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What the folk? – Interview mit Peter Roessler, Heike Müller-Merten und Hans Escher

Andrea Heinz: Das Festival steht unter dem Titel „Neues Wiener Volkstheater“. Der Begriff des „Volkstheaters“ ist ja eine nicht ganz eindeutig umrissene Gattung. Was versteht ihr darunter?

Peter Roessler: Für mich sind Volkstheater und auch Volksstück nicht definierbare Begriffe, die eben nur in der historischen Bewegung betrachtet werden können. Nehmen wir Autoren wie Ferdinand Raimund, Johann Nestroy, Ödön von Horváth oder Werner Schwab – hier finden sich dermaßen unterschiedliche Positionen, dass man keine Einheitlichkeit konstruieren kann. Hinzu kommt die nachhaltige Beschädigung der Begriffe durch deren Irrationalisierung um 1900 herum bis hin zu späteren faschistischen Aufladungen. Aber es lassen sich doch wiederum auch allgemeinere Phänomene feststellen: So etwa spielt im Volkstheater Komik eine Rolle, etwas, das am heutigen Theater vernachlässigt oder durch ein Vorexerzieren von Spaßmontagen verzerrt wird. Besonders eine Komik, die entlarven und ein gemeinsames Gelächter über erdrückende Verhältnisse erzeugen kann, scheint mir sehr wichtig zu sein, wenn man über Volkstheater nachdenkt.

Heike Müller-Merten: Diese Komik hat etwas mit Unerschrockenheit zu tun. Man setzt sich hier mit den Lebensrealitäten auseinander, indem man mitunter auch bis ins Groteske verzerrte Abbilder dieser Realitäten schafft. Die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Ursprünglich war dem höfischen Publikum die Tragödie vorbehalten, schon damals hat sich das Volkstheater andere Ausdrucksformen gesucht.

Hans Escher: Für mich ist Volkstheater ganz einfach direktes, hoch emotionales Theater, zu dessen Verständnis nicht mehr als die Bewusstheit der eigenen nackten Existenz notwendig ist.

Roessler: Ich sehe heute ein Wiederaufleben von kritischen Fragen, die in diesem Begriff auch enthalten sein konnten. Das ist ein guter Anstoß, nach neuen Stücken zu suchen, neue Sichtweisen auf alte Stücke zu entdecken – und sich vor allem mit unserer Lebensrealität stärker zu befassen sowie auf sie szenisch zu reagieren, um die Abgeschlossenheit des Theaters aufzubrechen. Flucht, Migration, die Beschädigungen durch wirtschaftliche Verhältnisse, die Fetischisierung menschlicher Beziehungen können hier thematisch von Bedeutung sein, immer aber geht es auch um Poesie und Witz.

Müller-Merten: Ein heutiges Volkstheater kann einen Ausdruck finden für eine sich verändernde Stadtgesellschaft und dabei grenzüberschreitend wirken, unterschiedliche Perspektiven aufnehmen. Gerade weil wir uns hier am Wiener Volkstheater befinden, das in Abgrenzung zu anderen Kronländern einstmals als Deutsches Volkstheater gegründet wurde, wollen wir zusammen mit den Wiener Wortstaetten, mit dem Max Reinhardt Seminar auch Sichtweisen von jenseits der Grenze aufnehmen.

Der Begriff Volk wird also dezidiert nicht (mehr) als eine ethnische Gruppe, als Staatsvolk gedacht?

Roessler: Real hat das ja nie gestimmt. Der Begriff des Volkstheaters wurde in Wien übrigens oft dazu verwendet, ein scheinbar ewiges Österreichertum zu allegorisieren. Es gab Klischeevorstellungen von genuin Wienerischen Volkstheaterformen, die sich ohne jegliche Einflüsse von Theaterentwicklungen anderer Länder herausgebildet hätten – das ist nicht nur historisch falsch, sondern auch Ausdruck fataler Abgrenzungen. Wir können die Frage nach dem Volkstheaters überdies auch anders internationalisieren und etwa gleich nach Italien oder Lateinamerika blicken.

Wie definiert sich dann letztlich das „Volk“ in „Volkstheater“?

Müller-Merten: Man kann es genauso wenig festmachen, wie die Klassengesellschaft nicht mehr eindeutig zu definieren ist, wie es das Proletariat als Kampfbegriff nicht mehr gibt – wir leben in einer globalisierten Welt, in der die Unterscheidung in Besitzende und Nichtbesitzende, Mächtige und Ohnmächtige verschwimmt. Stattdessen ist eine große Gruppe Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen. Aus deren Perspektive Urteile zu fällen über gesellschaftliche Entwicklungen kann für das neues Volkstheater lohnend sein.

Escher: Um einen der berühmtesten Volksdichter zu zitieren: Volk sind in erster Linie diejenigen, die mit ihrem Einkommen kaum ein Auskommen haben.

Roessler: Wir leben in einer Periode, in der rassistisch bestimmte Vorstellungen vom Volk in verschiedenen Verkleidungen neuerlich verstärkt auftauchen. Eines der besten Theaterstücke der Zweiten Republik ist wohl Der Herr Karl von Carl Merz und Helmut Qualtinger. Dort ist der kleine Mann als opportunistischer, sich nach den jeweiligen Machthabern richtender Mensch dargestellt. Insofern sind wir vielleicht durch dieses Werk, aber auch durch unsere geschichtlichen Erfahrungen davor gewarnt, idealisierte Volksbegriffe zu verwenden. Zugleich gibt es in unserer Gesellschaft, obwohl scheinbar alles demokratisch und gleichberechtigt zugeht, immer stärkere Tendenzen zur Ausgrenzung von Menschen aus dem Arbeitsprozess, aber auch allgemein – nicht zuletzt durch rassistische Zuschreibungen. Man muss die auf solche Weise ausgegrenzten Menschen ja jetzt nicht gleich als das eigentliche Volk bezeichnen, aber man könnte sich ihrer Interessen annehmen, sie befragen. Das wäre eine Form von demokratischem Bewusstsein, die allerdings auch nicht zu Idealisierungen führen sollte.

Ich habe den Eindruck, es geht nicht mehr um das Verhältnis zwischen Adel und Volk, sondern um das Spannungsfeld System versus Bürger.

Müller-Merten: Ich finde den Begriff System in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Wie der Soziologe Byung-Chul Han in seinen Thesen zeigt: Es braucht nicht mehr die Disziplinargesellschaft, um jede/n Einzelne/n unter Befehlsgewalt zu stellen – das macht jeder und jede Einzelne selbst, der/die sich sozusagen ausbeutet bis zum letzten Atemzug. Diese Systematik finde ich auch im Neuen Wiener Volkstheater sehr interessant. Eines der von uns ausgewählten Stücke etwa, Reigen reloaded, erzählt von dem Bemühen um die Optimierung von Partnerschaften durch die Hilfe des Netzes und davon, welche Blüten das treibt, wie die Menschen Liebe und Beziehung verwalten und fremdbestimmen lassen. Rhea Krčmářová beschreibt darin, wie sich die Leute bereitwillig an ein System ausliefern.

Roessler: Zu erinnern wäre wieder an die Geschichte des Volkstheaters: In den Stücken Nestroys wird etwa auf höchst unterhaltsame Weise vorgeführt, wie die Zwänge der ökonomischen Selbsterhaltung in die Zwischenmenschlichkeit einbrechen, sie zerstören oder zumindest korrumpieren. Die Verdrehungen menschlicher Beziehungen werden dabei über den sprachlichen Wahnwitz dargestellt. Das Thema Sprache findet sich in unserer Auswahl ebenfalls, etwa im Stück Schöne Axt zum Auslichten von Margret Kreidl, in dem es um die ökonomischen Zurichtungen des Sprachlichen geht.

Wie ging die Auswahl der Stücke von statten – und was für ein Bild des „Neuen Wiener Volkstheater“ ergibt sich daraus?

Escher: Durch Mehrheitsbeschluss lebendig wie eh und je.

Müller-Merten: Jede Institution hat sechs Stücke vorgeschlagen, die dann in das demokratische Auswahlverfahren kamen. Wir haben absichtlich keine Definition an den Anfang gestellt und dann Stücke gesucht, die diese Definition beglaubigen oder ihr entsprechen. Lediglich eine paar Grundsätze wurden festgelegt: Neue Stücke, die noch keine Uraufführung hatten, im deutschsprachigen Raum erschienen sind und die sich, was ihre Konfliktlage, ihre Schreibtechnik, ihre ästhetischen Mittel angeht, unter dem Begriff Neues Wiener Volkstheater fassen lassen.

Roessler: Interessant finde ich, dass wir letztlich – ohne dies zu beabsichtigen – nur Texte von Frauen ausgewählt haben. Weiters haben wir, wieder ohne Verabredung, verstärkt Stücke ausgesucht, in denen dialogische Formen in all ihrer Vielfalt zu finden sind. Und schließlich sind Themen und Stoffe bevorzugt worden, die Probleme unserer Gesellschaft behandeln. Haltung und Unterhaltung – das eröffnet vielleicht zeitgemäße Sichtweisen auf das weite Spektrum des Volkstheaters. Und das ist es ja, was wir mit diesem Festival erreichen wollen.