Menü
 

An sich war der Schriftsteller Gerhard Fritsch ein rastloser Arbeiter. Zeit für Mußestunden mit seinem Freund Thomas Bernhard fand er dennoch: Sohn Georg Fritsch, heute Betreiber einer Buchhandlung und eines Antiquariates, berichtet von Stunden des "Osterfriedens" im Marchfeld.

Da liegen zwei Dichter auf der Wiese, Ostersonntag 1966 auf dem Gelände von Schloss Niederweiden bei Engelhartstetten im Marchfeld, einer Ebene bei Wien, die dem kleinen Österreich seit dem Ende der Monarchie als Ersatz für die galizische Unendlichkeit dient und in deren verfallenden Schlössern der Verlust von Herren und Formen mit einer Träne im Knopfloch besungen werden kann.

Der skeptisch in meine Kamera blinzelnde Dichter ist Gerhard Fritsch, liegend auf seinen Ellenbogen gestützt, eben 42 Jahre alt geworden, neben ihm sein Freund Thomas Bernhard, auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen, die Frühjahrssonne wird dem 35jährigen guttun. Seine Prosabände Frost und Amras sind erschienen, die Besprechung seiner Verstörung von Peter Handke im nächsten Jahr, der die Schlussworte (ich schrieb und schrieb) in „ich las und las“ verwandelt hat, sollten ihm weitere Resonanz verschaffen, die sein Verleger Siegfried Unseld schon für den heurigen Herbst erwartete (in dem die Verstörung erst zu Papier gebracht worden ist). Mein Vater quält sich mit seinem Roman Fasching, einer langen Prosa, für die sich Fritz J. Raddatz begeistert, die im folgenden Jahr bei Rowohlt erscheinen wird und von der sich Fritsch einen Durchbruch erhofft und erwartet.

© Renate Uschan / Courtesy Fritsch Antiquariat Wien

Georg Fritsch auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1962 © Renate Uschan / Courtesy Fritsch Antiquariat Wien

So weit kommt es nicht. Im Vorjahr hat Bernhard den verfallenen Gutshof Obernathal bei Gmunden erworben. Seiner mittlerweile 12 Jahre währenden Freundschaft mit Fritsch, der das Genie des jungen Sängers erkannt hat, ist die erste Buchpublikation Auf der Erde und in der Hölle bei Otto Müller in Salzburg zu verdanken, einem Haus, in dem auch der Dritte im Bunde publiziert hat, Wieland Schmied, nach Jahren ziemlich genau zwischen den zwei Dichtern im Gras, ehe er eine Laufbahn in der Bundesrepublik Deutschland einschlagen sollte. Er fehlt hier. In dem Salzburger Verlag, der das Werk von Georg Trakl und Christine Lavant betreut hat, war vor 10 Jahren auch der erste Roman von Fritsch erschienen, Moos auf den Steinen, von Bernhard teilnahmsvoll gelesen (die angekündigte Rezension im Münchner Merkur ist nicht erschienen). Im Lektorat Müllers hatte Fritsch seine mittlerweile dritte Frau Barbara, geb. Nestel von Eichhausen kennengelernt, die nun im Marchfeld mit von der Partie war, unsere Kutsche gesteuert hat (Ford Taunus 12m), doch nicht im Bild ist, wie auch Töchterchen Martina.

Es herrscht Osterfriede. Ich (19 Jahre alt) habe meinen Lehrabschluss im Buchhandel absolviert, Doderer lebt noch, in der Anthologie von Peter Hamm, aussichten bei Biederstein sind Gedichte von mir erschienen, eines mit Widmung an Bernhard, wir treffen uns gelegentlich in der Inneren Stadt (Weinhaus Deutsch) mit meinem Vater und fahren dann als alte Döblinger hinaus, mit vollem Magen, singend in seinem Triumph. Im Café Schubert sehen wir spät am Abend sonne halt von Ferry Radax und Konrad Bayer, ein Krüppel auf zwei Krücken, mit vom Knie sehr weit gespreizten Beinen, stolziert zwischen Kolibri Kino und Auge Gottes auf und ab, nicht selten speisen wir in der WÖK, zu den Stammgästen zählen Melanie Schuster-Schiele und Hans Eberhard Goldschmidt, allesamt auf die Nachwelt gekommen als Personal in Die Billigesser. Ein Fest für Boris hieß bei uns noch Ohne Beine. Die beiden Dichter auf dem Bilde hier als Halbfiguren, sind schon lange tot und lebendig.

© Roland Koberg

Georg Fritsch in seinem Antiquariat in der Schönlaterngasse © Roland Koberg