Nah, wie geht’s? Oder: Wie nah geht’s? In unserer zweiten Spielzeit am Volkstheater wollen wir das herausfinden. Wir fühlen uns angekommen, jetzt wollen wir näherkommen und Sie und Euch noch näher an uns heranlassen. Denn Theater ist für uns eine Kunst der Nähe, die den Ab- und Ausgrenzungen, den gesellschaftlichen Zerreißproben unserer Zeit etwas entgegenzusetzen hat: Die Menschen auf der Bühne, die sich nur wenige Meter von uns entfernt allabendlich die Blöße des Spielens geben, die Menschen, die sich dicht an dicht im Saal versammeln, und schließlich das, was zwischen Bühne und Publikum passiert: Erlebnisse, die Auseinandersetzung provozieren und Gemeinschaft bilden.

Viele der Spaltungen, Radikalisierungen und autoritären Entwicklungen, die wir in Österreich, in Europa und weltweit erleben, gehen von rechts aus. Zu Beginn der Spielzeit werde ich vier Texte, die Elfriede Jelinek zwischen 1988 und 2025 geschrieben hat, unter dem Titel DIE ANKUNFT zu einem Theaterabend kombinieren, um beängstigende Verbindungslinien in den Blick zu nehmen. In einer Zeitreise von den toxischen Ursprungsmythen völkischen Denkens über die Naziverbrechen in Rechnitz, den Terror des NSU in Deutschland bis zum Rechtsruck hierzulande.

Und wenn die Gruppe Nesterval das gesamte Volkstheater 100 Jahre zurückverwandelt und zur immersivenRevue NESTERVALS 1927 einlädt, werden die Zeiten, in denen es um nichts Geringeres als die Verteidigung der Demokratie geht, noch einmal auf eine ganz andere Weise spürbar.

Was bedeuten solche Zeiten aber überhaupt für die Kunst? Daniil Charms’ JELISAWETA BÄM (Regie: Claudia Bauer) soll von dubiosen autoritären Schergen verhaftet werden, ihr Autor starb im stalinistischen Gefängnis. Hans Magnus Enzensberger thematisiert in DER UNTERGANG DER TITANIC von 1977, wie komplex es ist, ein Bild für kriechende Krisen zu finden, und Arman T. Riahi zeigt eine Comédienne aus dem Jahr 2026 als EINE SCHUTZWÜRDIGE PERSON, die uns – so die Fortsetzung des Uraufführungstitels – davon erzählt, WIE ICH ES GESCHAFFT HABE, MIT EINEM WITZ DIE GANZE WELT GEGEN MICH AUFZUBRINGEN.

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Der Humor ist neben dem Politischen ein Eckpfeiler des neuen Volkstheaters. Kaum etwas kann so verbinden wie gemeinsames Lachen. Diese Form von Nähe werden wir vielseitig herstellen: Zu Arman T. Riahi gesellt sich Molière mit seiner SCHULE DER FRAUEN, inszeniert aus der Doppel-Perspektive von Sarah Viktoria Frick und Martin Vischer; mit NA GUT, DANN ACTION! zeigen wir ein neues Slapstick- Meisterwerk der Mischief Theatre Company, und in der österreichischen Erstaufführung der Komödie DER LIEBLING von Svenja Viola Bungarten geht es um den wahnwitzigen Machtkampf zweier ziemlich patriarchialisierter Unternehmerinnen, die mit Menstruationshygiene-Artikeln Wirtschaftsimperien aufgebaut haben.

Und sonst? Behalten wir ganz bewusst unser radikal breites Spektrum an Erzählweisen bei und gehen noch weiter in Extreme. Etwa mit WHAT IF I FALL, wenn die Theaterkünstlerin Lies Pauwels Ensemblemitglieder, Menschen mit psychischem Leiden und Gamben- und Theorbenspieler:innen aus Vivaldis Zeit zusammenbringt, wenn wir mit der Uraufführung LAMENTO eine Retrospektive auf die Ausnahmekünstlerin Madame Nielsen verbinden oder wenn das Langzeitprojekt DAS WIENER VOLKSOHR sein Finale in einer Performance feiert.

Die Annäherung an große Theaterfiguren kommt dabei nicht zu kurz: Shakespeares MACBETH und Lady Macbeth werden von unserer Hausregisseurin Rieke Süßkow in die Gewaltspirale einer Gaming-Welt versetzt. Den virtuellen Machtgelüsten wird ein virtuelles Nähebedürfnis gegenübergestellt, wenn Merril, die Hauptfigur in unserer österreichischen Erstaufführung ANTHROPOLOGIE, ihre vermeintlich verstorbene Schwester mit Hilfe von KI zum Leben erweckt. Büchners WOYZECK zeigen wir als Monolog eines Vereinsamten, und Ibsens HEDDA wird, weitergeschrieben von der Wiener Autorin Gerhild Steinbuch, zum Zerrbild von Rollenerwartungen und Abstiegsängsten unserer Zeit. Außerdem wird DIE KLEINE HEXE lebendig: als Bewegungstheater in den Bezirken für alle ab sechs.

Und wir nehmen Nähe ganz wörtlich, indem wir mit voller Kraft fortsetzen, was uns sehr wichtig ist: Outreach! Wir kommen zu Ihnen und Euch, Sie und Ihr zu uns. Für diese Form von Nähe stehen das VOLKSTHEATER BEZIRKE mit seinem Programm und seinen Mitmach-Formaten, unser SCHULNETZWERK und unsere OPEN HOUSE Veranstaltungen im Volkstheater mit Workshops, Probenbesuchen, Community- Abenden und vielem mehr.

Für die Spielzeit 2026/27 wünsche ich uns ein gutes Näherkommen.
Mit jedem Stück ein Stück weiter.

Herzlich
Jan Philipp Gloger