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Die Schauspielerin Steffi Krautz spielt unter Nikolaus Habjans Regie in "Nathan der Weise" die Rolle der Sittah und leiht ihre Stimme und Teile ihres Körpers dem Patriarchen. Wie das zugeht und was das bedeutet, verrät die Schauspielerin noch vor der Premiere in diesem Exklusiv-Beitrag.

Es geschieht einem im Laufe des Berufslebens irgendwann, dass man Stücke zum wiederholten Male spielt.

Wenn man Glück hat, mag man den Text und wächst in verschiedene Rollen hinein. Interessanterweise habe ich im Sommernachtstraum erst Titania gespielt, dann Helena; in der Dreigroschenoper war es folgerichtig erst Lucie, dann Mrs Peachum und bei Rechnitz habe ich in der Wiener Inszenierung von Miloš Lolić ganz anderen Text, als in der Grazer Inszenierung vor vier Jahren.

Und natürlich gleicht keine Inszenierung der anderen, manche hat man aufregender in Erinnerung als andere.

Darüber hinaus kann es eine Herausforderung sein, einer Figur mehrfach zu begegnen, schließlich liegen oft Jahre persönlicher und beruflicher Entwicklung dazwischen, und das sollte sich in der Herangehensweise und in der Darstellung niederschlagen.

Warum es nun bei mir ausgerechnet die Rolle des Patriarchen von Jerusalem aus Lessings Nathan der Weise ist, mit der ich mich wiederholt beschäftigen darf, weiß der Theatergott allein.

Normalerweise besetzt man einen charismatischen, würdigen Herren, der Kraft seiner Autorität diese Figur über die Rampe gruselt, denn fürchterlich ist sie in der Tat.

Aber ich bin ein großer Fan von Querbesetzungen, es wird viel zu wenig gewagt!

Nun, meine erste patriarchale Amts-Anmaßung geschah 2004 in Düsseldorf unter der Regie von Phillip Thiedemann. Wir haben uns fachlich sehr geschätzt, er wollte mich wohl einfach dabeihaben und versprach sich über diese Setzung eine merkwürdige Spannung innerhalb der Figur, zudem ich nicht als Frau auftrat, sondern als das, was im Text mit „ein dicker, roter, freundlicher Prälat“ beschrieben wird.

Freundlich war ich nicht, dick und rot sehr wohl.

In ein Ganzkörperwatton gesteckt, samtumhüllt, mit Resthaar auf der Glatze wackelte ich auf einem roten Teppich, der an eine Blutspur gemahnte, aus der Bühnentiefe an die Rampe und spuckte förmlich Gift und Galle über die Freveltat des Nathan. Ich glaube, es entbehrte nicht einer gewissen Komik, die durchaus gewollt war. Gleichzeitig ließ aber der entscheidende, alles vernichtende Satz dieser Szene die Zuschauer nicht kalt.

Es ist ja nur dieser eine Auftritt im Stück, im vierten Akt, die Kolleg/innen spielen da schon zwei Stunden, und dann muss die Szene sitzen wie ein fieses Ausrufezeichen. Es ist das Todesurteil für Nathan.

Über eine Stunde saß ich in der Maske, brauchte zwei Damen zum Anziehen, war nach zehn Minuten fertig und klatschnass! Ich habe den Patriarchen sehr gern gespielt, auch wenn man sich natürlich immer auch fragt, wie man diese fanatischen Worte beglaubigen kann, und das auch noch mit Lust? Ein Schauspielergeheimnis …

(Übrigens spielte Till Firit damals den Tempelherren, den Volkstheater-Besucher/innen ja sehr bekannt!)

Steffi Krautz © Nikolaus Habjan

Steffi Krautz samtumhüllt in Düsseldorf © privat.

So, und 13 Jahre später folgt nun also die Version von Nikolaus Habjan.

Nikolaus und ich kennen uns schon eine Weile, haben aber noch nie zusammen gearbeitet und ich verfüge über keine Erfahrung im Puppenspiel.

Niki sieht eine dramaturgische Verbindung zwischen der Figur der Sittah und der des Patriarchen, beides fundamentalistische Charaktere, wobei das bei Sittah durchaus eine Auslegungssache ist, die ich aber unterstütze. Daher also die Idee, dass ich beide Rollen spielen könnte, eine mit meinem Leib, eine mit lebensgroßer Puppe. Eine schöne Aufgabe. (Das ist ja auch das Tolle an diesem Beruf, man lernt nie aus!)

Die Prinzessin liegt mir ganz gut und wir versuchen, soviel Subversivität aus dieser Frau herauszuholen wie möglich. Lessing hat es sicher nicht ganz so scharf gedacht, aber er war ja Dichter seiner Zeit, wenngleich derselben auch weit voraus, und den gesellschaftlichen und politischen Einflussmöglichkeiten der Damen waren nun mal Grenzen gesetzt!

Bei der Entwicklung der Rolle des Patriarchen habe ich den beschriebenen Heimvorteil, der Text war noch erstaunlich präsent und mir die Figur nicht fremd. Die zweite Koinzidenz: Ich schwitze schon wieder wie wild!

Konkret: Der Kopf wiegt 620 Gramm, der Körper sitzt im Rollstuhl, die Hände werden rechts von Kollegin Sabitzer, links von Frau Klar geführt. Ich schlüpfe mit meinem rechten Arm quasi durch den Nacken der Figur, gehe dann mit vier Fingern in einen Schlitz in den Schädel hinein, der Daumen stützt den Hinterkopf und mit der linken Hand bewege ich den Unterkiefer des Mannes. Das ist eine Hilfskonstruktion, denn meine rechte Schulter lässt im Moment keine längeren 90-Grad-Bewegungen zu. (GIRD–Syndrom, die sogenannte Werferschulter –  muss mal gemacht werden …) Aber dadurch ging es relativ schnell, die Belebung der Puppe zu begreifen, natürlich immer unter warmer, anteilnehmender und begeisternder Aufmerksamkeit des Meisters. Anfangs konnte ich kaum die Konzentration für 20 Minuten aufbringen, völlige Verkrampfung, im Kopf, in der Hand, dem Rücken. Der gelernte Text ist plötzlich Makulatur und ich bin schon wieder klatschnass! Uns das Schwerste für mich: Als gewohnheitsmäßige Schnellsprecherin muss ich auf die Bremse treten. Das fühlt sich unorganisch an und ständig fürchte ich, langweilig zu sein. Es ist ein Prozess, zu begreifen, dass die Puppe eine eigene Aura hat, der man vertrauen kann und soll.

Dankenswerterweise hat Niki Geduld und Zuversicht und der ab und an gegebene Anschauungsunterricht seinerseits verdeutlicht es immer sehr genau: Sobald der Kopf spricht, schaut man auf ihn, nicht auf den Menschen dahinter. Faszinierend!

Die Behandlung des Textes ist sicher feiner als in meiner ersten Aufführung, ich werde ein Mikroport benutzen, man kann leiser sein, gefährlicher. Aber gleichzeitig muss die Figur trotzdem bis in den Rang senden … mal sehen, wie das funktioniert. Die Bühnenproben gehen jetzt los, es wird aufregend! Bleiben Sie neugierig!

Und nebenbei: Nathan der Weise ist definitiv ein Stück, dem ich noch öfter begegnen möchte. Gern auch nochmal als Prälat! Vielleicht mit Sechzig?

Wir sehen uns bei der Premiere am 7. April 2017!

Herzlichst! Steffi Krautz