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Illustration: Valerie Tiefenbacher

Urfaust/FaustIn and out

von Johann Wolfgang Goethe/Elfriede Jelinek
Seit Jahrhunderten ist der Literaturkanon des Theaters männlich dominiert. Klassiker von Frauen sind immer noch eine Randerscheinung. Zeit für einen feministischen Racheakt − im Untergrund des Volx/Margareten

Das Leben des Johann G. Faust, eines Scharlatans des 16. Jahrhunderts, wurde posthum zur Legende. Ende des 18. Jahrhunderts, im Übergang zur europäischen Moderne, setzte ihm Goethe ein unverrückbares Denkmal. Sein Faust wurde zum Sinnbild der Männlichkeits-, Verzeihung, Menschheitsgeschichte. „Du sollst überbleiben, überbleiben von allen“, lässt Goethe im Urfaust Margarethe ihr literaturgeschichtlich immer noch gültiges Urteil fällen.
Wie ein Raubvogel stürzt sich Elfriede Jelinek in ihrem Sekundärdrama FaustIn and out auf Goethes Klassiker: „Die großen Kulturschöpfungen kommen ja nicht von der Frau. Aber manchmal kann sie wenigstens mit einem kleinen Daunenkissen auf den Marmor einschlagen.“ In Jelineks Überschreibung sickern moderne Fernsehbilder männlicher Gewalt – Fritzl, Kampusch, aber auch alltägliche Gewalterfahrungen überwiegend namen- und geschichtenloser Frauen. Jelinek gibt denen eine Stimme, die in der Öffentlichkeit zum Schweigen verdammt sind: „Ich schreie laut, dass alles erwacht. Aber wer sollte mich hören?“

Im Kellertheater des Volx/Margareten treten Jelinek und Goethe in einem Theaterwettstreit gegeneinander an, inszeniert von der Wiener Regisseurin Bérénice Hebenstreit (Superheldinnen, Watschenmann).

 

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Bettina Stokhammer (theaterpädagogische Beraterin in den Schulen) empfiehlt:
“Das Stück ist nichts für Anfänger/innen. Man sollte Goethes Faust zumindest ausschnittsweise kennen und auf die assoziative Sprache Elfriede Jelineks vorbereitet sein. Außerdem sollte man vom Fall Fritzl gehört haben. Sind diese Voraussetzungen aber erfüllt, bekommt man ein mitreißendes, berührendes, amüsantes und höchst originelles Stück zu sehen, das Schülerinnen und Schüler einer siebten oder achten Klasse packen und sie intellektuell reizen kann. Es empfiehlt sich vor allem für Klassen, die Theatererfahrung haben und eine entsprechende Sehgewohnheit mitbringen. Für diese aber wird es ein einmaliges Erlebnis sein, das durch die Überschneidung zweier maturarelevanter Texte in knappster Form (das Stück wurde auf 90 Minuten runtergebrochen) sowohl Jelinek als auch Goethe in einer außergewöhnlichen Umsetzung erschließt und viele Fragen eröffnen wird. Eine große Empfehlung für theateraffine Jugendliche.”

Das Junge Volkstheater bietet gerne kostenlose vor- und nachbereitende Workshops oder Stückbesprechungen mit dem Ensemble und dem begleitenden Dramaturgen an. Auf Nachfrage senden wir Ihnen eine Material-Mappe mit Hintergrundinformationen und theaterpädagogische Übungen zur Vorbereitung im Unterricht zu.


mit Günter Franzmeier (Faust), Steffi Krautz (GeistIn), Sebastian Pass (Zweiter Geist), Nadine Quittner (FaustIn)

Pressestimmen

„In der zweiten Spielstätte des Wiener Volkstheaters, im Volx/Margareten, brachte Regisseurin Bérénice Hebenstreit eine Art Remix auf die Bühne – sie lässt Goethes ‚Urfaust‘ auf Jelineks Text prallen. Dabei gelingt ihr ein äußerst intelligenter, ebenso schockierender wie witziger 90-Minuten-Theaterabend, der vom Premierenpublikum heftig bejubelt wurde. (…) Tolles, experimentelles Theater!”
Guido Tartarotti, Kurier

„‚Warum all die Mädels in den Kellern? Sie könnten ja auch in einem Turm gehalten werden?‘ Obwohl Sätze wie diese wiederholt schockieren, ist der Abend dabei auch redegewandt komisch. (…) Fantastisch: Steffi Krautz“
Sara Schausberger, Falter

„Im Volx/Margareten hat Bérénice Hebenstreit Elfriede Jelineks Daunenkissenschlacht gegen Marmorkopf-Goethe inszeniert (…) Hebenstreit samt Dramaturg Michael Isenberg haben die Texte derart genialisch verschränkt, dass man verteufelt gut achtgeben muss, wo Geheimrat aufhört und Literaturnobelpreisträgerin anfängt. (…) In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem ‚lieben Menschheitsdrama‘ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der ‚immer gleichen Bilder‘ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht.“
Michaela Mottinger, Mottingers Meinung

„Beeindruckender ‚Urfaust‘ nach Goethe und Jelinek (…) Regisseurin Bérénice Hebenstreit hat sich für den Text eine herrliche Bebilderung ausgedacht (…) In Nonsenshandlungen ausufernde Verrichtungen, die sich um Socken (des Hausherrn?) drehen, konterkarieren die Härte des Textes. Fast mehr als mit seiner guten Absicht punktet der Abend mit der Absurdität in Wort und Bild.“
Michael Wurmitzer, Der Standard

„Bérénice Hebenstreit überzeugt in ihrer Inszenierung mit ungeheuer starken Bildern (…) Beklemmend die Kellerszenen, brillant die feinen Clownerien mit ihren absurden Ritualen.“
Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung

„Den Kellertragödien zum Trotz hat Elfriede Jelinek nicht wenig absurde Komik eingebracht, und darauf setzt die Regisseurin mit Nachdruck. Steffi Krautz als resolut-wortgewandte GeistIn hat oft die Lacher auf ihrer Seite (…).“
Reinhard Kriechbaum, nachtkritik.de

„Während dabei Pass als Mephisto und Quittner als Gretchen erfolgreich die Balance zwischen Theaterpathos und Ironisierung halten, erweist sich Krautz als brillante Anwältin des Jelinek’schen Verfahrens, mit den Mitteln der Sprache gesellschaftliche Dinge kenntlich zu machen: pointiert, zynisch, doppeldeutig. (…) Am Ende greift Nadine Quittner zum Mikrofon und wird aus Goethe und Jelinek mithilfe der Musikerin Kathrin Kolleritsch ein angriffiger Rap-Song. ‚Wir brauchen Geschichten‘, heißt es da. ‚Wir können nur werden, was wir uns vorstellen können.‘ Zu dieser Inszenierung kann man sich vieles vorstellen. Etwa, dass sie ein Hit wird. Das Zeug dazu hätte sie.“
Wolfgang Huber-Lang, APA