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Volkstheater

© www.lupispuma.com / Volkstheater

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Adresse

Arthur-Schnitzler-Platz 1, 1070 Wien

U2, U3, Station Volkstheater

Straßenbahn 1, 2, 49, 71, D

Bus 48 A

 

Geschichte

Als das Wiener Volkstheater (damals zur Unterscheidung von anderen nationalen Bühnen der Donaumonarchie unter dem Namen Deutsches Volkstheater) 1889 gegründet wird, ist die Wiener Theaterlandschaft noch stark nach Ständen unterteilt: das Burgtheater etwa ist als kaiserliches Privattheater der Hocharistokratie vorbehalten. Es mehren sich dem gegenüber Stimmen, die ein Deutsches Volkstheater als dezidiert bürgerliches, auch volksbildnerisches Gegenstück zum Hoftheater fordern. Gespielt werden sollen neben Volksstücken vor allem klassische und moderne Dramen.  Der Verein „Deutsches Volkstheater in Wien“ wird ins Leben gerufen, dem unter anderen der Dramatiker Ludwig Anzengruber und der Möbelfabrikant Franz Thonet angehören. Auch die Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, die zu dieser Zeit unter den Theaterarchitekten in Österreich-Ungarn eine fast schon monopolartige Stellung innehaben, sind Gründerväter des Vereins. Bevor sie das Wiener Volkstheater im Stil des Historismus errichten, hatten sie unter anderem bereits die Komische Oper in Berlin oder die Staatsoper in Prag erbaut, später folgt etwa – nach dem Vorbild des Wiener Volkstheaters – das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Das Volkstheater am Weghuberpark ist der erste Bau, der nach den Vorgaben des Theatergesetzes von 1882 errichtet wird. Als erstes Theater wird es ausschließlich elektrisch beleuchtet – der Ringtheaterbrand 1881 in Wien und zahlreiche andere verheerende Theaterbrände in Europa hatten in Wien letztlich zu neuen Sicherheitsvorschriften geführt. Nahezu alle Theaterbauten Fellner & Helmers sind, wie das Volkstheater, noch heute in Betrieb.

Alles sehen alles – damals wie heute

Um breite Bevölkerungskreise zu erreichen, setzt der Gründungsverein nicht nur auf ein entsprechendes Programm – auch der Theaterbau soll in seinem großen Zuschauerraum mit nur sehr wenigen Logen vor allem viele Plätze zu erschwinglichen Preisen bieten. Im Laufe der Jahre wurde die Zahl der Sitzplätze immer wieder reduziert, um Sicht, Bequemlichkeit und Akustik zu erhöhen respektive zu verbessern. Dies sind auch die Gründe für den Einbau der Tribüne, der im Sommer 2015 zusammen mit einem Austausch der Bestuhlung am Rang erfolgt ist. Auf den verbleibenden 850 Sitzplätzen werden Sicht und Akustik spürbar besser sein. Nach wie vor ist das Volkstheater Wien damit die zweitgrößte Sprechbühne Wiens und eine der größten im deutschsprachigen Raum.

Am 14. September 1889 eröffnet das Volkstheater mit Ludwig Anzengrubers Der Fleck auf der Ehr. Alfred Bernau überzeugt während seiner Direktion (1918 bis 1924) mit einem modernen Spielplan. Er bringt Autoren wie Gerhart Hauptmann, August Strindberg, Frank Wedekind, Walter Hasenclever oder Ernst Toller auf die Bühne und macht das Haus so zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für das Burgtheater. Nach dem ersten Weltkrieg hat er jedoch mit Mangelwirtschaft und Inflation zu kämpfen, das Haus gerät in eine finanzielle Schieflage. Sein Nachfolger Rudolf Beer (1924 bis 1932)  widmet sich vor allem der Förderung zeitgenössischer Literatur und gesellschaftspolitischen Themen. Er fällt mittelbar dem heraufziehenden Nationalsozialismus zum Opfer – nach einem brutalen Angriff durch SA-Leute begeht er Selbstmord. Ihm folgt Rolf Jahn (1932 bis 1938).

Das Volkstheater während des Nationalsozialismus

Am 9. Juli 1938 wird der Verein „Deutsches Volkstheater“ aufgelöst, das Haus im Zuge des so genannten Anschlusses bis zum Jahr 1945 zu einem „Kraft durch Freude“-Theater. Die Nationalsozialisten nehmen architektonische Veränderungen vor, entfernen etwa Statuen von der Fassade oder übermalen Deckengemälde und Vergoldungen. Für einen geplanten, jedoch nie verwirklichten Besuch Adolf Hitlers bei einer Vorstellung wird eigens das sogenannte „Führerzimmer“, heute als „Empfangsraum“ bezeichnet eingerichtet. Michael Schottenberg möchte es während seiner Direktionszeit (2005 bis 2015) eigentlich entfernen – vom Bundesdenkmalamt wird es jedoch als erhaltungswürdig eingestuft. Nicht nur in die Bausubstanz, auch in den Spielplan greifen die nationalsozialistischen Machthaber ein. Direktor Walter Bruno Iltz (1938 bis 1944) muss sowohl die Vorgaben der „Reichsdramaturgie“ erfüllen, als auch seine fertigen Spielpläne zur Genehmigung einschicken. Die Rolle Iltzes ist ambivalent und in wenigen Sätzen nicht erschöpfend zu klären: Manche beschreiben ihn als eingefleischten Nationalsozialisten, der flammende Propagandareden gehalten habe. Andere loben ihn für seinen durchaus mutigen Spielplan, Inszenierungen, die Widerstand zumindest annehmen lassen und vor allem dafür, trotz Anweisungen kommunistische oder jüdische Künstler/innen wie, als prominentes Beispiel, Dorothea Neff beschäftigt zu haben. 1944 werden Foyer und Dachkuppel durch Bomben beschädigt. 1945 sind die Schäden wieder Großteils repariert, das Haus erhält seinen Namen zurück: Volkstheater. 1980/81 wird das Gebäude aufwändig renoviert und die ursprüngliche Dachkuppel rekonstruiert, das Volkstheater steht seither unter Denkmalschutz.

Von 1945 bis heute: Gesellschaftskritik und starke Frauen

Auf Iltz folgen Rolf Jahn (1945), Günther Haenel (1945 bis 1948) und Paul Barnay (1948 bis 1952). Leon Epp (1952 bis 1968) macht sich als Förderer zeitgenössischer und -kritischer Stücke einen Namen. Die „Stellungnahme zur Zeit“ ist ihm eine „Voraussetzung des Theaters“, triviale Unterhaltungsstücke schließt er von Anfang an aus. Gustav Manker, der dem Haus bereits seit 1938 als Bühnenbildner, Regisseur sowie Ausstattungs- und Oberspielleiter angehört, schafft während seiner Direktion (1969 bis 1979) durch  Raimund- und Nestroyinterpretationen neue Maßstäbe. Überhaupt setzt er auf Österreich, ist das Haus für ihn vordringlich ein „österreichisches“. In die Direktionszeit von Paul Blaha (1979 bis 1987) fällt die Gründung der Volkstheater-Schauspielschule, außerdem die Generalsanierung 1980/81. Emmy Werner, 17 Jahre lang (1988 bis 2005) als erste Frau mit der Leitung eines Wiener Theaters betraut, zeigt in programmatischen Zyklen starke Frauenfiguren. In ihrer Direktionszeit wird der Zuschauerraum auf 970 Plätze reduziert, werden dafür kleine experimentelle Spielstätten geschaffen. Michael Schottenberg schließlich, von 2005 bis 2015 Direktor, setzt sich intensiv mit der österreichischen NS-Vergangenheit auseinander. In der Aufführungsreihe Die Besten aus dem Osten präsentiert er daneben freie Theatergruppen aus östlichen Nachbarländern.

„Blockadebrecher“-Premiere und große Namen

In der nunmehr über hundertjährigen Geschichte des Hauses verwirklichten nahezu alle Direktoren und Direktorinnen die Wünsche und Ziele der Gründerväter: neben Klassikern in aktuellen Inszenierungen standen solche des Wiener Volkstheaters wie Ferdinand Raimund oder Johann Nestroy sowie die jeweilige zeitgenössische Dramatik auf den Spielplänen. So wurden von Gerhart Hauptmann sowohl Vor Sonnenuntergang (1932) als auch Die Ratten (1937) im Beisein des Dichters aufgeführt. Auch auf österreichische Autorinnen und Autoren wurde und wird besonderer Wert gelegt, sie werden regelmäßig am Haus uraufgeführt, wie beispielsweise 1971 Peter Turrinis Rozznjogd (1971). Stücke wie Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald wurden am Wiener Volkstheater zur österreichischen Erstaufführung gebracht, auf der Bühne waren immer wieder große Schauspielerinnen und Schauspieler zu sehen: Hans Albers, Emil Jannings, Asta Nielsen, Curd Jürgens, Gert Fröbe oder Heinz Rühmann. 1963 ist es das Volkstheater unter Leon Epp, das den so genannten Wiener Brecht-Boykott, aufgezogen von Friedrich Torberg und Hans Weigel, mit einer Aufführung von Mutter Courage und ihre Kinder (Regie: Gustav Manker) bricht – obwohl dem Theater für eine Absage der „Blockadebrecher“-Premiere sogar Geld geboten wurde. Neben Dorothea Neff in der Titelrolle spielen in der Aufführung unter anderen Fritz Muliar, Ulrich Wildgruber und Hilde Sochor.

Ab der Spielzeit 2015/16 ist Anna Badora künstlerische Leiterin des Wiener Volkstheaters. Sie setzt auf zeitgenössische Autor/innen ebenso wie auf Klassiker, auf partizipatorische Projekte wie auf neue Theaterformen. Mit dem Volx/Margareten, dem ehemaligen Hundsturm, bekommt das Volkstheater unter ihr wieder ein zweites ständig bespieltes Haus.

Im Mai 2017 erhielt das Haus eine neue Adresse: Nach dem Beschluss des Wiener Gemeinderatsausschusses für Kultur, Wissenschaft und Sport nennt sich das bisher namenlose Pflaster zwischen Burg- und Neustiftgasse und der zweigeteilten Museumsstraße nunmehr Arthur-Schnitzler-Platz. Festlich eingeweiht wurde der Platz am Samstag, den 6. Mai mit einem szenischen Programm außer- und innerhalb des Volkstheaters.