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Mit "God Waits at the Station" von Maya Arad hat Hannan Ishay ein Stück über den israelisch-palästinensischen Konflikt inszeniert. Mit Dramaturgin Veronika Maurer sprach der gebürtige Israeli über seine Erfahrungen während seines eigenen Militärdienstes.

Veronika Maurer: In God Waits at the Station tritt die junge Israelin Yael während der 2. Intifada ihren Militärdienst an. Du hättest sie kennenlernen können.

Hannah Ishay: Theoretisch ja. Ich habe meinen Militärdienst von 2002 bis 2005 abgeleistet, also die üblichen drei Jahre für Männer. Frauen müssen eigentlich 1,8 Jahre zur Armee, aber jetzt wird im Sinne der Gleichberechtigung versucht, diese Zeiten etwas aneinander anzugleichen – statt dass man darüber nachdenkt, wie man diese Institution langsam abbauen und die Energien in etwas Produktives stecken kann. Ich habe beim Militär eine Ausbildung für einen Dienst mit Hunden gemacht; diese Arbeit führte mich an Stationen im ganzen Land, in den besetzten Gebieten und im Gaza-Streifen. Den Dienst am Checkpoint, wo Yael im Stück eingesetzt wird, habe ich nicht getan.

Deine Armeezeit fiel in die letzten drei Jahre der 2. Intifada. Wie hat sich das auf den Militärdienst ausgewirkt?

Der propagandistischen Maschine hat es geholfen. Jede Bedrohung hilft dieser Maschine, die Leute davon zu überzeugen, wie existenziell notwendig militärische Verteidigung ist. Jede Attacke führt erst einmal zu der (natürlich auch verständlichen) Reaktion: Wir müssen uns beschützen. Wir müssen noch stärker sein. Erst viel später werden andere Fragen gestellt: Warum kommt es überhaupt dazu? Was machen wir hier falsch, dass es so läuft? Ich konnte das damals noch nicht mit diesem Abstand sehen, aber heute kann ich mir nur schwer vorstellen, dass ich den Militärdienst noch einmal ableisten würde.

Kann man ihm denn entkommen?

Es gibt Leute, die das durchsetzen – und dann dafür im Knast sitzen. Es gibt natürlich auch verschiedene Schleichwege, um sich dem Dienst zu entziehen. Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, was beim Militär auf mich zukommen wird und mit welchen Ängsten das für mich verbunden ist. Ich glaube, das macht jeder. Ich habe mir dann gesagt (ähnlich wie Yael im Stück), dass ich es ohnehin machen muss, dass ich es anders machen werde und dass es dann schon gut werden wird. Ich wollte mir allerdings nicht einreden, dass ich nicht kämpfen, sondern irgendwo Büroarbeiten erledigen würde und dass ich somit nicht Teil des Ganzen wäre. So naiv ich mit 18 Jahren auch war, ich wusste: Wenn ich diese Uniform anziehe, bin ich Teil dieser Maschine – egal was ich mache.

Yael sagt im Stück, sie sei jung und naiv gewesen, als sie zur Armee ging. Welche Rolle spielt das junge Alter der Soldat/innen in der israelischen Armee?

Mit älteren Menschen würde das gar nicht funktionieren. Wenn man schon Kinder hat, denkt man anders. Man ist weniger empfänglich für das, was sie erzählen, um einen von der Notwendigkeit des Ganzes zu überzeugen. Bei unserer ersten Probe habe ich versucht, den Schauspieler/innen begreiflich zu machen, was es bedeutet, Soldat/in in Israel zu sein. Es ist ein untrennbarer Teil der Gesellschaft. In jeder Familie, in jeder Wohnung gibt es eine/n Soldat/in, jemanden, der/die in der Armee war oder jemanden, der/die in ein, zwei oder 17 Jahren selbstverständlich dahin gehen wird. Die Soldat/innen werden als die Kinder der Nation betrachtet, sie sind ihr heilig. Das macht es auch so wahnsinnig schwierig für die Bevölkerung, irgendeine Kritik am Handeln des Militärs zuzulassen. Das Militär als Organisation darf man vielleicht noch kritisieren, aber die Soldat/innen? Nein. Sie tun schließlich alles für uns, sie beschützen uns – wie könnten wir also?

Was passiert, wenn den Soldat/innen etwas zustößt?

Als ein Soldat gekidnappt wurde und als Gefangener der Hamas in Gaza saß, war das eine schwierige Situaton für Israel. Ein Kind dieses Landes! Ich glaube, es wäre für die israelische Politik einfacher gewesen, wenn er gestorben wäre. Damit hätte man umgehen können, man hätte zum Gegenschlag ausholen können. Aber dass dieser Soldat da sitzt und der Staat mit all seiner Macht hilflos ist, während er doch behauptet, so stark zu sein, das machte die Situation unerträglich. Am Ende wurden dann 1027 palästinensische Verhaftete, die in Israel im Gefängnis saßen, gegen den Soldaten ausgetauscht.

Du hast in Wien am Max Reinhardt Seminar studiert, lebst mittlerweile in der Schweiz. Kannst du dir vorstellen, nach Israel zurückzukehren?

Das ist gerade das Thema vieler Familiendiskussionen. Ich kann mit der jetzigen Politik Israels, mit der allgemeinen politischen Situation im Land, mit der Propaganda überhaupt nichts anfangen – unabhängig davon, wer genau im Parlament sitzt. Und die Situation an den Theatern steht nochmal auf einem anderen Blatt. Gleichzeitig ist es der Ort, wo ich herkomme. Ich will nicht so tun, als ob das nicht so wäre. Meine Familie lebt dort, die Familie meiner Frau lebt dort. Das sind Menschen, die mir wichtig sind. Und natürlich ist mir letztlich das Schicksal dieses Ortes wichtig.

Welche Erfahrung aus deiner Armeezeit nützt dir heute als Regisseur?

Ich glaube, irgendwann während meines Militärdiensts habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich gemerkt habe: es ist egal, was man macht oder nicht macht – es wird nicht sehr viel ändern. Ich wurde ganz passiv, ähnlich wie die Figur des Zachi im Stück. Meine ganze Jugendzeit lang hatte ich mich mit Theater beschäftigt, auf sehr exzessive Weise. Die Leute, die mich damals kannten, meinten, ich würde mit dreißig an einem Herzinfarkt sterben. Die Erfahrungen beim Militär haben mich gelassener gemacht. Die Dinge sind meist anders, als behauptet wird – und manchmal sind sind sie auch genau so und man kann daran nichts ändern. Ich habe gelernt, das zu unterscheiden und meine Kräfte entsprechend einzusetzen. Im Theater praktizieren wir ja immer eine Art Don Quichotterie. Wir machen ein politisches Stück und wollen damit etwas ändern. Wir wissen, dass es im Großen nichts ändern wird. Aber wir hoffen dennoch, dass es bei jeder Vorstellung ein paar Menschen erreicht und dadurch zu einer Änderung beiträgt. Wenn man nicht daran glaubt, hat man sowieso keine Chance.

 

© Yuval Shemesh

Hannan Ishay © Yuval Shemesh

God Waits at the Station: 11., 13., 14., 15. Oktober, jeweils 20 Uhr, Volx/Margareten