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Die Leiterin des Jungen Volkstheaters, Constance Cauers und ihr Kollege Malte Andritter sprechen mit Marianne Pemberger von der Universität Wien über Theaterarbeit mit jungen Flüchtlingen und die Wichtigkeit von Begegnungsstätten.

Marianne Pemberger:  Das Junge Volkstheater arbeitet ja auch viel mit jungen Flüchtlingen zusammen. Wie sieht diese Arbeit aus?

Constance Cauers: Es war nicht so, dass wir gesagt haben, wir möchten uns jungen Flüchtlingen widmen, sondern das hat sich im Laufe des Sommers 2015 einfach so ergeben. Ich muss dazu sagen, dass das ein Kern dieser Arbeit ist, so wie ich sie begreife. Theaterpädagogische Arbeit sollte kein festes Angebot sein, wo man sagen könnte: Und das schmeiß’ ich jetzt in die Welt. Man muss sich vielmehr die Welt angucken, um dann zu sagen: Darauf müssen wir reagieren, da müssen wir etwas machen. Wir haben eine Produktion geplant, die hieß Ausblick nach oben. Wir wollten uns mit jungen Menschen, mit ihrem Arbeitsbegriff und ihren Vorstellungen von Zukunft beschäftigen. Auf unsere Ausschreibung, die ich über sehr viele unterschiedliche Verteiler ausgeschickt habe, hat sich eine Dame von der Asylkoordination Österreich gemeldet und gefragt, ob ich auch mit solchen Leuten arbeiten würde. Und ich habe gesagt: Natürlich!

Wie ging es dann weiter?

Cauers: Neben vielen anderen Institutionen hat sich auch das Georg-Danzer-Haus gemeldet, mit dem wir immer noch verschiedene Kooperationen haben. Da gab es zwei Jungs, der eine aus Syrien, der andere aus Afghanistan, die mir vorgeschlagen wurden – und die überhaupt kein Deutsch gesprochen haben. Der eine hat Englisch gesprochen, sehr gutes Englisch. Und der andere hat einfach gar nichts verstanden.

Kamen noch andere Kinder oder Jugendliche dazu, die kein Deutsch sprachen?

Cauers: Es kamen noch zwei andere über die Organisation Interface. Wir hatten also vier Leute in der Gruppe, die kein Deutsch sprachen. Darauf mussten wir reagieren. So, wie wir das Projekt geplant hatten, konnten wir es nicht mehr machen – wir mussten es mehrsprachig anlegen. Das war der Beginn unserer Arbeit hier mit jungen Flüchtlingen. Ich glaube, das war auch so der Auslöser, wo wir bemerkt haben, dass das eine unglaublich wichtige Arbeit ist. Und dass das auch für junge Flüchtlinge unheimlich viel bedeutet: sich auszudrücken und mit anderen Jugendlichen zusammen Theater zu machen.

Sind auch noch andere Formate aus dieser Erkenntnis entstanden?

Cauers: Wir haben daraus ein weiteres Format entwickelt: den Theatersalon. Mittlerweile nennen wir ihn Theaterglobus, weil wir dort ganz explizit mit Mehrsprachigkeit arbeiten wollen. Die Botschaft ist: Du brauchst unsere Sprache erst mal nicht. Komm mit dem, was du hast. Come as you are, sozusagen. Und dann finden wir Mittel und Wege, wie wir uns hier gemeinsam verständigen.

Wie viele Flüchtlinge beziehungsweise Teilnehmer/innen mit migrantischem Hintergrund sind derzeit am Jungen Volkstheater?

Cauers: Teilnehmer/innen mit migrantischem Hintergrund haben wir in unseren Spielclubs bestimmt vierzig. Daneben sind es wohl drei, vier Flüchtlinge, die regelmäßig an Veranstaltungen bei uns teilnehmen.

Manche haben sicher auch eine gewisse Scheu und eine Distanz zu einer Theaterinstitution.

Malte Andritter: Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt, an dem man ansetzen muss.

Cauers: Das funktioniert bei ihnen ganz stark über Freunde. Die zwei, die in der Anfangsproduktion Ausblick nach oben mitgespielt haben, haben immer Freunde zu den Proben mitgebracht – was uns etwas irritiert hat, die konnten ja die ganze Zeit nur rumsitzen. Aber diese Freunde sind dann auch in anderen Formaten aufgetaucht, in Spielclubs. Die kommen jetzt und bringen ihrerseits wieder Freunde mit. Es funktioniert nicht in diesem Denkkontext, wie das bei besser situierten Jugendlichen ist, wo es dann heißt: „Ich spiele jetzt am Volkstheater!“ – die sehen das gar nicht als Ort der Hochkultur, sondern vielmehr als Begegnungsort. Beim Theatersalon, zum Beispiel: Am Anfang hatten wir eine sehr große Gruppe, die immer mit einem Betreuer gekommen ist, so zwanzig afghanische und syrische Jungs. Der Betreuer hat uns irgendwann erzählt: Das ist für die ein Riesending! Die machen sich total schick vorher, weil sie wissen, da kommen Wiener Mädels. Wir haben zwar Theater gemacht – es war aber eher so wie in der Disco.

Die Gesellschaft ist ja, gerade was den Umgang mit Flüchtlingen betrifft, zunehmend gespalten. Welche Möglichkeiten sehen Sie, da eine Annäherung, ein Verständnis möglich zu machen?

Andritter: Man braucht eine Begegnungsstätte. Flüchtlinge sind Menschen, die Bedürfnisse haben, die Wünsche haben, die Träume haben. Und wenn man denen begegnet, dann begegnet man nicht einem Flüchtling, sondern einem Menschen.

Cauers:  Es gibt konkrete Beispiele, wo ich sehe, welche Wirkung unsere Arbeit haben kann. Es gab ein Mädchen, das sagte: „Also, ich weiß auch nicht, ob das alles richtig ist mit den ganzen Flüchtlingen, aber ich will mir ja hier keine Feinde machen.“ Ich bin dann ziemlich deutlich geworden und habe gesagt: „Entschuldige bitte, zwei davon sind hier in unserer Gruppe. Wie kannst du so etwas sagen?“ Ich glaube, es war ihr gar nicht bewusst. Sie hat sich letzten Endes so gut mit denen angefreundet, dass sie dann irgendwann immer alleine in diese WG für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gefahren ist und quasi nur noch Jungs aus diesen WGs als Freunde hatte. Ihre Eltern tolerieren das, aber die finden das nicht unbedingt super. Das Mädchen aber geht jetzt ihren eigenen Weg.

Marianne Pemberger ist ausgebildete Germanistin und Anglistin. Das Interview ist Teil eines Forschungsprojektes zum Thema „Young Refugees in Vienna – Art and Culture / Housing“ im Rahmen ihres Studiums der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien.

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