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Ich habe die Regeln der Sprache nicht beachtet.

Selbstbezichtigung

von Peter Handke
Jemand, ein Mann oder eine Frau, man weiß es nicht, vergegenwärtigt sich die Ereignisse seines bzw. ihres Lebens. Doch irritierenderweise erfährt man nichts Persönliches. Zur Sprache kommen Verhaltensmuster – und unausweichliche Fehler.

„Ich bin geboren worden. Ich bin in das Geburtenregister eingetragen worden. Ich bin älter geworden.“ Was so unschuldig beginnt, ändert sich plötzlich: „Ich bin verantwortlich geworden. Ich bin schuldig geworden.“ Ein Start in die Auseinandersetzung mit höheren und niedrigeren Ordnungsmächten. Handkes teils vergnügliche, teils bittere Sprachkritik entstand vor 50 Jahren im Kontext von sprechenden Titeln wie Hilferufe, Weissagung und, berühmterweise, Publikumsbeschimpfung. Spielerisch schickt Peter Handke seine/n Sprecher/in zur Beichte und nötigt ihm oder ihr eine Selbstbezichtigung ab, wie totalitäre Regime sie ihren Sünder/innen abnehmen. Damit zeigt er etwa die Nähe von Katholizismus und Kommunismus auf und diskutiert die bigotten gesellschaftlichen Schuldbegriffe, bis hin zum eigenen Medium: „Gegen welche Gesetze des Theaters habe ich mich vergangen?“ Diese Beichte kann im Theater nur das Publikum abnehmen.

Dušan David Pařízek hat am Prager Kammertheater mehrere Werke von Peter Handke zur tschechischen Erstaufführung gebracht, darunter Die Stunde da wir nichts voneinander wußten, Untertagblues und Publikumsbeschimpfung. Zusammen mit Selbstbezichtigung, seiner dritten Wiener Premiere im Herbst 2015, widmet sich Pařízek am Volkstheater gleich allen „großen Drei“ des zeitgenössischen österreichischen Welttheaters – Jelinek, Bernhard, Handke. Drei, die nicht nur Staat und Gesellschaft, sondern auch das Theater und seine Aufgabe auseinandernehmen.

 

Lesen Sie mehr über Stefanie Reinsperger im Volkstheater-Magazin.

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Pressestimmen

„Die Inszenierung hält der Radikalität des Textes stand, vor allem dank dieser Sprechkönigin, die Worte wie unsichere Gebiete abtastet. (…) Den Kampf mit der Gleichförmigkeit der Satzstellungen hat sie hier eindeutig gewonnen. Man kann ihr in dieser Mischung aus Selbstgeißelung und Wutausbruch nicht nicht folgen. Reinsperger ist ein Magnet, ein Wundergeschöpf aus Selbstermächtigung, Hingabe, Gerissenheit, Witz und Akkuratesse; sie trägt den Titel ‚Schauspielerin des Jahres‘ mehr als zurecht.“

Margarete Affenzeller, Der Standard

„Der Regisseur Dušan David Pařízek und die Schauspielerin Stefanie Reinsperger werden derzeit mit Auszeichnungen zugeschüttet. Wer sich davon überzeugen will, dass diese Zuschüttung völlig zu Recht erfolgt, sollte den Weg ins ‚Volx Margareten‘ nicht scheuen (…). Eine faszinierende, virtuos gespielte und auch sehr witzige Theaterstunde.“

Guido Tartarotti, Kurier

„Aber es wäre nicht Handke, würde dem Text nicht noch eine andere Reflexion zugrunde liegen, die Pařízek ganz bewusst und intelligent aufgreift. Handke verknüpft das Leben mit Theater, folgerichtig lässt der Regisseur seine Schauspielerin mit Projektionen ihrer gemeinsam erarbeiteten Produktionen interagieren. Dabei bleibt für den Zuseher irrelevant, ob man Nora³ am Volkstheater oder Die lächerliche Finsternis am Akademietheater gesehen hat, vermittelt wird einfach eine Überlegung von Entäußerung.“

Bernadette Lietzow, Tiroler Tageszeitung

„Reinsperger schont sich nicht, niemals. Sie veräußert sich, gibt alles, was sie hat – und sie scheint unendlich viel zu haben. Sie lacht und sie weint, sie kann auf Hochdeutsch und auf Wienerisch, kann ganz klein und ganz groß spielen (wobei: ganz groß ist ihr schon lieber), und wenn es bei Handke um sprachliche Plattitüden geht, dann switcht sie auch schnell in den hohlen Pathos, das kann sie natürlich auch. Eine Aufführung wie ein Best-of-Album.“

Wolfgang Kralicek, Süddeutsche Zeitung

„Indem wir leben, werden wir schuldig, indem wir uns zeigen, fehl- und angreifbar: Der junge Handke nahm sich viel papierenen Raum, um dieses Dilemma auszupinseln; bei Stefanie Reinsperger wird es plötzlich erschreckend physisch und konkret. Das Volkstheaterpublikum liegt seinem Star zu Recht begeistert zu Füßen.“

Eva Behrendt, Theater heute

„Unter der Anleitung eines Regisseurs, der seine Lust und sein Gelingen an emphatischer psychologischer Personenführung mehrfach bewiesen hat, erbringt Stefanie Reinsperger eine Meisterleistung, wie man sie auf Wiener Bühnen zuletzt selten gesehen hat. Wie einst Peter Zadeks Schauspieler scheut sie dabei kein Risiko, beherrscht die Mittel aber in einem Ausmaß, das Misslingen ausschließt.“

Heinz Sichrovsky, News