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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Aus aktuellem Anlass erscheint dieser Teil seiner zweiwöchigen Kolumne außerhalb der Reihe - und erzählt davon, wie er die Dinge plötzlich in einem anderen Licht sieht.

Wien hat im September Herz gezeigt. Ich war für einmal mächtig stolz auf meine Stadt. Eine beispiellose Woge der Hilfsbereitschaft schwappte plötzlich den vielen gestrandeten Existenzen entgegen. Die Flüchtlinge bekamen Namen und Gesichter. Aus statistischem Zahlenmaterial wurden erzählbare Biografien. Das ferne (Kriegs-)Elend war in unserer Wohlstandsmitte angekommen.

Genau in dieser Zeit musste ich am Westbahnhof auf die U6 warten. Plötzlich tauchte mitten im wartenden Gewühl ein junger Mann auf der Rolltreppe auf, braungebrannt, kurze, verdreckte Sporthose, lederner Rucksack, eine Trinkflasche in der Hand. Vielleicht war es ja die Sensibilisierung für das Thema, aber ich sah den Mann plötzlich in einem ganz anderen Licht. Ich stellte mir vor, wie sein verbeulter, verschrammter Rucksack an der Wand des Schlepperlieferwagens immer wieder angeschlagen hatte, dass seine zerrissenen Turnschuhe hunderte Kilometer Wüste durchquert hatten, versuchte die wenigen Habseligkeiten zu erahnen, die in seinem (nachlässig offenen) Rucksack sein mochten und schob die Bräune auf die erbarmungslose Sonne, die auf den Flüchtenden heruntergebrannt sein mochte.

Der junge Mann blieb nur kurz an der U-Bahnstation stehen, drehte sich ein paar Mal langsam um die eigene Achse, trank vorsichtig einen winzigen Schluck aus der Flasche und fuhr dann wieder mit der Rolltreppe nach oben. Die ganze Zeit über hatte er einen seltsam erstaunten Gesichtsausdruck. Ich stellte mir vor, dass er einer dieser Gestrandeten am Westbahnhof war. Abseits der hektischen Flüchtlings-Betriebsamkeit dort oben (Dolmetscher suchen, Anträge stellen, Fahrkarten ordern, etc.) wollte er vielleicht einfach nur wissen, wie sich Normalität in einer Stadt ohne Krieg anfühlt.