sich im Deutschen seit dem Germanischen bzw. Altnordischen eine Verquickung von schult und schulde, dem debitum oder Geschuldetem und der culpa, also Sünde zu entwickeln. Schult und schulde sind nicht zuletzt verbandelt mit der skuld, der altnordischen Norne der Zukunft, was in Bezug auf ein in die Zukunft gerichtetes Versprechen einer Schuldrückzahlung des Schuldners gegenüber dem Gläubiger nicht ganz unbedeutend ist. Letzten Endes hat sich sprachlich also eine Verquickung von Sünde und Unrecht auf der einen, geschuldeten Sachleistungen auf der anderen Seite ergeben, die im allgemeinen Unbewussten ihr Unwesen treibt.

Der kirchengeschichtlich verrufene Akt des Ablasshandels in der Renaissance, in dem Geld gegen Sünde getauscht wurde und dem Martin Luthers Thesen Einhalt gebieten sollten, stellt einen weiteren Höhepunkt innerhalb der gemeinsamen Geschichte der Schuld/Sünde und des Geldes dar. Ein kleiner Schritt zurück, zum oben genannten Nietzsche, der in seiner Genealogie der Moral nachvollziehbar machen wollte, wie der Mensch zu einem berechenbaren, versprechenden Wesen wurde, das in einem Schuldverhältnis zu einer anderen Person steht und so etwas wie schlechtes Gewissen entwickelt.

„Haben sich diese bisherigen Genealogen der Moral auch nur von ferne etwas davon träumen lassen, dass zum Beispiel jener moralische Hauptbegriff »Schuld« seine Herkunft aus dem sehr materiellen Begriff »Schulden« genommen hat? […] … die Idee, dass jeder Schaden irgend worin sein Äquivalent habe und wirklich abgezahlt werden könne, sei es selbst durch einen Schmerz des Schädigers.“ (Friedrich Nietzsche)

Somit zeigt sich, dass ähnlich der „Kultur“, deren Entwicklungsweg ein leidvoller war, auch das Gedächtnis durch unheilvolle Praktiken entstanden ist. Im Konkreten beruft sich Nietzsche auf Opfer und Folter, welche den Menschen die Erinnerung buchstäblich eintreiben sollten. Im Gedächtnis wiederum zeigt sich das schlechtes Gewissen, das erst durch den unauflösbaren Widerspruch zwischen Staat und Strafe auf der einen und menschlichen Trieben und Instinkten auf der anderen Seite herangewachsen ist – keineswegs also eine ursprüngliche menschliche Eigenart.

Bei Nietzsche gibt es eine enge Vernetzung zwischen der Schuld und dem Körper, der Grausamkeit, zu der der Gläubiger berechtigt ist, um seine Schuld vom Schuldner zurückzufordern und in der ständigen Wiederkehr der Strafe das Gefühl der Schuld zu reaktivieren. (Wobei die Strafe laut Nietzsche mehr zur Abhärtung des Menschen als zur Verfeinerung seiner Gewissensbisse führe.) Nietzsche geht dabei von den antiken Griechen, die dazu neigten, das Schlechte als Eigenschaft der Götter zu sehen bzw. in diese auszulagern bis zur Entstehung des monotheistischen Christentums, in welchem das Gefühl der Schuld verinnerlicht und zum maßgeblichen Moment der Beziehung des Menschen zum (all-)mächtigen Gott wurde. In den ganzen Überlegungen über finanzielle Geschäfte ist die immer auch hierarchisch bestimmte Beziehung von Leiden und Schulden bei Nietzsche eine zentrale. Er sieht als eines der ursprünglichen Personen-Verhältnisse das zwischen Käufer und Verkäufer. So wie innerhalb deren Verhandlungen Dingen Wert zugewiesen wird, so werden auch der Mensch und sein Körper in eine mess- und berechenbare Relation mit einem anderen gebracht.

Es entsteht ein Verhältnis, das sich über Tausch, Vertrag, Schuld, Recht, Verpflichtung und Austausch vermittelt und auf dem Glauben basiert, dass alles abgezahlt werden kann. Sollte der Mächtige, also der Gläubiger, davon absehen, lässt er dem Schuldner Gnade, eine einst christliche Geste, zu Teil werden.

Lot Vekemans scheint mit ihrer Frage nach Judas einen ganzen Komplex, der um das Thema der Schuld kreist, aufzurufen. Mit der Intention der Figur, die Geschichte um Jesus und Judas anders zu erzählen, eröffnet sie womöglich nicht nur den Weg hin zu einer alternativen Geschichtserzählung, sondern auch die Reflexion über Schuld als ursprünglich christlich-moralischen Wert in einer säkularen Gesellschaft. In welchen Formen trifft man heutzutage auf Schuld und welche Bedeutung hat dabei diese eigensinnige Nähe der Worte in der deutschen Sprache? Nicht nur in den jüngsten Finanzkrisen konnte man schließlich sehen, wie schnell monetäre in moralische Schulden verkehrt werden.

 

Judas von Lot Vekemans, mit Sebastian Klein, Regie: Bérénice Hebenstreit

4. Februar 2016, 21.30 Uhr, Rote Bar

 

Viktoria Bayer

Geboren 1992, lebt und arbeitet in Wien. Bachelor in Vergleichende Literaturwissenschaft. Seit 2013 Studium an  der Akademie der Bildenden Künste Wien (Klassen: Textuelle Bildhauerei bei Heimo Zobernig und Video und Videoinstallation bei Dorit Margreiter). Verschiedene Theaterhospitanzen, zuletzt Dramaturgiehospitanz bei Yael Ronens Lost and Found am Volkstheater Wien.