Beyond Autofiction: Wer ist das Monster?
Madame Nielsen war einmal Claus Beck-Nielsen - und heute? Würde sie am liebsten ein Insekt werden. Mit den Dramaturgen Tobias Schuster und Arthur Kornelyuk sprach die dänische Künstlerin über die Grenzen zwischen Kunst und Leben, die Unmöglichkeit der ewigen Liebe und die Frage, wie man das eigene Ich loswird.
Das Volkstheater präsentiert in dieser Spielzeit gleich zwei Romane von Ihnen, „Das Monster“ und „Lamento“. Wie würden Sie die Verbindung zwischen diesen beiden Geschichten beschreiben, wie stehen sie auch zeitlich zueinander?
Madame Nielsen: Beide haben, aber in sehr unterschiedlichen Weisen, eine Verbindung zur Autobiografie von diesem Körper. Dieser Körper, der hier sitzt und mit Ihnen spricht. Obwohl, wahrscheinlich nur die Gene, die Zellen werden ja ausgetauscht. Auch Gehirnzellen.
Madame Nielsen war früher, als sie nicht Madame Nielsen war, eine Art Mann, Claus Beck-Nielsen. Dieser Mann oder diese Männlichkeit hatte eine Beziehung zu einer jungen Autorin in Dänemark, wurde mit ihr verheiratet, bekam ein Kind. Die Geschichte dieser Beziehung war sehr besonders und hat viele Spuren hinterlassen, die weiter gingen für Madame Nielsen und sich in Madame Nielsen immer noch spürbar machen. Und was ich wollte, war ein Roman, ein Lamento, also ein Klagegesang über den gescheiterten Versuch des Ausnahmezustandes des Verliebtseins in eine lebbare und überlebbare Liebe zu ziehen, wo Menschen auch auf die Toilette gehen können, ohne dass das ein Verrat ist.
Inwieweit bezeichnen Sie selbst Ihre Texte als Autofiktion?
Vielleicht könnte ich postulieren, dass alles, was dort drin erzählt wird, wirklich stattgefunden hat. Aber andererseits ist es ja eine völlige Fiktion, weil es aus der Perspektive der ersten Frau des jungen Mannes erzählt wird. Und das heißt, alles ist erfunden. Mit dem Schreiben einer solchen Geschichte wird auch Erinnerung überschrieben. Das heißt, nicht ich erinnere mich, nicht Madame Nielsen erinnert sich, aus der Jetzt-Zeit, sondern die Frau, die ich nie war. Und der junge Mann ist für mich auch und für immer, ein Fremder geworden. Was sehr merkwürdig ist. Das heißt, die Wirklichkeit und damit die Vergangenheit ist auch eine Fiktion geworden.
Kommen wir in der Chronologie noch einen Schritt zurück zu „Das Monster”, eine Geschichte über dieses pulsierende New York der frühen 90er Jahre. Wie war das damals für Sie?
Claus Beck-Nielsen war in New York seit 1993, 1994. Er trat „The Wooster Group” bei, einer Theatergruppe, welche 1975 von Willem Dafoe und Elizabeth LeCompte gegründet wurde. Und er war auf der Bühne mit Willem Dafoe in „Fish Story” damals. Aber er war sehr alleine da, teilweise auch obdachlos. Also „Das Monster” hat eine Spur, die sehr autobiografisch ist, eine, bei der ich denke, das kann ich unmöglich erlebt haben, eine Parallelwelt. Es passierten Claus Beck-Nielsen heftige Sachen damals, abgründige Sachen. Was wiederum sehr starkes Material hergab. Ich glaube, der Roman, wenn man ihn liest, hat auch eine große Einsamkeit.
Je länger man auch über den Roman nachdenkt, desto mehr stellt sich die Frage, was heißt dieser Titel und wer oder was ist in diesem Roman das Monster?
Diese Frage zum Monster wird auch in dem Roman gestellt. Also, wer ist dieses Monster? Ist das die Stadt? Ist das Manhattan, ist das vielleicht die Zeit? Das war ja eine Zeit, in der es viel um den Tod ging – New York, Manhattan war in den frühen 90ern kein Hipster-Ort. Es war kurz nach der ersten AIDS-Sterbewelle. Ich, oder der junge Claus Beck-Nielsen, dachte, jetzt traut sich niemand mehr, miteinander zu schlafen, oder dass alle in monogamen Pärchenbeziehungen leben werden. Ab jetzt, die nächsten 10, 20 Jahre lang. Aber so war es nicht. Der Trieb in den Menschen, die Begierde, die ist so stark, dass man nicht diese Geduld aufbringen konnte …
Vielleicht spielt auch das mit in dieser Frage. Man hatte quasi offen in den Tod geschaut.
Es stellt sich aber auch die Frage, ob Willem Dafoe das Monster ist. Als der junge Europäer in „Das Monster”, der vielleicht mit Claus Beck-Nielsen verwandt ist, in dem Film „The Last Temptation of Christ” zum ersten Mal Willem Dafoe als Jesus in die Wüste gehen sah, da hat er verstanden, dass Willem Dafoe nicht Jesus spielte, er war Jesus. Und dass es vor Willem Dafoe vielleicht gar keinen Jesus gegeben hatte. Vielleicht ist auch Jesus das Monster, oder der Versuch, Jesus zu sein ist monströs.
Das finde ich ist ein interessantes Bild, geht es quasi um die Sehnsucht nach einer totalen Verschmelzung von Kunst und Leben?
Ja. Und auch vom Göttlichen und Menschlichen, dem Größenwahnsinn. Die Hauptperson in „Das Monster” hat kein Geld, er hat kein Obdach, aber nichts desto weniger will er der neue Messias sein.
Und hat Sie dieser Kunstdiskurs, den Sie da erlebt haben im New York der 90er, der ja auf die Performance-Szene der späten 60er zurückgeht, geprägt?
Diese Zeit war für den jungen Mann damals sehr wichtig, und ist es für Madame Nielsen immer noch. Mit den Spuren zurück zu den 60ern und dann wiederum zurück zu den 20ern. Also die zwei 20. Jahrhundert-Avantgarden. Und in dem Sinn ist es genial, dass „Das Monster“ seine Urpremiere hier in Wien feiert. Weil hier gab es ja die Wiener Aktionisten in den 60ern, die ja auch sehr, sehr viel mit Körpern gearbeitet haben. Der Körper spielt ja eine große Rolle in „Das Monster”. Und natürlich auch in „Lamento”.
Welche Rolle spielt der Körper den generell in Ihrem Schreiben?
Das alte Schreiben von Madame Nielsens Ahnen früher hat viel damit zu tun. Die Philosophen, die denken und schreiben Bücher, aber wenn man das Leben von Derrida vergleicht mit dem, was er schrieb, dann denkt man, was ist hier los? Er schreibt so radikale Sachen, er muss ein radikales Leben führen. Aber dann führte er so ein hochbürgerliches Leben mit Champagnergläsern und einer schönen Frau, die ihm das Mittagessen vorbereitet. So sind die ja alle. Nur Foucault hat sich ein bisschen damit versucht, aber daraus entstand auch nur ein Skandal, weil dann hat er Khomeini gelobt und so weiter. Und ich glaube, für mich ist die Kunst, der einzige Ort auf der Welt, wo man wirklich die philosophischen Radikalitäten ernst nehmen und als Praxis umsetzen kann.
Ich habe das Gefühl, dass diese Suche nach so einem Übereinbringen von künstlerischer Radikalität sich in einer Radikalität im Leben niederschlägt.
Und das kommt ja genau auch am Ende von „Lamento”.
Woran scheitert der Versuch dieser beiden Menschen, ihre Beziehungen zu leben? Das Schöne bei „Lamento” ist ja auch, dass man eigentlich ein Paar erlebt, von dem man denkt, das könnte eine Chance haben.
Es scheitert daran, dass sie nicht im Stande sind, die Zeitlosigkeit und den Ausnahmezustand des Verliebtseins in eine lebbare Liebe zu verwandeln. Also in eine Liebe, die diese Alltäglichkeit hat. Das Verliebtsein ist mit der Kunst sehr verbunden. Das ist ein Ort, wohin sich alle hin sehnen, aber die meisten halten es dort nicht aus. Das ist zu viel. Aber eigentlich wollen sie beide dort bleiben. Jedes Mal, wenn sie rausfallen, dann schwören sie, Hand aufs Buch, wir werden nie wieder zurück in die Welt gehen. Wir werden hier bleiben in diesem Ausnahmezustand. Und im Gegensatz zu der Radikalität von den Wiener Aktionisten sind die Verliebtheit und der Orgasmus Dinge, die die meisten Menschen, das Publikum, tatsächlich erlebt haben.
Wir haben diesen beiden Projekten eine Klammer gegeben, betiteln sie als „Zwei Selbstauslöschungen”. Wer oder was wird da ausgelöscht?
Ich habe eine grundlegende Arbeit fortgeführt, welche vor mir von dem Namenlosen, nach dem Tod von Claus Beck-Nielsen, entstand und in der Wannabe-Art von Claus Beck-Nielsen in den 90ern vorbereitet wurde. Im Abgrund hat er eine Lebensform gesucht, und vielleicht auch, kurz, gefunden, bevor er dann buchstäblich zugrunde ging. Der junge Mann in „Lamento” sucht diese Radikalität und will sie, aber ohne ganz zu wissen, wie man sie praktiziert. Nach dem Tod von Claus Beck-Nielsen, bei seinem namenlosen Nachfolger oder Wiedergänger kam ein Begriff dafür auf: Beyond Identity. Das heißt, sich jenseits der eigenen Identität in den Dienst der Menschheit zu stellen, derjenige oder diejenige zu sein, die ein Leben „beyond identities“ probiert, experimentiert, auf so vielen Ebenen wie möglich. „Das Monster” ist diese Selbstauslöschung, auf mehreren Ebenen. Er will Willem Dafoe sein und der Messias, heißt eine Vergrößerung von einem Ich oder einer Person, aber gleichzeitig will er seine eigene Geschichte schreiben. Mehrmals erzählt er ja auch, dass er derjenige war, der den Zusammenbruch der Sowjetunion ausgelöscht hat.
Er will ja, wie er selbst sagt, nie wieder in die Wohnung in West 25th Street gehen. Aber er geht da immer wieder hin. Also dort wird er ja in dem elektrischen Stuhl jede Nacht hingerichtet. Und danach noch penetriert und erfüllt und erlöst. Dort passiert einerseits Übergrößenwahnsinn und andererseits die völlige Selbstauslöschung.
Der Abgrund in Lamento ist wahrscheinlich, dass die Erzählerin, im Gegensatz zu ihrem Geliebten oder Verliebten, auf dem Ich besteht, als Ich leben will. Sie will ein Leben, sie will die Liebe, aber sie will auch sie selbst bleiben, mit einer Sicherheit. Und sie kann nicht mit ihm leben und er kann nicht, er will nicht er selbst sein. Er will sein Selbst in der Verliebtheit, aber auch in seiner Kunst zerstören, auslöschen. Es gibt diese Auslöschungen in „Das Monster”, in der Geschichte und in „Lamento” also auf verschiedene Art und Weise.
Gibt es denn eigentlich noch eine weitere Entwicklung oder eine Transzendenz für Madame Nielsen? Weil Claus Beck-Nielsen hat offen in den Tod geschaut, wie Sie grad sagten, er musste quasi sterben.
Mir erscheint es heute langsam bürgerlich, also fast spießbürgerlich, dass ich jetzt Madame Nielsen geworden bin und immer noch bleibe, auch in der Zukunft. Als Madame Nielsen geboren wurde, war es immer noch so … Wow! Aber jetzt … Jetzt ist es ja keine Sensation mehr, dass ein nicht mehr ganz junger Mann eine Frau wird. Ich habe am liebsten keine Identität und in dem Sinn wäre es viel interessanter, ich hätte die körperlichen und genetischen Möglichkeiten, ein Insekt zu werden. Aber das ist sehr kompliziert als Insekt in dieser Gesellschaft zu leben. Also wie macht man am Volkstheater einen Vertrag mit einem Insekt? In diesem Sinne ist es schwierig, deshalb sind meine weiteren Möglichkeiten begrenzt. Die neuen Daseinsformen spielen sich meistens in Videos, Fotos und Texten ab. Bisher. Ich werde demnächst in Dänemark eine Produktion haben, wo wir versuchen, mit KI eine Vorstellung zu gestalten, wo zuerst die Sprache von Madame Nielsen übernommen wird, dann das Bild von Madame, und schließlich auch der Körper, sodass dieser Körper hier nicht mehr da sein muss. Aber das ist KI und für mich wäre eigentlich interessanter, wenn ich tatsächlich ein Insekt werden könnte. Das war ja selbst bei Kafka nur so ein Traum, ein vermeintlicher Albtraum. Ich glaube ja, bei Kafka lag auch eine Utopie darin, es war nicht nur ein Albtraum aufzuwachen. Es war auch eine Möglichkeit für Kafka, glaube ich, sich ein anderes Dasein vorzustellen. In einen kleinen persönlichen Abgrund hineinzuschauen.
Nur noch eine Nachfrage zu „Lamento”: Wenn Sie aus der Zeit von Claus Beck-Nielsen schreiben, dieser aber tot ist und Sie eigentlich aus einer Position, die mit ihm interagiert hatte, schreiben, ist das quasi eine fiktive Autobiographie?
Mein englischer Verlag hat in Bezug auf „Lamento” den Begriff der Reverse Autofiction benutzt. Es ist eine Autofiktion, die umgekehrt ist, sich gegen sich selbst gekehrt hat und dann keine Autofiktion mehr ist.
Ich dachte: In Skandinavien war ich eine Vorläuferin. Da war Claus, und dann der Namenlose, der hat 2003 ein Buch rausgebracht: eine Biografie über Claus Beck-Nielsen. Das war ja keine Selbst-Biografie, keine Autobiografie. Sondern eine Biografie von dem Körper oder dem Nicht-Ich geschrieben, der nach dem Tod von Claus Beck-Nielsen immer noch da war, der diesen Körper ertragen musste. Und das hieß damals noch nicht „Autofiktion”, dann kam Knausgård, und dann entstanden diese Begriffe und jetzt sprechen alle davon, fast alle Bücher sind Autofiktionen. Und das heißt auch, ich will am liebsten keine Autofiktion schreiben sondern allenfalls eine Autofiktion, die sich gegen sich selbst kehrt, wie in “Lamento”, oder aus sich heraus tritt und vielstimmig wird, wie in meinem neuen Roman „Das Zeitgeisterhaus“. Beyond Autofiction!
Fotos:
Madame Nielsen in DAS MONSTER, Credit: Apollonia T. Bitzan
Alicia Aumüller und Bernardo Arias Porras in LAMENTO, Credit: Apollonia T. Bitzan und Antonia Mayer







