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Ein Gespräch mit den Schauspieler/innen Birgit Stöger, Jan Thümer, Jasmin Avissar, Julius Feldmeier, Osama Zatar, Sebastian Klein und Seyneb Saleh.

Veronika Maurer: „Yael Ronen und Ensemble“ werden dieses Jahr für Lost and Found mit dem Nestroy-Autorenpreis für das beste Stück ausgezeichnet. Ihr habt ja schon mehrfach mit Yael Ronen zusammen Stücke entwickelt. Wie entsteht so ein Theatertext im Kollektiv?

Sebastian Klein: Meistens gibt es zu Beginn der Proben ein Thema, zu dem Yael Ronen arbeiten will. Man fängt erst einmal an, sich über dieses Thema zu unterhalten, Geschichten zu sammeln; jede/r trägt bei, was ihn/sie daran interessiert. Bei Lost and Found haben wir zu Beginn der Proben drei Wochen lang darüber gesprochen, was uns im letzten Jahr beschäftigt hat, was uns privat zugestoßen ist – daraus entstand dann der Komplex der Auseinandersetzung mit Familienmodellen im Stück. Im nächsten Schritt kristallisieren sich für jede/n Schauspieler/in Themenbereiche heraus, aus denen wiederum die Figuren entstehen. Die werden aufeinander losgelassen; teilweise improvisieren wir Szenen, die dann transkribiert werden. Yael Ronen benutzt das Material aus den Improvisationen, um die Situationen zuzuspitzen und auf Pointen hin umzuschreiben. Das macht sie auf Englisch und wir übersetzen es dann ins Deutsche, das heißt, wir haben die Chance, die Sätze so zu formulieren, dass sie uns gut im Mund liegen. Außerdem gibt sie uns Schreibaufträge, sie stellt uns Aufgaben. Dann kommt man mit einer Seite Text, die man zu Hause geschrieben hat, auf die Probe, liest sie vor, improvisiert anhand dieses Textes, und auch das wird von Yael Ronen benutzt und zugespitzt.

Jan Thümer: Ich glaube, das Besondere an der Arbeit von Yael Ronen ist, dass sie versucht, für jede/n Schauspieler/in einen persönlichen Zugang zu den Themen des Stücks herzustellen, deshalb basieren die Figuren, die wir spielen, meistens auf unseren eigenen Geschichten, auch wenn Yael sie mischt und überformt. Niemandsland war in dieser Hinsicht ungewöhnlich, weil wir uns Figuren ausgedacht haben, die weniger mit uns persönlich zu tun haben. Was wir zeigen, haben wir nicht selbst erlebt, nur teilweise flossen persönliche Details in diese Fremdfiguren mit ein. Jetzt kann man natürlich raten, was das bei jeder/m Einzelnen ist – jedenfalls glaube ich, dass das, was die Figuren so direkt macht, darin besteht, dass sie durchdrungen sind von unserer eigenen Beschäftigung mit den Fremdfiguren oder mit dem tatsächlich biographischen Anteil dessen, was die Figuren ausmacht.

Was habt ihr denn zum Beispiel für Schreibhausaufgaben bekommen?

Seyneb Saleh: Die werden manchmal auch weggeschmissen. Man arbeitet einen Abend lang an irgendetwas und dann ist es aber unbrauchbar oder kehrt nur in Ansätzen irgendwo im Stücktext wieder. Try and error.

Jan Thümer: Knut Berger hat für Niemandsland einen Wahnsinns-Monolog geschrieben, der 15 Minuten dauerte und ein völlig anderes Thema verhandelte. Der war großartig und blieb auch eine Woche oder so im Stücktext, und dann landete er im Müll und ist nie wieder aufgetaucht.

Sebastian Klein: Knuts Figur war ursprünglich auch Sexualtherapeut und nicht Politikwissenschaftler. Das hat es aber nicht ins Stück geschafft, darum ging dann auch der Monolog nicht mehr.

Wie entstand das Stück Niemandsland?

Seyneb Saleh: Am Anfang standen Jasmin und Osama.

Osama Zatar: Und Ayahuasca.

Jasmin Avissar: Die wahren Anteile in diesem Stück stammen von Osama und mir. Teile unserer Lebensgeschichte werden erzählt, zwischen all den anderen Geschichten. Yael hatte uns in Berlin über ihren Bruder kennengelernt. Sie wollte sich in Niemandsland mit den Themen Nationalität und Identität beschäftigen. Da Osama Palästinenser ist und ich Israelin bin, stellt unsere Geschichte eine Herausforderung für die Konzepte von Nationalität und Identität dar, und wir haben einiges darüber zu erzählen, wie wir mit unserer Umgebung kollidiert sind. Deshalb hat Yael uns eingeladen, das Stück mitzuentwickeln. Um unsere Geschichten herum wurden dann die anderen Geschichten entwickelt, die sich um den Bosnienkrieg und um den Krieg in Syrien drehen.

Im Laufe der Proben werden auch die Figuren entwickelt. Wie war das bei Niemandsland?

Birgit Stöger: Yael hat uns gefragt: „Was wolltet ihr immer schon mal gerne spielen?“ Und Knut zum Beispiel hat gesagt: „Cello.“ Und das tut er ja jetzt auch. Ich weiß noch, dass ich gesagt habe: „Ich würde gerne meine Tochter spielen“ – weil ich die am besten kenne. Ich durfte dann zwar nicht meine Tochter spielen, aber ich durfte eine Mutter spielen, die sich sehr kindlich verhält. Wir haben eine Improvisation gemacht, bei der Yael gesagt hat: „Spiel die Mutter, aber spiele, dass du das Kind in dieser Beziehung bist.“ Dabei entstand zum Beispiel die Situation, dass ich mich auf den Boden lege und mich nicht selbst ausziehen will, weil das meine eigene Tochter damals immer so gemacht hat. Das könnte natürlich blöd und albern werden, aber Yael Ronen greift so etwas auf und fügt es stimmig in das Stück ein. Und dann hat sie Seyneb und mich über Vergewaltigungsopfer und über Vergewaltigungslager recherchieren lassen und verwendete unsere Ergebnisse. Yael schlug vor, dass ich diese Rolle mit Akzent spielen sollte. Ich hatte eine bosnische Freundin in Graz, von der ich mir den Akzent geklaut habe, aber nicht nur den Akzent, sondern eigentlich auch das ruppige Wesen. Ich habe dann aber auch erst verstanden, wieso meine Freundin so ruppig ist, weil ich dann erst angefangen habe, mit ihr darüber zu reden, wieso sie nach Graz gekommen – warum sie geflohen ist. Ihr Wesen hat sich mir erst in diesen Gesprächen erschlossen. Sie hat im Krieg nicht das erlebt, was ich in Niemandsland spiele, aber sie hat Entsetzliches erlebt.

Julius Feldmeier: Mich hat Yael Ronen auch gefragt: „Was würdest du gerne mal auf der Bühne spielen, womit willst du dich beschäftigen?“ Ich habe gesagt: „Mit der Lüge.“ Dann habe ich recherchiert und bin auf Hochstaplerfiguren gestoßen: Da gibt es zum Beispiel Gert Postel, der hat es geschafft, als Oberarzt in einer Klinik zu arbeiten, ohne eine medizinische Ausbildung vorweisen zu können. Er hat die Zeugnisse gefälscht, er ist eigentlich Postbote, hat aber mehrere Jahre als Arzt praktiziert. Ein totaler Narzisst, gefangen in seiner eigenen Geschichte. Immer, wenn er Interviews gibt, sagt er die gleichen Sachen. Ich fand diese Figur faszinierend. Dann habe ich mich noch mit Julian Assange beschäftigt, der Vorbild für das Engagement für Menschenrechte meiner Figur geworden ist. Und dann sind Yael Ronen und die Dramaturgin Maryam Zaree noch auf eine Geschichte gestoßen: In einer Nachrichtensendung auf BBC wurde eine Frau interviewt, eine britische Staatsbürgerin, die aus Jugoslawien geflohen war. Sie sollte sich dazu äußern, warum ihr Foto auf dem Blog einer syrischen Bloggerin erscheint. Die Frau sagte, ja, das ist mein Foto, aber nicht mein Blog und nicht meine Geschichte; ich bin nicht diese Person. Es stellte sich dann heraus, dass dieser Blog von einem schottischen Masterstudenten betrieben wurde, weil er Aufmerksamkeit für die Situation in Syrien generieren wollte. Aus diesen drei Teilen ist meine Figur entstanden.