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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Stefanie Blauensteiner hat sich "Lost and Found" angeschaut – und sich an ihren eigenen Einsatz in der Flüchtlingshilfe erinnert.

Was bedeutet das Konzept Familie in der heutigen Zeit? Dieser Frage geht die Inszenierung Lost and Found von Yael Ronen nach. Ein Trauerfall ereignet sich am Höhepunkt der Fluchtbewegung des Jahres 2015 und stellt nicht nur familiäre, sondern auch gesellschaftliche, politische und humanitäre Themen zur Diskussion. Ergebnis ist ein sehenswertes Stück, das zum Nachdenken anregt.

Die Geschwister Maryam (Birgit Stöger) und Elias Sabry (Sebastian Klein) sehen einander wieder, als sie das Begräbnis ihres Vaters ausrichten müssen. Der Krisenfall verbindet die entfremdeten Geschwister, die in den letzten Jahren ein Leben geführt haben, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Während Elias in Berlin gelebt hat und in der Poetry-Slam-Szene aktiv war, versuchte Maryam in Wien ihren Lifestyle-Blog zu vermarkten, pflegte ihren kranken Vater, sorgte für ihren Sohn und musste mit der Scheidung von ihrem Mann (Jan Thümer) klarkommen. Der Tod des Vaters beschwört eine chaotische Situation herauf, in der Maryams Ex-Mann noch immer seinen Platz in der Familie behaupten will, obwohl Maryam gerade drauf und dran ist, durch künstliche Befruchtung ein Kind mit ihrem schwulen besten Freund Schnute (Knut Berger) zu zeugen. Camille (Anja Herden), die Ex-Freundin von Elias taucht in der leergeräumten Wohnung des Vaters auf und erregt durch ihre provokante und unverblümte Art Aufsehen. Zu allem Überfluss steht dann auch noch ein Cousin (Osama Zatar) auf der Matte, der aus dem Irak geflüchtet ist.

Das Stück besticht nicht so sehr durch seine Handlung, die zu einem sehr abrupten Ende kommt, sondern vor allem durch aktuelle Themen, die zur Diskussion gestellt werden. Nicht nur das traditionelle Konzept Familie wird gründlich hinterfragt und sogar kritisiert, auch die Flüchtlingsthematik wird kritisch beleuchtet. Denn als Cousin Yousef plötzlich in der Wohnung ist, wollen Maryam und Elias diesen ohne lange zu überlegen bei sich aufnehmen oder „integrieren“, wie Elias es formuliert. Als sie hören, dass er nach Deutschland will, werden Vorurteile laut, wird das Leben in Österreich schöngeredet. Einzig und allein Camille ist diejenige, die sehr kritisch beäugt, was es denn eigentlich heißt, alle Flüchtlinge willkommen zu heißen und sie integrieren zu wollen. Die „political correctness“ wird in Frage gestellt und durch den Vorschlag einer differenzierteren Sichtweise abgelöst. Ich kann mich mit dem Stück deshalb so gut inhaltlich identifizieren, weil ich selbst bei der Flüchtlingshilfe aktiv war und somit hautnah miterlebt habe, dass es nicht immer einfach ist, Flüchtlinge zu integrieren, für die Österreich eine ganz andere kulturelle Welt bedeutet. Diese Integration ist ein langer Prozess, der sehr viel Zeit und Zuwendung braucht.

Bei der modernen Inszenierung wird unter Begleitung von Elektromusik das aus Pappkisten bestehende Bühnenbild umgebaut, auch Videoinstallationen werden verwendet. Es ist deshalb sehenswert, weil es zum Nachdenken anregt. Nachdenken über das Konzept Familie in der heutigen Gesellschaft und Nachdenken über die gesellschaftlichen Konsequenzen einer integrativen Flüchtlingspolitik. Der Verlust des Vaters und das Finden des irakischen Cousins sind die Eckpfeiler des Stückes, das sehr viele komische Momente hat, jedoch auch latent gesellschaftskritisch ist. Wie auch das andere meisterhaft inszenierte Stück Hakoah Wien ist Lost and Found eine Stückentwicklung von Yael Ronen und dem Ensemble. Die schauspielerische Leistung der Darsteller/innen ist überzeugend und sorgt dafür, dass die Zuseher/innen die verschiedenen Sichtweisen nachvollziehen können.

 

Stefanie Blauensteiner (26) betreibt den Blog Die Kulturwienerin und schreibt hier in unregelmäßigen Abständen über Stücke am Volkstheater.

Das Format Sichtweisen wird ab sofort in unregelmäßigen Abständen erscheinen. Wenn Du auch mitmachen willst, wende dich an das Junge Volkstheater unter junges@volkstheater.at.