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"Der Trafikant", basierend auf dem Roman von Robert Seethaler, hat am 2. Dezember 2016 in der Regie von Sebastian Schug Premiere im Volkstheater/Bezirke. Dramaturgin Mona Schwitzer sprach mit den Schauspielern Stefan Suske und Nils Rovira-Muñoz über ihre Figuren, die Probenarbeit und diese in Wien angesiedelte Geschichte, die sich an Alt und Jung gleichermaßen adressiert.

Mona Schwitzer: Der Trafikant spielt in Wien 1937/38, also vor knapp achtzig Jahren. Wie habt ihr euch euren Figuren, dem Trafikant Otto Trsnjek und dem Trafikantenlehrling Franz Huchel, angenähert? Waren sie euch von Anfang an nah oder musstet ihr eine Staubschicht abklopfen?

Nils Rovira-Muñoz: Die Probleme eines jungen Mannes sind für mich zeitunabhängig. Wenn jemand zum Beispiel vom Land in die Stadt zieht, muss er auch heute mit ähnlichen Problemen umgehen, nämlich damit, dass das Leben in der Stadt etwas ganz Anderes ist. Ich bin zwar ein Stadtkind und habe eigentlich nur in großen Städten gewohnt, aber das kann man sich gut vorstellen, wie man plötzlich mit viel mehr Eindrücken umgehen muss. Man muss sich in der neuen Stadt zurechtfinden und abwarten und gucken, was so passiert und schnell Verbindungen zu Menschen aufbauen, mit denen man sich gerne umgibt. Ich habe auch schon einige Umzüge gemacht, deshalb ist mir das bekannt. Franz wird ins kalte Wasser geschmissen, weil es nicht seine eigene Entscheidung ist, sondern die der Mutter. Ich denke, dass ihn dennoch eine gewisse Neugier treibt. Er spricht Sigmund Freud an und will wissen, wie das ist mit dem Verliebtsein und mit den Trieben, was man da so hört. Ich glaube, es gibt in ihm eine ganz große Neugier auf das Leben, was er in Nussdorf gar nicht befriedigen hätte können – auch wenn er da glücklich gewesen wäre. Es ist zugleich beides: Es gibt viele Eindrücke, die auf ihn einprasseln und eine positive Überforderung, aber auch die Lust am neuen Leben.Themen wie das Erwachsenwerden und die erste Liebe spielen für Franz eine große Rolle. Aber auch das Weltgeschehen und Politik – er muss sich positionieren in Bezug zu politischen Veränderungen, die sich in der Welt abspielen. Diese Kämpfe kenne ich und führe sie auch nach wie vor mit mir selber. Da gibt es also relativ viele Überschneidungsflächen.

Stefan Suske: Mir ist diese Figur des Trafikanten bekannt. Es gibt viele Möglichkeiten, einen großen Charakter zu bauen. Aber so viel Raum hat er nicht in dieser Geschichte, auch im Roman nicht. Es wird von ihm später gesagt, dass er zwar nicht unbedingt ein freundlicher Mann war, eher verhärmt, aber er war ein guter Mensch. Und dieses Verhärmte, bei Leuten wie ihm, die den Ersten Weltkrieg mitgemacht haben, das interessiert mich für die Figur des Trsnjek. Der Erste Weltkrieg war ein entsetzliches Gemetzel, da wurden junge Bauernbuben rücksichtlos in den Tod geschickt, es gab Berge von Leichen in den Schützengräben. Wie verändert und mit welcher Enttäuschung, welcher Wut und welchem Zorn auf die Mächtigen jemand wie Otto Trsnjek zurückgekommen sein muss. Das muss man sich bei so einem Menschen dazu denken. Und dann steht ihm jemand gegenüber wie Franz Huchel, ein Junge, der nicht verbittert ist. Er bringt ihm über das Zeitungslesen etwas bei und führt ihn ein in das Leben und die Politik. Er lässt ihm eine Erziehung angedeihen, die er so nicht hatte. Obwohl er es ursprünglich gar nicht so lustig findet, dass der Junge da ankommt, aber er hat es der Mutter versprochen und kümmert sich dann auch um ihn. Ich finde, das ist eine Geschichte, die man in diesen ganz kurzen Szenen antippen kann.

Stefan Suske &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Franz geht viel unbedarfter in das Leben und an die Dinge heran. Er hat bisher weniger Erfahrungen gemacht und weniger Enttäuschungen einstecken müssen, zumindest zu dem Zeitpunkt, als wir ihn treffen. Trsnjek hat viel schlimmere Lebenserfahrungen hinter sich und hat dadurch, wie Stefan bereits gesagt hat, auch etwas Verhärmteres und in gewisser Weise Überlegenes dem Jungen gegenüber, was er aber nicht negativ ausspielt. Das finde ich sehr schön, dass man das auch in eurer Beziehung beobachten kann. Es wird außerdem eine Liebesgeschichte zwischen Otto Trsnjek und der Mutter von Franz angedeutet.

Suske: Ja, da war etwas, die hatten sicher etwas miteinander am Attersee.

Rovira-Muñoz: Aber er ist nicht der Vater von Franz. Die Mutter sagt ja auch sofort: „Lange bevor du mir in den Schoß gefallen bist …“

Suske: Das war eine Zeit, als auch der Trsnjek unbefangen war und noch das Leben vor sich hatte. Als alles noch ganz anders aussah, die Welt noch anders aussah.

Rovira-Muñoz: Wobei es für Franz eine Rolle spielt, dass er vielleicht ein Ex-Lover von seiner Mutter ist. Im ersten Moment ist das schon komisch, wenn er mit diesem Mann eng beieinander zu leben beginnt.

Franz ist nur mit seiner Mutter aufgewachsen. Sucht er Rückhalt bei Vaterfiguren, zum Beispiel in der Lehrbeziehung zwischen ihm und Trsnjek oder in der Freundschaft mit Freud?

Rovira-Muñoz: Ja, der Trsnjek ist eine Respektperson für ihn und auch ein Vorbild.

Suske: Zum Freud entwickelt er ja dann eine richtige Freundschaft. Ihr redet ja wirklich miteinander und wir nicht. Ja, das sind so zwei verschiedene Seiten. Der Trsnjek ist eher für das Pragmatische zuständig. Wie man eine Trafik organisiert, wie man sich Wissen erwirbt …

Rovira-Muñoz: Schon das klassisch Väterliche …

Suske: … was man von Politik zu halten hat, und wie man auf eigenen Füßen steht, wenn man zwei hat.

Klaus Huhle, Nils Rovira-Muñoz &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Klaus Huhle, Nils Rovira-Muñoz © www.lupispuma.com / Volkstheater

Franz erlebt sein erstes Liebesabenteuer und muss kurz darauf erwachsen werden und Verantwortung übernehmen. Das Stück ist fast wie ein Coming-of-Age-Drama dieses jungen Mannes.

Rovira-Muñoz: Ja, das Gefühlschaos, wenn man sich so richtig verliebt, das kennen wir alle. Er muss aber auch plötzlich und unvermittelt auf eigenen Beinen stehen, wenn der Trsnjek abgeholt wird, und Verantwortung übernehmen. Spannend ist dabei, dass er nicht zur Mutter zurückkehrt, die ja theoretisch da wäre. Aber er entscheidet sich dafür, alleine zu bleiben, obwohl selbst der Freud irgendwann geht. Ich weiß nicht, was da genau die Motivation ist.

Suske: Auch beim Lesen des Romans bleibt es in der Schwebe, was da genau dahinter steckt. Es ist natürlich Stolz, dass er es alleine schafft. Außerdem hält Franz die Stellung und erstaunlicherweise geht das Geschäft ja weiter, es geht nicht gut, aber es geht. Ich empfinde die Geschäftsidee mit diesen Zetteln, Traumzettel, um Passanten anzulocken und zugleich etwas für sich zu tun, fast einen künstlerischen Akt. Das finde ich spannend, dass er durch Freud kreativ wird und eine andere Seite an sich entdeckt. Es schwingt Stolz mit, dass er das kann. Er kann es auch, weil der Trsnjek ihm gezeigt hat, wie man mit den Kunden umgeht und wie man Geld verdient mit einer Trafik. Selbst in schlechten Zeiten scheint es immer noch so zu funktionieren, dass er die Miete zahlen kann. Es ist nicht die Rede von einer prekären Geschäftssituation, komischerweise … Man denkt immer, wie soll es funktionieren, wenn alle ausbleiben? Anscheinend geht`s.

Wie ist es euch mit dem Roman im Vergleich zur Fassung gegangen? Du, Stefan, hast den Roman schon vor über einem Jahr in der Roten Bar gelesen. Was war euer erster Eindruck davon und wo steht ihr jetzt in Bezug auf diese Geschichte, die hier erzählt wird?

Suske: Ich habe den Roman bewusst nicht noch einmal gelesen, da ich mich die ganze Zeit auf die Fassung konzentriert habe. Ich finde die Fassung in sich sehr schlüssig, und ich finde es – das hat Robert Seethaler ja extra genehmigt – wirklich schön, dass wir einige Prosastellen aus dem Roman hineingenommen haben. Da ich seine Prosasprache außerordentlich gelungen finde, kommt es zu den Dialogen noch als Mehrwert dazu.

Rovira-Muñoz: Mir hat die Geschichte beim ersten Lesen des Romans sehr gut gefallen. Durch die nähere Beschäftigung mit der Fassung und dadurch, dass man es dann spielt und so näher kennenlernt, habe ich noch mehr entdeckt, was da alles mit drinnen steckt. Wie aufgeheizt und angespannt diese Stimmung gewesen sein musste. Diese paar Tage im März 1938 müssen fast wie ein Krimi gewesen sein. Das war mir damals beim Lesen nicht so bewusst. Da dachte ich, ok, Coming-of-Age-Geschichte: Ein junger Mann kommt in die Stadt und verliebt sich. Das war mir da auch manchmal zu seicht. Da hat mir der geschichtliche Hintergrund gefehlt, in welcher Zeit das wirklich spielt. Das gefällt mir jetzt aber, dass wir das auch in der Fassung durch verschiedene Szenen thematisieren.

Es ist das Ende des Austrofaschismus von Schuschnigg und der Anfang des Nazi-Regimes in Österreich. Beide kämpfen mit den politischen Veränderungen der Zeit. Franz formuliert, dass er die ganze Aufregung nicht nachvollziehen kann. Trotzdem haben beide den Mut zu handeln und müssen dafür auch die Konsequenzen tragen.

Suske: Ich finde die Tatsache, dass Seethaler hier zwei stillen Helden des Alltags Raum gibt, die ein subtiles Zeichen des Widerstands setzen, das Schöne an der Geschichte. Es sind keine großen Helden, es sind auch keine großen Gesten. Trsnjek verkauft einfach nur weiter an Juden. Das wird ihm zum Verhängnis, weil ihn der Nachbar verpfeift. Das sind keine großen Taten, sie schmeißen keine Bomben, gründen keine Widerstandszelle. Aber sie zeigen Haltung zu einem bestimmten Moment, an dem beide ganz genau wissen, was es bedeutet. Das ist ja nicht naiv, sondern das ist ein bewusster Akt des Widerstandes. Das finde ich die gelungenste Aussage des Romans, dass es immer wieder Zeiten gibt, wo man Haltung zeigen muss.

Lukas Watzl, Stefan Suske &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Lukas Watzl, Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wie kann man sich heute zu politischen Veränderungen, mit denen man nicht einverstanden ist, äußern und positionieren? Die zwei Figuren machen es auf ihre ganz eigene Art und in kleinen Zeichen. Fällt es euch leicht, politische Haltung zu zeigen?

Suske: Wenn man in der Straßenbahn sitzt und es wird neben dir ein Ausländer beschimpft, dann ist die Frage: Riskiere ich, dass ich eine auf die Schnauze krieg` oder lasse ich das einfach zu? Nimmt man Diskriminierungen im Alltag widerspruchslos hin oder handelt man? So wie es jetzt aussieht, wird sich diese Frage wieder öfter stellen.

Rovira-Muñoz: Ich glaube, unser Bewusstsein dafür ist geschärft. Es ist schwer, für sich selber zu bestimmen: Ab wann wird eine Grenze überschritten, wann werde ich aktiv, wann lasse ich Sachen geschehen?

Suske: Und wie mache ich es? Manchmal kann man etwas ja auch mit Humor machen, oder einfach nur zeigen, ich habe es gehört und ich habe eine Meinung dazu.

Rovira-Muñoz: Das stimmt, es ist wichtig, seine eigene Form des Handelns zu finden.

Im Laufe der Proben waren wir im Freudmuseum, im Pratermuseum und beim Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Haben diese Besuche und Expert/innenführungen den Stoff noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet?

Rovira-Muñoz: Für mich hat es vor allem dazu gedient, den Stoff in ein großes Ganzes zu setzen, also eben den Hintergrund zu erkennen, wo das zeitlich und örtlich spielt. Das bietet sich bei dem Roman insofern super an, als er in Wien spielt und wir zu den Örtlichkeiten und Schauplätzen gehen konnten. Das sind ja auch keine Originalschauplätze mehr: Der Prater ist nicht mehr das, was er damals war – das kann man sich auch alles nur vorstellen. Aber dass die Fantasie angereichert wird, was das damals war. Dafür bringt es, glaube ich, schon etwas und wie gesagt, den Kontext zu sehen, was Drumherum passiert ist.

Suske: Ich habe Dinge und Details erfahren, die ich spannend fand und die selbst mir neu waren. Das hilft jetzt nicht unbedingt für eine Figur oder für das Stück als solches, aber ich finde es sowieso immer spannend, wenn man sich mit der Zeit beschäftigt. Das gibt einfach ein anderes Bewusstsein. Es ist auf jeden Fall sinnvoll verbrachte Lebenszeit. Vor allem die Probenarbeit wird angereichert durch eine Erfahrung, die vielleicht nicht unbedingt ins Stück hineinfließt, aber die einen doch bereichert aus seiner Arbeit hinausgehen lässt.

Elzemarieke de Vos, Nils Rovira-Muñoz &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Elzemarieke de Vos, Nils Rovira-Muñoz © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wie verliefen die Proben für euch? Was ist für euch das Interessante an Sebastian Schugs Regiezugang?

Suske: Es war eine sehr kooperative, sehr teamorientierte Arbeit. Jeder trägt etwas bei. Sebastian ist ein sehr guter Zuhörer und steuert es eher unauffällig, würde ich jetzt mal sagen, aber er steuert es. Ich finde das Team insgesamt sehr gut, alle Beteiligten behandeln sich mit Respekt und es macht Spaß! Das ist, glaube ich, gerade bei so einer Vorstellung für die Bezirke wichtig. Weil man muss dann ja jeden Tag irgendwo spielen.

Rovira-Muñoz: Ich finde, es ist ein schöner Zugang, weil Sebastian Schug relativ viel Raum lässt zum Ausprobieren, zum Selber-Entdecken. Das kann man, glaube ich, nicht immer machen, es kommt immer auf das Stück an. Aber für diese Anlage, für das Konzept, dass wir alles offen legen und da reinspringen und vor allem gemeinsam diese Geschichte erzählen, ist das, glaube ich, ein sehr guter Ansatz. Das gefällt mir sehr gut, dass man auslotet, wohin die einzelnen Szenen gehen können, zu welchen Extremen, dass man dann im Durchlauf versucht das zu erreichen und die Amplituden möglichst groß zu machen. Ich freue mich sehr darauf, das in den Bezirken zu spielen.