ALL RIGHT. GOOD RIGHT

Wien-Premiere//Koproduktion
EIN STÜCK ÜBER VESCHWINDEN UND VERLUST
von Helgard Haug//Rimini Protokoll
Das Theater ist der Ort der Vergegenwärtigung und Präsenz. Alles ist live. Alive. Die Körper auf der Bühne sind für mich da, ihre Stimmen sprechen zu mir – jetzt und hier, in dieser Sekunde in diesem Raum. Doch was geschieht mit dem Theater, wenn für eine Aufführung diese so selbstverständliche menschliche Präsenz verschwindet? Was bleibt dann übrig?
Am 8. März 2014 startet der internationale Passagier-Linienflug MH370 der Malaysia Airlines am Flughafen Kuala Lumpur mit Zielort Peking. Um 01:20 Uhr Ortszeit verlässt der Kapitän den malaysischen Luftraum. „Good Night, Malaysia Three Seven Zero“, waren seine letzten aufgezeichneten Worte. Danach verschwand das Flugzeug vom Radarschirm – und das vielleicht größte Rätsel der Luftfahrtgeschichte nahm seinen Lauf. Trotz millionenschwerer Suchkampagne mit Seeaufklärern und Flugzeugen, trotz Involvierung internationaler Geheimdienste, trotz Analysen zahlloser Wissenschaftler*innen, trotz Tauchrobotern und Ultraschallgeräten in 4000 Metern Tiefe, trotz hier und da angeschwemmter Wrackteile: Was geschah, bleibt völlig unklar. Keine Spur von MH370 und den 239 Menschen an Bord.
Menschen verschwinden jeden Tag. Allein in Österreich gibt es täglich 30 Vermisstenmeldungen. 98% davon werden innerhalb eines Jahres aufgeklärt. Doch zwei Prozent bleiben verschwunden, für immer. Und: Menschen verschwinden in die Demenz, gehen verloren und sind doch körperlich anwesend. Knapp 130.000 Menschen sind in Österreich daran erkrankt.
Im Sommer 2014 wird der Sohn der Autorin Helgard Haug zehn Jahre alt. Von seinem Großvater erhält er vier Glückwunschbriefe. Der Inhalt fast identisch; jeder Umschlag mit Sondermarke frankiert. Ein Jahr später kam gar keine Karte, der Geburtstag war wohl vergessen worden, und irgendwann bekommt diese Vergesslichkeit einen Namen und wird zur Krankheit: Demenz. Der Name des Enkels gerät in Vergessenheit, dann die Tatsache, dass es einen gibt und schließlich die Gewissheit über die eigene Person. 370 NOT FOUND ist das Protokoll dieses unumkehrbaren Prozesses.
Helgard Haug und ihre Kollaborateur*innen überprüfen nach ihrem letzten großen Erfolg CHINCHILLA ARSCHLOCH, WASWAS (2019) auch mit 370 NOT FOUND den Theaterapparat auf Herz und Nieren. Wie sieht ein Theater aus, das auf das Verschwinden statt auf das Erscheinen setzt? Denn in unserer voll überwachten Welt ist das Unvorstellbare immer noch möglich – der plötzliche und nicht aufzuklärende Verlust. Die Geschichte des Flugunglücks bildet den Startpunkt eines Musiktheater-Essays, für den die Elektropop-Künstlerin Barbara Morgenstern erstmals für ein klassisches Orchester komponiert. Es wird eine weitgreifende Reise zu all jenen ambigious losses (uneindeutigen Verluste), wie es die US-Psychologin Pauline Boss benennt: von der fieberhaften Suche nach MH370 bis hin zum allmählichen Verlust des eigenen Gedächtnisses.
Besetzung
Regie, Konzept und Text 
Bühne 
Komposition 
Dirigent 
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 Wien-Premiere 
Mi
30.03.2022
19:30
3 Std.
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