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Aktuell ist Nadine Quittner als Julia in "Romeo und Julia" und als Sascha in "Iwanow" zu sehen. Hier spricht die junge Schauspielerin über klassische Frauenrollen, Handlungsunfähigkeit und den Hang zu kaputten Männern.

Noch vor ihrem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig hat Nadine Quittner Geschichte und Germanistik studiert. Und spricht man mit der 1989 in Hamburg geborenen Schauspielerin über Frauenrollen, dann meint man in ihrer Begeisterung für Texte und die historischen Umstände ihrer Entstehung noch einiges davon durchklingen zu hören.

Nachdem Nadine Quittner von 2013 bis 2015 am Schauspielstudio des Staatsschauspiels Leipzig spielte, kam sie in der Spielzeit 2015/16 ans Volkstheater. Und während sie in Leipzig bereits als Phöbe in Wie es euch gefällt und als Lisaweta in den Dämonen nach Dostojewski zu sehen war, spielte sie hier nicht nur die Tochter Gesellschaft in Der Marienthaler Dachs. Aktuell ist sie auch als eine der drei Julias in Romeo und Julia und in Victor Bodos Inszenierung von Iwanow als Sascha zu sehen.

Man hinterfrage beim Spielen dieser Frauenrollen natürlich auch immer das eigene Verhalten, erzählt sie. „Ich habe aber jetzt eine neue Technik: Ich möchte nichts Privates reinstecken in die Rolle, ich habe das Gefühl, das doppelt sich nur. Man sollte beim Zusehen nicht den Eindruck haben, dass das jetzt dieselbe ist, nur in anderen Umständen.“ Grundsätzlich, sagt sie, gäbe es bei den Frauenrollen eben ein Problem: „Wir haben relativ wenig moderne und so viel klassische Literatur, in der die Frauen einfach nicht zum Handeln kommen. Das ist es, was mich so kirre macht. Wenn ich mir Madame Bovary anschaue, dann frage ich mich: Warum bringt sich die nicht sofort um? Wenn man ihr zusieht, wie sie den ganzen Tag stickt und liest, möchte man ihr am liebsten zu rufen: ‚Mach doch was!‘ Aber was soll sie machen?!“

Und wie sieht Nadine Quittner jene Frauenrollen, die sie bereits selbst gespielt hat?

Phöbe – Wie es euch gefällt

„Die Konstellation dieser Paare in Wie es euch gefällt legt natürlich eine gewisse Schablonenhaftigkeit nahe. Aber es bleibt nicht dabei. Dafür ist der Text zu großartig. Phöbe ist viel mehr als nur eine Schablone, schon alleine, weil das Shakespeare ist. Ich glaube, es muss bei ihr prinzipiell ein wahnsinnig großes Bedürfnis nach Liebe da sein, um sich so aggressiv zu verhalten. Die Gefahr besteht bei diesem Text für mich nur darin, dass man ihn nicht richtig liest. Ich verstehe bei diesen Shakespeare-Komödien oft nicht, wie man sie so platt und lustig anlegen kann. Ich glaube, die richtige Komödie entsteht nur aus der Tragödie heraus – so wie bei Iwanow. Als Komödie geschrieben, bei der Uraufführung ein totaler Misserfolg – als Tragödie wieder aufgeführt, wahnsinniger Erfolg.“

Lisaweta – Die Dämonen

„Dostojewski ist definitiv mein Autor, ich finde den unglaublich gut. Es gibt viele Parallelen zur Sascha aus Iwanow, vor allem in diesem unerfüllten Lieben. Lisaweta ist noch etwas radikaler, weil sie Nikolaj hinterherreist, ihn abgöttisch liebt und alles Mögliche tut, um ihm zu imponieren und in seiner Nähe zu sein. Sie ist definitiv angezogen von diesem melancholischen Typen, diesem Unglücksraben, ähnlich wie Iwanow einer ist. Es ist ja ein bekannter Frauen-Instinkt, dass man sich dieser Männer annimmt. Ich weiß nicht, was das ist – aber die Bösen sind immer die Tollen. Lisaweta hat ein anderes Umfeld, sie hat eine Mutter, hatte einen Verlobten. Sie hat also sehr viel mehr Skills als zum Beispiel Sascha. Lisaweta ist viel raffinierter, aber auch irgendwo erbärmlich: Sie hat ihren Verlobten verlassen, musste viel erdulden – und wird am Ende umgebracht.“

Julia – Romeo und Julia

„Sie ist auf jeden Fall sehr konsequent mit ihrer Liebe. Extrem mutig, gerade zum Schluss. Ich stehe dem aber skeptisch gegenüber, diesem Rausch. Da sitzt irgendwas schon vorher quer bei ihr. Sie muss aus einer großen Einsamkeit kommen, um sich so auf einen Menschen zu stürzen. Nicht, dass sie von Anfang an sterben möchte. Aber dass sie so einsam ist, eigentlich nur die Amme hat und dann die erste Gelegenheit ergreift, um Bedeutung für ihr Leben zu erlangen, das scheint mir schlüssiger als zu sagen: Ihr geht es wunderbar, sie ist ein junges Mädchen, das sich in diesen Romeo verliebt und dann für ihn stirbt.“

Kaspar Locher, Nadine Quittner &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Kaspar Locher, Nadine Quittner © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sascha – Iwanow

„Auch wieder ein einsames Mädchen. Sie ist eine moderne, fortschrittliche junge Frau, die ihren zwanzigsten Geburtstag feiert. Sie wurde erzogen nach dem Glauben, den es bei Tschechow oft gibt: Früher war alles ganz großartig, jetzt kommt der Verfall. Sie ist noch mit diesem Gedankengut aufgewachsen, hat einen gebildeten Vater, verliebt sich in einen sehr ähnlichen Typen. Sie redet generell sehr viel. Was dahinter ist, ist eine andere Frage. Sie macht nichts, aber sie beschreibt es. Es ist sehr lustig, wenn sie sagt: Ihr müsst tätig sein, ihr müsst handeln! Und es kommt nicht ein einziger Verweis darauf, dass sie selbst handeln würde. Dabei sind wir bei Tschechow, es könnte ja auch ein Stichwort wie „Universität“ oder „Moskau“ fallen. Sie widerspricht sich permanent, das ist ihr aber nicht bewusst. Und was ihre Beziehung zu Iwanow betrifft: Woher kommt dieses Wendy-Syndrom? Sie geht hin zu ihm und sagt sinngemäß: „Ich bin glücklich, wenn ich dir die Schuhe lecken darf.“ Aber bei so einem Vater, der anscheinend ein schwerer Trinker ist, und so einer biederen Mutter – da stellt sich natürlich die Frage: Wie wurde sie erzogen, welche Erfahrungen hat sie gemacht, wie hat sie gelernt, Liebe zu bekommen? Sie ist so ein bisschen im Hamsterrad, immer am Machen, am Machen, am Machen. Aber Tschechow wird das auch bewusst gesetzt haben. Ich glaube, dass er sich auch ein wenig lustig macht über diesen revolutionären Gedanken der Frau. Sascha ist die einzige, die wirklich etwas machen könnte. Aber dafür, dass sie ihren 20. Geburtstag feiert, ist das ganz schön dünn, was da tatsächlich von ihr kommt. Sie besteht auf der Heirat mit Iwanow, als wäre das ein Geschäft, ein Vertrag, der einzuhalten ist. Weil sie sonst nichts hat. Sie sieht definitiv den Verfall vom Vater. Aber die Frage ist: Warum macht sie nichts? Vielleicht ist genau das das Interessante: Weil der Mensch nun mal so ist.“

Jan Thümer, Nadine Quittner &copy www.lupispuma.com/ Volkstheater

Jan Thümer, Nadine Quittner © www.lupispuma.com/ Volkstheater