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33 Gesänge von Hans Magnus Enzensberger
14. April 1912. Um 23:40 Uhr zerschneidet ein Eisberg den Rumpf der RMS Titanic. Der Stunden dauernde Untergang des als unsinkbar geltenden Luxusschiffs ist die berühmteste Katastrophe der transatlantischen Seefahrt. Zahllose Filme, Bücher, Ausstellungen, Aufführungen und Fantasien sind ihr gewidmet. Zu den aufregendsten zählt ein Versepos des deutschen Lyrikers Hans Magnus Enzensberger, das er in Anlehnung an Dante „eine Komödie“ nennt. Es erzählt von Absurditäten während des Sinkens, von der Situation in den Rettungsbooten, der Mannschaft, von Toten, Überlebenden und den Hierarchien an Bord. Mal lyrisch dicht, mal lapidar, mal politisch. Es geht um Salongemälde, die Speisenfolge beim First-Class-Dinner oder die drückende Enge im Unterdeck. Ergänzt um Zeitangaben, Temperaturen, Geräusche – die unermüdlich weiterspielenden Musiker hörte man angeblich bis zuletzt.

Aber es geht um weit mehr als diesen konkreten Untergang: 1977 unter dem Eindruck von atomarer Hochrüstung, Energiekrise und ersten Warnungen vor dem menschengemachten Klimawandel verfasst, macht Enzensbergers selten gespielter Text die Titanic zum Bild für eine Zivilisation, die ungebrochen an Fortschritt, die Verheißungen der Technik und trügerische Sicherheit ihrer Komfortzonen glaubt, während die Katastrophe längst Realität ist. Ein halbes Jahrhundert später ist sein vielstimmiges Panorama relevanter denn je. Es eröffnet einen überzeitlichen Denkraum, stellt Fragen nach Verantwortung, Wahrnehmung und kollektiver Entscheidungsfindung – und zur Rolle der Kunst darin. Aber solange unsere Katastrophe nur ein lang angekündigtes Ereignis ist, das keiner wahrhaben will, betreiben wir, die Leute an Bord des Luxusliners, seelenruhig weiter unsere Gymnastik.

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