„WHO IS THIS HUMAN WITHOUT MACHINES?“
Regisseur Ran Chai Bar-zvi über das Gefühl der Fomo, die Allgegenwärtigkeit unserer Bildschirme und die Arbeit in der kleinen, etwas abgelegenen Dunkelkammer.
Wie ist deine persönliche Verbindung zu Fomo?
Mein Handy erst mal, ganz praktisch. Durch die Arbeit an dieser Produktion habe ich kapiert, wie viele wichtige Entscheidungen ich in meinem Leben aufgrund von Fomo getroffen habe. Und diese Entscheidungen haben wiederum neue Fomo ausgelöst. Ich bin in Jerusalem aufgewachsen, quasi die langweilige Stadt neben Tel Aviv, in einem Land im Schatten von Europa, im Schatten von Amerika, das hat mich geprägt. Deshalb bin ich 2012 nach Berlin gezogen. Aber das Erste, was ich dort gemacht habe, war zu schauen, was meine Freunde in Jerusalem machen.
Und jetzt bin ich als Regisseur ständig unterwegs und sehe aus der Ferne das Leben in Berlin. Ich gehöre zur ersten Generation, die mit Social Media aufgewachsen ist und keine Vorbilder hatte, wie man es gesund nutzt. Man ist in einer Beziehung, trennt sich, und dein Ex ist immer noch ständig in deinem Leben und verschwindet auch nicht, weil er immer in deinem Handy ist. Also es gibt Sachen, von denen wir uns eigentlich verabschieden sollten, aber wir tragen sie durch Social Media immer mit uns, sei es ein anderer Lebensentwurf oder ein anderer Mensch.
Was war deine Inspiration für eine Stückentwicklung zu FOMO?
Meine Nichte war bei ihrer Bat Mizwa zum ersten Mal im Ausland, in London, und sie hat es gehasst. Aber sie wollte die ganze Zeit Fotos machen, und wollte, dass immer alle lachen. Ich habe sie dann gefragt, warum wir immer lachen müssen, wenn sie alles so schrecklich findet. Sie wollte, dass wenn sie in der Zukunft die Fotos sieht, denkt, dass sie Spaß hatte – weil alle Spaß haben, wenn sie im Ausland sind. Und ich fand das interessant, weil das nicht nur Fomo ist, sondern sowas wie eine Fomo-Vorsorge. Sie vergleicht sich schon jetzt mit anderen in der Zukunft und will, dass sie quasi eine Versicherung hat. Sie vermarktet sich selbst für sich selbst. Das war ein Anlass, dieses Thema mal auf die Bühne zu bringen.
Würdest du sagen, dass Fomo ein neues, digitales Phänomen ist?
Gefühle wie Neid oder Angst, die mit Entscheidungen einhergehen, sind nicht neu, nein. Aber ich glaube, Fomo im Kontext von Social Media ist die Zuspitzung, eine Art Turbo-Version von der Angst etwas zu verpassen. Durch Social Media sind wir uns immer bewusst, wie das Leben von anderen gerade aussieht – sogar von Menschen, die wir nicht einmal kennen. Dieser Reichtum an Information bringt die Illusion, dass man alles machen, wissen, schaffen kann, da entsteht so ein Hunger. Ich glaube, wir sind jetzt an einem Wendepunkt in der Geschichte, wo wir wirklich lernen müssen, wie wir mit diesen Technologien umgehen, because we haven‘t figured it out yet.
Du erzählst das Phänomen Fomo auch anhand von Dating – wo besteht da für dich der Zusammenhang?
Ich glaube, für mich ist Fomo vor allem dann problematisch, wenn sie meine persönlichen Beziehungen beeinflusst. Mit Dating kann man genau das zeigen. Diese ganzen Dating-Apps funktionieren auf Basis von Fomo, the fear of losing out on something or on someone. Also die Tatsache, dass man auf Tinder zum Beispiel nicht zurückswipen kann – das hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn du in einer Bar oder bei einer Party bist, kannst du natürlich jeden mehrmals sehen. Aber das Gefühl von, „Ich muss mich jetzt sofort entscheiden und kann mich auch nicht umentscheiden“, it’s anxiety-inducing. Und es spiegelt einfach nicht die Realität von Kennenlernen und Liebe wider. Und schon gar nicht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Und darüber sprechen wir auch im Stück – who is this human without machines, without the technology? Wir haben keine Ahnung mehr. Unsere Behauptung in dem Stück, dass wir das herausfinden könnten, ist genau das: Nur eine Behauptung.
Auf der Bühne sind überall Bildschirme. Existiert der Mensch nur noch im Überfluss des Digitalen?
Ja, wir wollen mit dem Bühnenbild den Kampf vom Menschen gegen die Maschine zeigen. Das Digitale auf der Bühne soll stören. Und es ist auch eine bewusste Entscheidung, dass Andrej die Monitore nicht wegschiebt oder abschaltet, weil er keine Macht hat. Sie geben den Ton an. Dieser Raum mit dem Halbkreis bietet eigentlich die Möglichkeit, mit dem Publikum sehr verbunden zu sein, die Bildschirme arbeiten dagegen an.
FOMO ist das erste Einpersonenstück, das du schreibst und inszenierst. Wie war das für dich?
Ja, many Firsts – und das erste Mal in Wien. Wie war das für mich? Challenging, sehr, aber es war schön mit Andrej zu arbeiten, ich bin noch nie so nah an den Schauspieler gekommen. Wir sind allein in diesem kleinen Raum, und reden die ganze Zeit über die große Bühne im Haupthaus. Ich hatte ich hier im Volkstheater schon einen Schock, als ich die Dunkelkammer gesehen habe. Da fragte ich mich, woran denkt jemand, der in so ein schönes Theater reinkommt und dann in diesem schwarzen Raum landet? Wir waren uns während der Proben immer bewusst, dass wir gerade Fomo erleben, aber gleichzeitig auch die Heilung von Fomo. Dass die Produktion so klein ist, erlaubt uns, einander wirklich kennenzulernen. Und da hat man gesehen, dass menschliche Connection eine Art Medizin gegen Fomo ist. Wir wollten das Gefühl „Ich will eigentlich auf der großen Bühne sein“ in „Eigentlich liebe ich diesen kleinen Raum“ verwandeln.
Das Gespräch führten Arthur Kornelyuk und Luise Hintersteininger.
Foto Ran Chai Bar-zvi: Sandra Then
Szenenfotos: Apollonia T. Bitzan






