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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Sarah Pritchard-Smith hat "Lost and Found" gesehen und fand darin nicht nur viel zum Nachdenken, sondern auch zu Lachen.

Maryam und Elias haben ihre Mutter verloren, als Elias acht war und Maryam sechzehn. Jetzt, viele Jahre später, verlieren sie ihren Vater. Camille hat den Willen, sich jemals wieder zu verlieben verloren, nachdem sie sich von Elias getrennt hat. Schnute, Maryams schwuler Freund,  hat die Hoffnung, ein Rockstar zu werden, verloren. Jochen, Maryams Ex-Mann,  hat die Geduld verloren.

Jetzt wollen Maryam und Elias das Begräbnis ihres Vaters planen – das Problem ist nur, dass so ein Begräbnis teuer ist. Der irakische Onkel Osama würde es bezahlen, jedoch unter einer Bedingung: Es muss eine muslimische Beerdigung sein. Inzwischen wollen Maryam und Schnute zusammen künstlich ein Kind zeugen – während sich Maryam mit Jochen streitet und plötzlich Camille, Elias‘ Ex-Freundin, die von Elias‘ Verhalten genervt ist, bei ihnen auftaucht …

Mitten in dieses emotionale Chaos platzt die Nachricht: Yousef, Maryams und Elias‘ Cousin, ist da. In Wien. Er ist aus dem Irak geflohen. Er hat ganz andere Dinge verloren.

Wo es vorher noch um Beziehung, Verlust, Religion und Moral ging, ist plötzlich die Konfrontation mit Vorurteilen, Angst und Verwirrung einer ganz anderen Art. Alle wollen den Flüchtlingen helfen – doch einen bei sich aufnehmen? Verantwortung für ihn übernehmen?

Alle wollen tolerant sein. Aber ein muslimisches Begräbnis? Einen Flüchtling bei sich wohnen lassen? Künstliche Befruchtung? Geht das nicht alles ein bisschen zu weit?

Ein zweites Mal bin ich von Yael Ronens meisterhafter Art begeistert, Charaktere so echt zu gestalten, dass ich nicht überrascht wäre, wenn sich herausstellen würde, dass die Personen in Lost and Found in Wirklichkeit alle echte Menschen aus dem Bekanntenkreis der Regisseurin sind. Wie in ihrer anderen aktuellen Produktion am Volkstheater Hakoah Wien ist die Handlung zeitgemäß, witzig und warmherzig erzählt. Wie bei Hakoah Wien entwickelte sie mit den Schauspieler/innen gemeinsam die Handlung. Die Geschichte von Yousef, der plötzlich nach Wien kommt, ist übrigens eine wahre: Eine der Regisseurin bekannte Schauspielerin erlebte etwas sehr Ähnliches!

Wenn man die Handlung des Stücks zusammengefasst bekommt, würde man nicht glauben, dass diese Geschichte mit einem gestorbenen Vater, einem traumatisierten Flüchtling und Beziehungskrisen lustig sein kann. Ist sie aber. Lost and Found ist voller kleiner Witze – und zwar ohne übertrieben, beleidigend oder klischeehaft zu sein und ohne sich über diese Themen lustig zu machen

Das Stück erzählt von überforderten, ihren Emotionen hilflos ausgelieferten Menschen, die während des Stücks oft starke Stimmungsschwankungen erleben und die alle das Beste tun wollen – wenn sie sich nur einigen könnten, was das Beste ist. Sie alle haben Dinge, sogar Menschen verloren – aber werden sie im Laufe des Stücks auch etwas für sich finden?

Das einzige, was ich am Stück auszusetzen habe, ist das plötzliche und offene Ende. Ich war sehr überrascht, als es auf einmal schon aus war. Immerhin wurde es noch gut dadurch abgerundet, dass die Darsteller/innen erzählen, was sie alles gefunden haben (auch wenn man nicht genau verstehen kann, was sie sagen, da sie alle gleichzeitig sprechen).

Die Schauspieler/innen sind grandios – dass die Personen so echt wirken liegt sicher auch an Birgit Stöger (Maryam), Sebastian Klein (Elias), Anja Herden (Camille), Knut Berger (Schnute), Jan Thümer (Jochen) und Osama Zatar als Yousef (der übrigens Laiendarsteller ist, aber trotzdem so großartig echt wie die anderen!). Auch das Bühnenbild, mit riesigen Türmen aus Umzugskartons und Nahaufnahmen der Gesichter der Darsteller, die auf diese Türme projiziert  werden, fand ich sehr spannend.

Lost and Found ist ein Stück, das man am besten zu mehrt anschaut, denn alleine zu lachen macht keinen Spaß. Und außerdem werden Sie jemanden brauchen, der Ihre Begeisterung mit Ihnen teilt. Ich persönlich war mit Familienmitgliedern im Alter von zehn bis 73 da, und alle hatten etwas zum Lachen und zum Nachdenken.

Sarah Pritchard-Smith (14) ist eine der 15 Kinder und Jugendlichen, die in Ausblick nach oben auf der Bühne des Volx/Margareten stehen und schreibt hier in unregelmäßigen Abständen über Stücke am Volkstheater.

Das Format Sichtweisen wird ab sofort in unregelmäßigen Abständen erscheinen. Wenn Du auch mitmachen willst, wende dich an das Junge Volkstheater unter junges@volkstheater.at.