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Seit der Premiere am 7. April begeistert Nikolaus Habjans Inszenierung von "Nathan der Weise" das Wiener Publikum. Günter Franzmeier, der Darsteller des Nathan, im Gespräch mit Dramaturgin Heike Müller-Merten.

Heike Müller-Merten: Hattest du als Schüler deine Erstbegegnung mit dem Drama Nathan der Weise?

Günter Franzmeier: Nicht das ich wüsste. Tatsächlich hatte ich die Erstbegegnung, als ich das Stück das erste Mal gespielt habe, am Volkstheater im Jahre 2002. Damals spielte ich den Saladin. In der Schule hatte ich damit nichts zu tun.

Also warst du durch den oft als dröge empfundenen Schulstoff auch nicht negativ vorbelastet?

Nein, gar nicht. Ich freute mich darauf. Ich mag auch die Sprache sehr. Und die Geschichte ist ja auch wirklich immer noch aktuell – ja, aktueller denn je.

Im Gespräch zwischen Saladin und Sittah erfahren wir, dass das „Volk“ von Jerusalem den Juden Nathan mit den Attributen „der Reiche“ und „der Weise“ charakterisiert.

„Der Reiche“ ist einerseits ein Klischee, das den Juden auf Grund ihrer jahrhundertelangen Tradition als Händler und vielfach erfolgreiche Geschäftsleute immer schon zugeschrieben wurde. Einerseits war ihnen im Mittelalter in vielen Ländern das Recht auf Handwerk und Gewerbe versagt, so dass sie sich andere Einnahmequellen erschließen mussten. Gleichzeitig wurden sie immer wieder um ihr erworbenes Eigentum gebracht. Wir wissen ja, was im Dritten Reich passiert ist…

Geschäftstüchtigkeit wird in jedem anderen Zusammenhang als Kompetenz gehandelt. Im Hinblick auf jüdische Geschäftsleute versehen bestimmte Kreise diesen Begriff sofort mit einer negativen Bedeutung. Auch aus Sittahs Munde bekommt „der Reiche“ einen Beigeschmack.

Das hatte Zadeks legendäre Inszenierung von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig zugespitzt. Die Geschichte spielte im Setting der Wallstreet. Shylock war ein erfolgreicher Mann im Nadelstreif… Und am Schluss, nach seiner Verurteilung, musste er sein ganzes Vermögen abgeben. Gert Voss hat gekniet und einen Scheck ausgeschrieben, dreißig Sekunden in Demutshaltung am Boden. Das war ein wahnsinniger Moment. Bei Lessing ist der Reichtum Nathans eine Größe, die nur die anderen interessiert. Die, die ihm das Geld abnehmen wollen. Oder die das Klischee vom reichen Juden erfüllt sehen wollen.

Vor den Trümmern eines brennenden Hauses in einer zerstörten Stadt ist Reichtum relativ… Den „Weisen“ hingegen müssen die Leute ihrem Mitbürger Nathan zugestehen.

Das glaube ich auch. Wobei in unserer Fassung die Weisheit in Form von geschliffenen Lehrsätzen gar nicht so stark im Vordergrund steht. Es ist eher die Umwelt, die ihn so sieht. Weil er anders ist. Anders denkt.

Welche Seiten des Nathans haben dich zuallererst angesprochen? Wo hakt sich der Schauspieler fest?

Als Schauspieler kann ich Stücke gar nicht mehr unvoreingenommen lesen. Ich lese sie immer schon auf die Rolle hin, die ich spielen werde. Und da suche ich immer zuerst den menschlichen Konflikt, der sich auftut. Dabei frage ich nach den Schwächen, den Stärken der Figur. Oft steht gar nicht so sehr das gesellschaftliche Umfeld im Zentrum, sondern das Problem des einzelnen Charakters. Und bei dem Stück haben wir es eigentlich auf die Spitze getrieben, weil ja fast alles, die gesamte Handlung, aus dem Inneren des Nathan herauskommt.

Und was ist Nathans Konflikt?

Sein Verliebtsein in diese vermeintliche Tochter, die er so abgöttisch liebt, für die er im Grunde alles machen würde. Dabei verleugnet er sogar, dass dieses Mädchen bereits tot ist, wie alle anderen tot sind. Er redet sich einen Wahnsinn ein, aus Vaterliebe. Das ist etwas, das ich gut verstehen kann. Viel mehr als politische Überzeugungen, viel mehr auch als die Liebe zu einem anderen Menschen. Das ist nicht so tiefgehend wie die Liebe eines Vater zu seinem Kind, so empfinde ich das zumindest.

Diese Vaterliebe geht dann ja so weit, dass der weise gute Nathan bereit wäre, um Rechas Willen fragwürdige Entscheidungen zu treffen…

Ja genau. Rational falsche Entscheidungen, die jedoch emotional richtig, also verständlich sind. Deswegen könnte man bei unserer Inszenierung tatsächlich ein Fragezeichen hinter den Titel setzen.  Nathan der Weise? Ist es tatsächlich alles so richtig, was er macht, was er denkt? Er fälscht ja sogar den Stammbaum, um Recha nicht an den Tempelherren zu verlieren. Andererseits zeigt Nathan schon Weisheit, weil er in der Lage ist, seine Mitmenschen einzuschätzen.

Heute würden wir eher von sozialer Kompetenz sprechen als von Weisheit. Er blickt hinter die Fassade und erkennt z.B. hinter dem Fanatismus des Tempelherren noch den traumatisierten Jungen oder hinter dem unberechenbaren Herrscher Saladin den harmoniebedürftigen Schöngeist.

Das mag richtig sein. Er glaubt an das Gute und das ist ja aufklärerisch im Lessing’schen Sinne. Aber ist das auch immer das Richtige für das Leben seiner Umgebung? Selbst hinsichtlich des Umgangs mit seiner Tochter möchte man schon einiges infrage stellen.

In dieser Hinsicht zeigt auch der Dramatiker Lessing Vielschichtigkeit. Er skizziert einen Nathan, der bei aller Klugheit Momente hat, wo er fehlbar ist. Auch er ist nur ein Mensch und damit auf das Erbarmen der anderen angewiesen.

Und unsere Fassung verstärkt das, weil sie auf viele der hohen Lebensweisheiten verzichtet.

Schülergenerationen mussten gegen Interpretationen ankämpfen, in denen nicht der menschliche Faktor Nathans betont wurde, sondern Nathan zum Thesenträger wurde.

Ich habe ein Problem mit jeder Art von Leitsätzen oder Thesen, die Menschen aufstellen um andere zu missionieren und zu manipulieren. Gerade heutzutage ist das echt gefährlich, denn solchen Allwissenden, die ihre Welterklärung in den Raum stellen und als Maxime verkaufen, gelingt es ja wahnsinnig schnell, Menschen in ein Lager zu verpflanzen, wo es radikal wird. Diese ganzen islamistischen Radikalisierungen funktionieren ja im Grunde auf diese Weise. Alles, was für „wahr“ und „unantastbar“ gilt, ist immer ein bisschen schwierig für mich. Deswegen hab ich auch mit Religion an sich Probleme.

Aber es ist schon interessant, dass überall in Europa weite Teile der Bevölkerung den starken weisen Mann, der es richten möge, herbeiwünschen. Und die anderen haben gelernt, allen Autoritäten zu misstrauen. Letzteres ist auch etwas, das man bedauern kann. Eine gewachsene Autorität ist ja nicht mit Diktatur oder Populismus gleichzusetzen, sondern kann eine Gabe sein.

Natürlich, das merkt man auch bei der Erziehung.  Es braucht eine gewisse Autorität, um einem Menschen Sachen beizubringen, das verstehe ich schon. Aber all diese Kämpfe und Zwänge in Bezug auf Führungspositionen, damit habe ich meine Probleme. Obwohl ich mich nicht dagegen wehre, sondern versuche, mich mit mir auseinanderzusetzen und mich frage, warum ich dem nicht trauen will oder kann.

Ist dieser Abwehrreflex für den Beruf  als Schauspieler nicht hinderlich?

Ja. Manchmal. Wenn ich merke, dass ich mich von der Regie behindert fühle. Das macht mich krank. Meine einzige Waffe ist dann, mich in der Probenarbeit mehr einzubringen, als ich es gewohnt bin. Dann habe ich das Gefühl, ich habe einen Strang in der Hand –  den ich dann am Abend eh habe, das ist das Tolle am Live-Theater, man trägt als Schauspieler mit den Kolleg/innen für das Publikum die Verantwortung für eine Geschichte. Das ist es, was den Beruf für mich eigentlich ausmacht. Aber nur das zu machen, was ein Regisseur sagt – da muss schon ein ganz toller Regisseur kommen. Aber ich hab auch gemerkt, je besser die Regisseure sind, desto mehr lassen sie zu.

War die konzeptionelle Setzung der Inszenierung, dass Nathan die Geschichte rückwärts erzählt, für dich ein schlüssiger Pfad?

Total. Das war die Initialzündung vom Nikolaus. Das habe ich sofort verstanden und konnte damit insofern was anfangen, als ich wusste, dass da keine Reise zu erzählen ist, sondern ein emotionaler Zustand. Das war schlüssig für mich. Das Verleugnen der Realität als Setzung, der Beginn mit der Katastrophe – das hat mich dazu bewogen, sofort auf dieser Höhe einzusteigen, im emotionalen Ausnahmezustand. Daraus folgte meine Idee, dass Nathan die Leichen der Toten zudeckt. Was dann eigentlich das Schwierigste am ganzen Stück für mich ist. Normalerweise fängt man eine Geschichte an, steigert sie bis zu einem emotionalen Höhepunkt und dann gibt es irgendwann eine Katharsis.

Ein Stück nach einem Massaker oder einem Terrorakt beginnen und enden zu lassen, schließt das von Lessing konzipierte idealische Ende aus. Hast du die positive Auflösung in der Menschheitsfamilie vermisst?

Nein, überhaupt nicht. Die ist ja auch sehr konstruiert und nicht zeitgemäß. Sind denn alle Menschen gleich? Sind die Voraussetzungen für brüderliche oder schwesterliche Verbundenheit gegeben? Lassen sich die Vertreter von Religionen, die sich immer wieder die Schädel einschlagen, so ohne weiteres vereinen? Nein! Wir haben alle Angst vor den Anderen. Es wäre blauäugig, so eine Vision hinzustellen: Es wird alles gut – wenn wir nur wollen. Klar, wir müssen daran arbeiten, dass wir nicht untergehen. Aber wir sind keine Menschheitsfamilie. Diese vergebliche Familienaufstellung, die in unserer Inszenierung Nathan mit den Toten vornimmt,  war schon eine schlüssige Lösung… ob das jetzt deutlich sichtbar ist, das weiß ich nicht. Aber die Zuschauer/innen spüren die Fragestellung dahinter. Das glaub ich schon.

Hattest Du Freude an dem Gedanken, bei Nikolaus Habjan im Nathan zu spielen, oder hattest du Berührungsängste vor dem Medium der Puppe?

Nein, ich hatte keine Berührungsängste. Ich hatte mir ja schon einige Arbeiten von Nikolaus angesehen. Die erste Puppe, die ich von Habjan gesehen habe, war im Volkstheater bei der Fasching-Aufführung. Da war ich tief beeindruckt von diesem Liebesakt, den Nikolaus mit einer Puppe gespielt hat. So etwas Erotisches und Nicht-Peinliches hab ich auf einer Bühne überhaupt noch nie gesehen. Ich fand das toll. Dann sah ich das Missverständnis und war echt angetan von dem, was Nikolaus Habjan mit den Puppen kann. Wie er die Sprache behandelt zum Beispiel, und diese mit der Puppe koordiniert. Ich hatte das Gefühl, diese Puppen haben mehrere Gesichtsausdrücke, die können mit den Augen rollen, die können die Augenbrauen heben – dabei ist das alles nur hineininterpretiert. Ich hatte also keine Angst vor einer Nathan- Inszenierung mit Puppen, aber Bedenken, ob ich jetzt eventuell auch mit der Puppe spielen muss. Weil ich einfach sehe, dass ich das nicht so gut könnte. Wenn es die Inszenierung benötigt, dann mache ich das natürlich gern. Aber es ist nicht so, dass ich unbedingt auch Puppenspielen lernen muss.

Als Nathan hast du zwar selber keine Puppe geführt, aber mit deinem Alter Ego, einer Puppe, interagiert. Wie war das für dich?

Ich hab die Erkenntnis daraus gezogen, dass ich als Schauspieler oft zu schnell bin mit meinem Sprechen. Ich bin  schnell im Kopf und das überträgt sich dann oft in meine Sprache. Und ich hab gespürt, dass man sich ein bisschen zurücknehmen kann, in der Sprache, um andere Farben zu zeigen. Wenn eine Puppe den Kopf neigt, hat das eine wahnsinnige Kraft. Es liegt vielleicht an den Augen, die sich nicht bewegen. Die Schauspieler, Filmschauspieler, die mich schon seit meiner Jugend begleiten, wie Jack Nicholson, Klaus Kinski oder Robert de Niro – die können das auch. Die verfügen über bestimmte Ausdrucksweisen im stummen Spiel und haben eine große Ausstrahlung dabei.

Konntest du dich in die Puppe, dein zweites Ich, gut hineindenken?

Ja. Sonst wäre das gesamte Konzept nicht aufgegangen. Die Puppe ist so etwas wie ein Gewissen, das auf Nathans Schulter sitzt und versucht, Dinge zu erklären. Wir haben ja auch eine ganz kurze Szene in der Ringparabel, in der die Puppe Nathan einen Hinweis gibt und zu mir sagt: Mach doch was! Erzähl doch die Geschichte! Und kurz bevor Nathan dann anfängt die Geschichte zu erzählen, will er sich noch vergewissern, ob sie noch da ist. Und sie ist weg, die Puppe ist weg. Nathan ist kurz verunsichert und erzählt dann doch die Geschichte. Schließlich wird er durch Saladin, der eigentlich etwas anderes von ihm verlangt, total eingeschüchtert. In dieser Situation  sucht er nochmals die Puppe, und versucht, einen Rat zu bekommen. Das finde ich schön und seit wir das gefunden haben, tu ich mir mit der Puppe leicht.

Die Puppe macht Nathan auch verletzlicher, einsamer. Es muss ja eine Notwendigkeit geben, dass er sein zweites Ich herbeiruft. Wann fängt man an, mit sich zu reden? Wenn niemand anderes mehr da ist.

Das ist erstaunlich, dass das funktioniert.

Wie geht es dir mit der alten Theaterliteratur? Es gibt ja provokante Äußerungen von prominenten Theatermachern, z.B. Hamlet von Shakespeare im Bücherschrank stehen zu lassen, weil der über unsere Wirklichkeit nichts mehr zu erzählen hätte. Und, wie wir lesen konnten, stoßen sich auch Kritiker an den als antiquiert empfundenen Blankversen Lessings. Denkst du, man kann mit Stoffen wie diesen noch etwas machen?

Ich finde sogar, man muss etwas damit machen. Das sind die Stücke, die Theater ausmachen. Na klar sind diese ganzen zeitgenössischen Stückentwicklungen und gesellschaftspolitisch oder sozial wichtige Sachen toll. Das ist alles ganz wichtig. Aber das ist nur ein Ausschnitt. Frag mal einen Schauspieler, warum er ans Theater gegangen ist: es sind Faust, Hamlet, Othello, mit denen er sich messen will. Das ist so wichtig, diese Stoffe zu zeigen und sie immer neu zu denken. Da steckt alles drin. Jede Zeit hat ihre Geschichten hervorgebracht, und jede Zeit ermöglicht wieder einen anderen Zugang, alle zehn, fünfzehn Jahre ändert sich die Sichtweise auf ein Stück. Auch der Zuschauer ändert sich…

Welche klassischen Rollen hast du außer Nathan und Saladin noch gespielt?

Zu wenig. Ich habe zum Beispiel noch nie ein Königsdrama von Shakespeare gespielt, das würde ich gerne noch machen. Ich würde wahnsinnig gerne Othello spielen, egal welche Rolle. Mit den Komödien war ich schon oft konfrontiert, vier Mal Sommernachtstraum. Ich habe aber schon ein paar Klassiker gemacht, wie zum Beispiel Iphigenie auf Tauris. Im Zerbrochnen Krug hab ich auch schon dreimal gespielt, zweimal den Ruprecht und einmal den Adam. Das ist so eine wahnsinnsschöne Rolle, da habe ich noch eine Rechnung offen, das würde ich gerne noch einmal machen. Weil ich überhaupt nicht dem Klischee entspreche…

Ich hätte noch wahnsinnig viel zu tun.

Ja. Und darauf darf das Publikum gespannt sein. Vielen Dank für das Gespräch.