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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Carla Gabriel fand es spannend, wie ein Regisseur, der kaum älter ist als sie selbst, Molières Klassiker "Der Menschenfeind" inszeniert.

Wie viel Ehrlichkeit verträgt der Mensch? Dem geht Molière in der Komödie Der Menschenfeind nach. Dieses Genre eignet sich bereits seit langem als Ausdrucksform für Kritik an gesellschaftlichen Konventionen, geriet allerdings auch oft in Verruf als „leichte Unterhaltung“, die man häufig mit Laiendarsteller/innen und einer Brettbühne verbindet. Ich fand es daher sehr spannend zu erfahren, wie ein Regisseur, der nur drei Jahre älter ist als ich selbst, an die Materie herangeht.

Alceste (Lukas Holzhausen) behauptet von sich selbst, ein Leben ohne Heucheleien zu führen. Aufgrund dieser Ehrlichkeit meiden ihn die Leute und nennen ihn gar einen „Menschenfeind“. Nur sein Freund Philinte (Sebastian Klein) versucht den Wahrheitsfanatiker etwas vom Kurs abzubringen und ihn somit gesellschaftsfähig zu machen. Es kommt zum Eklat als Oronte (Rainer Galke), ein Versedichter, ihm sein Sonett vorträgt und schärfste Kritik erhält. Alceste besucht daraufhin seine Verehrte, Célimène (Evi Kehrstephan), und beschwert sich auch hier über die Heuchelei, die sie lebt. Denn Alceste ist nicht der einzige männliche Besucher, den Célimène regelmäßig empfängt. Die Situation nimmt für Célimène eine bittere Wendung, als ein Brief auftaucht, in der sie spottende Worte über ihre Verehrer verliert. Alceste fühlt sich anfangs in seiner Meinung bestätigt, dass jeder Mensch schlecht sei, wendet sich ihr aber wieder zu und bietet ihr ein neues Leben am ruhigen Land an. Die Komödie endet in der Ablehnung des Angebotes und dem alleinigen Zurückbleiben Alcestes.

Was mir an der Inszenierung von Felix Hafner bereits von Anfang an gefallen hat, war, wie die literarische Vorlage durch das Bühnenbild „verbildlicht“ wurde. Es gab eine Treppe, über die neue Akte eingeleitet wurden. Auch das Personenverzeichnis, das sich am Beginn einer Komödie Molières finden lässt, wurde damit dargestellt. Als Hafner dieses Geschehen auch musikalisch mit Interpreten wie Bilderbuch untermalte, war diese Szenerie für mich sehr ansprechend (und den Ohrwurm wurde ich den ganzen Abend nicht mehr los). Die Komödie hat trotz ihres Alters nichts von ihrer Facettenreichheit eingebüßt. Im Gegenteil, es kam sogar eine aktuelle dazu: die modernen Medien. Hafner erschafft durch das Bühnenbild, das an eine Schlager-TV-Showbühne erinnert, den Eindruck, genau diesen Gedankensprung beim Publikum initiieren zu wollen. Heucheleien und das Kreieren eines „neuen Selbst“ findet man im Reality-TV oder in den verschiedenen sozialen Medien (wie Facebook, Instagram und anderen). Während der Aufführung musste ich mir oft vorstellen, wie Alceste wohl zu Célimène stehen würde, wenn sie eine aktive Tinder-Nutzerin wäre.

Ich fand auch, dass man bei dieser Inszenierung einen guten Vergleich zum Film ziehen konnte. Das Stück hat beim Sehen gewisse Ähnlichkeiten zu Blockbustern gezeigt. Es war unterhaltend und griff auf bewährte Stilmittel zurück (wie z.B. der Szene, in der sich zwei Schauspielerinnen Torte ins Gesicht schmieren). Es gefällt und füllt den Saal. Allerdings war es mir, als Liebhaberin der avantgardistischen Künste, zu verhalten oder zu stimmig gestaltet. Meine Begleitung hingegen fand es genau deswegen sehr unterhaltend und wollte am nächsten Tag gleich Molière lesen.

 

Carla Gabriel ist 21, beendet in diesem Semester ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften und wirddanach eine Ausbildung für Sprechtheater-Dramaturgie anfangen.