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Nach "Halbe Wahrheiten" in den Bezirken und "Hangmen (Die Henker)" im Volx/Margareten probt Ensemblemitglied Lukas Holzhausen gerade für "Emilia Galotti", das ab Sonntag auf Bezirke-Tournee geht. Wir haben ihn nach einer Probe getroffen und mit ihm über seinen Zugang zu dem Lessing-Klassiker gesprochen.

Du hast 2006 selbst schon mal in Emilia Galotti am Schauspiel Köln in der Regie von Dušan David Pařízek Marinelli gespielt. Wie ist es für dich jetzt das Stück zu inszenieren? Hilft es dir, dass du das Stück schon mal gespielt hast?

Es hilft insofern, als dass ich mit der Grundmaterie sehr vertraut bin, obwohl wir jetzt viele Entscheidungen ganz anders getroffen haben als damals. Jetzt als Regisseur habe ich die Möglichkeit andere Schwerpunkte zu setzen und insbesondere das Ende anders zu denken. Aber da ich das Stück 35 Mal gespielt habe plus Probenzeit, war ich einfach unglaublich schnell wieder in der Materie.

In Köln habt ihr auf einer großen Bühne gespielt, hier seid ihr auf Bezirke-Tournee und spielt zum Teil auf kleineren Bühnen. Wie gehst du damit für deine Inszenierung um?

Wir mussten aufgrund der räumlichen Beschränkung natürlich eine andere Formsprache suchen. Damals in Köln hatte der Bühnenbildner  die Größe der Macht durch riesige Wände dargestellt. So ein Effekt ist in den Bezirken natürlich nicht zu erzeugen. Wir machen das sozusagen umgekehrt. Im Stück sind ja nur wenige Figuren gleichzeitig auf der Bühne, maximal vier. Es sind also gewissermaßen Hinterzimmer-Verhandlungen in einem kleinen Raum oder Zimmer. Die Bühne wird also abstrakt sein und wir werden auch ohne Mobiliar auskommen, trotzdem spielen die Schauspieler/innen die Szenen aber sehr konkret. Das hat auch mit den Bedingungen in den Bezirken zu tun, man muss dort erst mal einen Raum, eine Bühne schaffen, in der überhaupt etwas stattfinden kann, eine Konzentration herstellen, insbesondere bei einem Klassiker.

Peter Fasching, Jan Thümer &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Was ist der Schwerpunkt bei deiner Inszenierung?

Ich möchte vor allem die Machtstrukturen zeigen. Lessing hat Emilia Galotti im Zeitalter der Aufklärung, in der Hoffnung geschrieben, dass sich die Herrschaftsverhältnisse  irgendwann einmal ändern würden, was dann aber noch sehr lange gedauert hat. Hettorge Gonzaga, der Prinz, ist ja immerhin schon ein aufgeklärter Herrscher, trotzdem zeigt Lessing ihn als eine Person, die immer noch sehr viel Macht besitzt. Was der Prinz und Marinelli mit der Familie Galotti anstellen, ist schon eine heftige Nummer. Emilias Bräutigam wird ermordet, sie selber soll in ein Bordell gebracht werden – so ist es gemeint – die Mutter soll eingesperrt und verhört werden und der Vater wird gezwungen tatenlos dabei zuzusehen. Es ist eine regelrechte Machtdemonstration! Am Ende bringt zwar der Vater  Emilia um, doch sie will es! Aus Emilias Sicht ist dies die letzte Möglichkeit einer autonomen Handlung.

Der Kernsatz des Stückes lautet „Verführung ist die wahre Gewalt“ und das ist ganz entscheidend. Natürlich war Emilia von dem Prinzen angezogen, und begeistert. Sie begehrt ihn! Zu spät erkennt sie wer dieser Mann wirklich ist. Ihr wird klar, dass er ihre ganze Familie zerstört und ihren Bräutigam hat umbringen lassen, um sie zu kriegen. Diesen Mann aber hat sie begehrt, begehrt ihn noch immer. Eine erschreckende Erkenntnis!

Was hat das mit dem Heute zu tun?

Mich interessiert, dass sich jetzt gerade wieder Verhältnisse etablieren, in denen eine letztlich sehr kleine Gruppe von Menschen immer mehr Macht anhäuft. Vor vierzig Jahren hätte man das nicht für möglich gehalten. Mark Zuckerberg zum Beispiel könnte man auch als Oligarchen beschreiben, er verfügt über so viel mediale, politische und finanzielle Macht, und das ohne Regulierung, ohne Kontrolle eines Parlaments, mit Hilfe von Gesetzen, die ihn begünstigen. Jürgen Habermas hat schon vor langer Zeit von einer Refeudalisierung der Gesellschaft gesprochen. Die gesellschaftliche Schicht, die es bis ganz nach oben geschafft hat, schottet sich nach unten ab und zerstört so die Chancengleichheit, eine der wichtigsten Errungenschaften der Moderne. So gesehen hat Emilia Galotti wieder sehr viel mit heute zu tun. Der Prinz möchte ein moderater, ein sanfter Herrscher sein, der natürlicherweise von sich behauptet, dass er keine Gewalt anwendet.  Dabei fällt, wenn Appiani getötet wird, kein einziger Satz, dass das Töten eines Menschen nicht in Ordnung wäre. Das Einzige, was den Prinzen wirklich wütend macht, ist, dass es so aussieht, als ob er etwas damit zu tun hätte. Die Macht gibt sich heute ja auch nicht mehr ohne weiteres  zu erkennen. Mark Zuckerberg läuft den ganzen Tag mit T-Shirt und Turnschuhen rum. Ein ganz normaler junger Mann! Niemand sieht ihm seine Macht an.

Jan Thümer, Marlene Hauser &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Würdest du sagen, dass deine Inszenierung oder das Stück Emilia Galotti irgendeinen Beitrag zur #MeToo-Bewegung leisten kann?

In gewisser Weise schon! Selbstverständlich geht es darum, wie mächtige Menschen – Männer oder Frauen – Grenzen überschreiten und andere zu bloßen Objekten ihrer Bedürfnisse degradieren. Das macht der Prinz definitiv, auch wenn er sich selber glauben lässt, er sei eigentlich ganz anders. Denn diese Macht schlägt nicht mit Knüppeln rein, sie wirkt subtiler, sie schafft Begehren, sie bietet Anreize und schafft Abhängigkeiten! Sie arbeitet sogar mit Liebe und zeigt ihr hässliches Gesicht erst wenn man sich ihr widersetzt. Diese hässliche Fratze aber hat sich in den Jahrhunderten nicht geändert.